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Klimazwillinge: Deutsche Städte auf Mittelmeer-Kurs

Modellszenarien zeigen: In 60 Jahren könnte das Klima in Hamburg oder Dresden wie das an der Adria sein. Die Städte müssen sich vorbereiten.

Von Jörg Schurig, dpa

27.08.2026

In diesem Sommer wurden in deutschen Städten Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius registriert (Archvibild). Robert Michael/dpa-Zentralbild/ZB

In diesem Sommer wurden in deutschen Städten Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius registriert (Archvibild). Robert Michael/dpa-Zentralbild/ZB

© Robert Michael/dpa-Zentralbild/ZB

Was haben Dresden und Kupinovo in Serbien, Magdeburg und das italienische Bomborto oder Erfurt und Zrnovci in Nordmazedonien gemeinsam? Sie sind sogenannte Klimazwillinge. 

In den drei Landeshauptstädten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wird das Klima nach Modellszenarien in 60 Jahren so sein, wie es in den genannten Zwillingsstädten heute schon ist. Eines ist bereits klar: Die Klimazonen verschieben sich nach Norden - alle Regionen in Deutschland bekommen ein Klima, wie es heute im Mittelmeerraum und auf dem Balkan vorherrscht. 

Zu diesem Ergebnis kam schon 2021 eine Studie, an der unter anderem das Umweltbundesamt mitwirkte. Dafür wurden Kenngrößen wie mittlere Lufttemperaturen, Niederschläge und Windverhältnisse aus den Jahren 1986 bis 2015 von 41 deutschen Orten in allen Bundesländern und über verschiedene Landschaftsformen verteilt untersucht. Danach verglich man die Kenngrößen mit Regionen in Europa, in denen es von 1960 bis 1991 im Schnitt ähnliche Werte gab. So fand man die Zwillinge. 

Deutsche Städte können von ihren Zwillingen lernen

„Es zeigte sich, dass die Regionen allesamt 100 bis 600 Kilometer weiter südwestlich lagen - bis nach Frankreich hinein“, schrieb die Autorin Alice Quack in einem Beitrag für den Verein Deutscher Ingenieure. Die Idee der „Klimazwillinge“ hat eine ganz praktische Seite: Städte können so vorausschauend planen. Wenn sie wissen, welches Klima ihnen bevorsteht, können sie von ihrem Zwilling lernen - etwa bei Architektur, Hitzeschutz, Bewässerung oder Baumarten.

Einige Städte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen würden in puncto Klima „italienische Verhältnisse“ erleben, erwarten die Autoren der Studie. Sie könnten vor allem von Städten in der Emilia-Romagna lernen. Das gilt etwa für Leipzig mit dem Zwilling Molinella, für Zwickau und Gera mit Ripapersico, für Dessau (Altedo) und Jena (Gambulaga). Für Weimar wäre Lapovo in Zentralserbien ein Ansprechpartner, für Chemnitz Toletino in der italienischen Region Marken. Auch in einer interaktiven Karte des Zentrums für Umweltwissenschaften der US-Universität Maryland können solche Szenarien durchgespielt werden.  

Enorme Herausforderung für die jeweiligen Regionen

Das Umweltbundesamt schreibt dazu: „Hamburg mit einem Klima wie an der Adria, in der Lausitz das gesamte Jahr hohe Temperaturen wie in Nordspanien und in Frankfurt mit Kroatien vergleichbare klimatische Bedingungen. Vielen Menschen dürfte dieser Gedanke auf den ersten Blick gefallen.“ Doch was wie ein angenehmes Gedankenexperiment klinge, bedeutet eine enorme Herausforderung für die jeweiligen Regionen, Ökosysteme und Infrastrukturen.

Nach den Prognosen nimmt die Sonnenscheindauer in den kommenden Jahrzehnten zu (Archvibild). Martin Schutt/dpa

Nach den Prognosen nimmt die Sonnenscheindauer in den kommenden Jahrzehnten zu (Archvibild). Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Mittlere Temperaturen werden sich ohne Gegenmaßnahmen erhöhen

Bei einem Klimawandel ohne Klimaschutzmaßnahmen würden sich die mittleren Temperaturen in den nächsten Jahrzehnten deutlich erhöhen, wobei die mittleren Niederschläge sich nur wenig verändern würden, hieß es weiter. Am Ende des Jahrhunderts könne sich das Klima der meisten deutschen Städte zwischen den früheren Bedingungen an der französischen Atlantikküste und der Adriaküste von Mittelitalien bis Kroatien bewegen. 

„Städte, die heute für deutsche Verhältnisse relativ kühl und feucht sind, wie Hamburg, Bremerhaven oder Stralsund, können klimatisch in der Nähe der französischen Atlantikküste - zwischen Nantes und Bordeaux - landen“, heißt es in der Prognose des Umweltbundesamtes. Relativ heiße und sehr trockene deutsche Städte wie Brandenburg oder Cottbus könnten ein Klima wie in Nordspanien etwa in der Nähe von Pamplona haben.

Geschwindigkeit der Veränderung macht Klimawandel gefährlich

„Der Vergleich gibt Anregungen, was sich alles in Deutschland ändern müsste, damit wir uns auf ein zukünftig sehr viel wärmeres Klima vorbereiten können. Und es wird auch deutlich, was den Klimawandel so gefährlich und zu einer solchen Herausforderung für die Anpassung macht: die Geschwindigkeit der Veränderung“, betonen die Experten. Auch wenn Analogien plastisch seien könnte, bedeute das nicht, dass etwa Gebäudestrukturen oder Ökosysteme einer anderen Stadt einfach nachgebaut werden könnten.

Der Dresdner Klimatologe Daniel Hertel weist auf Unwägbarkeiten hin. Es gehe weniger um Prognosen als vielmehr um Klimamodelle, um Projektionen. „Man projiziert das aktuelle Klima in eine mögliche Zukunft. Das können verschiedene Zukünfte sein. Deswegen hat man immer eine Bandbreite, in welchem Bereich sich das wahrscheinlich abspielen wird.“ Man könne aber nicht sagen, dass es zum Zeitpunkt X an diesem oder jenem Ort genauso sein werde.

Mehr Sonnenschein - höhere Verdunstung

Hertel zufolge lassen sich generelle Aussagen aber ableiten - etwa beim Blick auf die Temperatur. „Die Temperatur erhöht sich. Das hat Auswirkung auf die Verdunstung, die drastisch angestiegen ist. Hinzu kommt eine Zunahme der Sonnenscheindauer, die gleichfalls Einfluss auf die Verdunstung hat.“ 

Die Menge der Niederschläge bleibe über das ganze Jahr gesehen derzeit noch ziemlich gleich, aber in der Verteilung gebe es große Unterschiede. Das wiederum könne Ernten stark beeinträchtigen.

Die Städte bereiten sich mit diversen Maßnahmen auf die Zunahme der Temperaturen vor (Archivbild). Katharina Kausche/dpa

Die Städte bereiten sich mit diversen Maßnahmen auf die Zunahme der Temperaturen vor (Archivbild). Katharina Kausche/dpa

© Katharina Kausche/dpa

Auch wenn manches noch unklar ist, steht eines doch fest: Die Hitze des diesjährigen Sommers mit Rekordtemperaturen jenseits der 40 Grad Celsius hat die Debatte um Auswirkungen und Schutzmaßnahmen erneut entfacht. Städte erarbeiten Hitzekonzepte, pflanzen Bäume, schaffen kühle Orte und wollen künftig möglichst viele der wertvollen Niederschläge für Trockenzeiten aufbewahren. Das Nachdenken hat eingesetzt - die Frage ist nur, ob die „Wende des Klimawandels“ noch gelingt.

Lernen, mit den Auswirkungen umzugehen

Experten wie Hertel sind optimistisch, dass es noch gelingen kann, den Klimawandel in beherrschbaren Grenzen zu halten. Da bereits erste Folgen sichtbar seien und die globalen Emissionen weiter steigen - wenn auch langsamer - müsse man lernen, mit den Auswirkungen umzugehen. 

Der Wissenschaftler ist für eine ehrliche gesellschaftliche und politische Debatte. Es gehe um die Frage, welche künftigen Klimarisiken die Mehrheit in Kauf nehme, welche nicht und wer im Zweifelsfall dafür hafte. Auch welche Konsequenzen das für den Einzelnen bedeuten könne: „Es muss das Vorsorgeprinzip gelten. Die Wissenschaft kann dazu Empfehlungen aussprechen. Vorgaben oder Zielstellungen muss die Politik formulieren.“

Beim Thema Hitzeschutz sind auch die Einwohner in den Städten zur Vorsorge aufgerufen (Archivbild). Jan Woitas/dpa

Beim Thema Hitzeschutz sind auch die Einwohner in den Städten zur Vorsorge aufgerufen (Archivbild). Jan Woitas/dpa

© Jan Woitas/dpa

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