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Kinderarzt wegen Missbrauchs von Patienten vor Gericht

Ein Kinderarzt aus dem Havelland soll junge Patienten sexuell missbraucht haben. Die Anklagebehörde wirft ihm insgesamt 130 Fälle vor, es soll mehr als 70 Opfer geben. Jetzt beginnt der Prozess.

Von dpa

01.11.2026

Am Landgericht Potsdam beginnt am Montag der Prozess gegen den Kinderarzt, der bis 2025 an den Havelland Kliniken beschäftigt war.Jens Kalaene/dpa

Am Landgericht Potsdam beginnt am Montag der Prozess gegen den Kinderarzt, der bis 2025 an den Havelland Kliniken beschäftigt war.Jens Kalaene/dpa

© Jens Kalaene/dpa

Die Liste der Missbrauchs-Vorwürfe gegen einen Kinderarzt aus dem brandenburgischen Havelland ist lang und reicht Jahre zurück. Besonders erschütternd auch: Er soll sexuelle Handlungen an jungen Patienten während des Dienstes im Krankenhaus begangen haben. Der Mediziner steht nun von Montag an vor dem Landgericht Potsdam. 

Die Anklage geht in dem Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener von 130 Fällen und mehr als 70 Opfern aus. (Az. 22 KLs 6/26 jug.) Die Vorwürfe erschütterten das Vertrauen von Patienten und ihren Familien. 

Taten sollen sich über mehr als zehn Jahre erstrecken

Die Ermittlungen kamen ins Rollen, weil eine Mutter im vergangenen November Anzeige erstattet hatte. Der Arzt, dessen Alter das Landgericht zuletzt mit 45 Jahren angab, soll in den Räumen der Klinik in Rathenow ein Kind sexuell missbraucht haben. Nach der Auswertung sichergestellter Datenträger wuchs die Dimension des Falls. 

Der Kinderarzt wird beschuldigt, von Anfang Dezember 2013 bis November 2025 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung begangen zu haben. Laut Anklage aus dem Mai sind die mutmaßlichen Opfer zwischen 2 und 20 Jahre alt und sowohl männlich als auch weiblich. Der Arzt kam in Untersuchungshaft, weil Wiederholungsgefahr gesehen wurde.

Verteidigung kündigt Erklärung an

Der Verteidiger des Angeklagten, Ursus Koerner von Gustorf, teilte der dpa mit, es werde zu Beginn des Prozesses eine Erklärung geben. Zum Auftakt der Hauptverhandlung soll vor allem die Anklage der Staatsanwaltschaft verlesen werden, was einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte. Es ist davon auszugehen, dass mindestens in einem Teil des Prozesses zum Schutz minderjähriger Betroffener die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. 

Expertin: Arzt erst spät „aufgeflogen“ 

Die Expertin Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sagte: „Die hohe Opferzahl macht deutlich, dass es anscheinend sehr lange gedauert hat, bis der Täter „aufgeflogen“ ist und das ist sehr bedenklich.“ Eine Aufarbeitung sei nach solchen Missbrauchsfällen in Institutionen dringend notwendig, damit sie sich nicht wiederholten. 

Spezifisch für den medizinischen Bereich sei, dass die Patienten dort Hilfe suchten, es aber auch ein Abhängigkeitsverhältnis gebe, das sie weitgehend schutzlos mache, so die Sozialwissenschaftlerin. „Wir wissen außerdem von spezifischen Täterstrategien, zum Beispiel der Ausnutzung der ärztlichen Schweigepflicht oder der Nutzung betäubender Medikamente“, sagte Hoffmann.

Havelland Kliniken überarbeiteten Kinderschutz

Die Havelland Kliniken GmbH, in der der Kinderarzt tätig war, wertet den Prozessbeginn als „wichtigen Schritt hin zu einer umfassenden und rechtsstaatlichen Aufklärung“. Die Klinikgruppe überarbeitete nach Bekanntwerden der Vorwürfe ihre Kinderschutz-Mechanismen. „So gilt heute bei Untersuchungen und pflegerischen Maßnahmen in sensiblen Situationen grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip“, teilte das Unternehmen mit. Eine unabhängige Kinderschutzbeauftragte sei benannt worden. 

Verunsicherung bei Familien

Die Anspannung von Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher dürfte groß sein, wenn sie den Prozess verfolgen. Die emotionale Belastung in betroffenen Familie sei groß, sagte Elton Knöfel, der den Jugendclub Saftladen in Falkensee leitet. „Darf ich mein Kind noch umarmen oder mit ihm beim Filmabend kuscheln?“, sei nur eine der vielen Fragen verunsicherter Eltern. Knöfel bietet Unterstützung für eine Selbsthilfegruppe an und begleitet Betroffene, hält aber auch mehr psychologische Angebote für notwendig.

Die Havelland Kliniken kündigten dem Kinderarzt 2025, nachdem wegen Missbrauchsvorwürfen ermittelt wurde. Elisa Schu/dpa

Die Havelland Kliniken kündigten dem Kinderarzt 2025, nachdem wegen Missbrauchsvorwürfen ermittelt wurde. Elisa Schu/dpa

© Elisa Schu/dpa