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Keine Rambos, keine Sheriffs - Polizeihelfer als Bindeglied

Freiwillige Polizeihelfer zeigen Präsenz, hören zu und melden Hinweise – und stärken so das Sicherheitsgefühl vieler Menschen.

Von Michael Bauer (dpa)

16.04.2026

Die Ehrenamtler sind engagierte Bürger, aber keine klassischen Polizeibeamte. Sie unterstützen die Polizei bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Michael Bauer/DPA

Die Ehrenamtler sind engagierte Bürger, aber keine klassischen Polizeibeamte. Sie unterstützen die Polizei bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Michael Bauer/DPA

© Michael Bauer/DPA

Es ist ein kühler Abend, der Wind zieht über die Hundewiese am Rand von Rodgau-Dudenhofen. Angela Koller und Tim Hepe sind auf ihrer Streife zu Fuß unterwegs, aufmerksam, aber ohne Eile. Die beiden gehören zum Freiwilligen Polizeidienst in Hessen. Ihre wichtigsten Werkzeuge: Gespräche, Blicke, Präsenz. 

„Ich bin schon seit fast 20 Jahren im Freiwilligen Polizeidienst“, sagt Koller (59). Angefangen habe alles mit einer Zeitungsannonce – und mit Neugier. Heute kennt sie die Reaktionen der Menschen genau. Vor allem Ältere suchten das Gespräch, erzählt sie. „Wenn man mit Uniform durch den Ort geht, dann vermittelt es vielen Leuten - und gerade älteren - ein Sicherheitsgefühl.“

Auch Hepe (47), seit vier Jahren dabei, kennt diese Momente. Die Reaktionen der Menschen, denen er auf seinen Rundgängen begegne, seien fast alle positiv, berichtet er. Die andere Seite gibt es aber auch. „Such dir mal einen richtigen Job!“, habe ihm einmal jemand nachgerufen. Hepe zuckt mit den Schultern. „Darf man nicht persönlich nehmen.“ Zumal es kein „Job“ ist, sondern ein Ehrenamt, für das die freiwilligen Polizeihelfer sieben Euro pro Stunde erhalten.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Was die beiden tun, hat wenig mit klassischer Polizeiarbeit zu tun – und gerade darin liegt ihre Stärke. Sie hören zu, nehmen Hinweise auf, sind sichtbar. „Ich sehe uns als Bindeglied zwischen dem Bürger und der Polizei“, sagt Koller. „Wir laufen nicht mit erhobenem Zeigefinger herum und wir sind auch nicht dafür da, jemanden zu bestrafen oder Strafzettel zu verteilen.“

Es geht um Müll auf Spielplätzen, um Beschwerden über laute Gruppen, die sich an der Hundewiese treffen sollen, um ein ungutes Gefühl an bestimmten Orten. Und manchmal einfach nur darum, dass jemand da ist. 

Die Helfer im freiwilligen Polizeidienst unterstützen die Polizei vor Ort als „Augen und Ohren“ und sind Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger. Michael Bauer/dpa

Die Helfer im freiwilligen Polizeidienst unterstützen die Polizei vor Ort als „Augen und Ohren“ und sind Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger. Michael Bauer/dpa

© Michael Bauer/dpa

„Es ist nicht Aufgabe des freiwilligen Polizeidienstes, Polizeiaufgaben zu erledigen“, betont Walter Füssel, zuständiger Fachbereichsleiter beim Polizeipräsidium Südosthessen. Da werde in der öffentlichen Diskussion mitunter vieles in einen Topf geworfen - etwa wenn gefordert werde, dass Land solle „lieber richtige Polizisten einstellen anstatt Hilfssheriffs“. Das gehe an der Wirklichkeit vorbei.

Hepe beschreibt es so: „Wir haben Zeit, wir können mit Bürgern sprechen.“ Während Streifenwagen der Polizei und der Ordnungsämter Einsätze abarbeiten, bleiben die freiwilligen Polizeihelfer, die stets zu zweit unterwegs sind, stehen. Wenn es nötig ist, auch mal 15 oder 20 Minuten, wie er sagt. Als Fußstreife sehen sie Dinge, die Polizei oder Ordnungsamt häufig entgehen: „Das kann ein Fahrrad sein, das illegal in der Rodau entsorgt wurde, oder eine komplett angerostete Laterne im Industriegebiet, die kurz vor dem Umkippen war.“

Polizeihelfer in fast 100 Städten und Gemeinden in Hessen

Der freiwillige Polizeidienst wurde in Hessen nach einem Modellversuch mit 90 Ehrenamtlern vor 26 Jahren eingeführt. Inzwischen gibt es nach Angaben des Innenministeriums rund 275 aktive Polizeihelferinnen und -helfer, die in 97 Kommunen eingesetzt sind (Stand Ende 2025). 

Gefährliche Momente seien selten, berichtet Koller. „Ich hatte in der ziemlich langen Zeit noch nie eine wirklich brenzlige Situation.“ Spitze sich eine Lage zu, sei klar, wer zuständig sei: „Dann geht der erste Griff zum Telefon und man ruft die Polizei. Die sind dafür ausgebildet“, so Koller. Das Pfefferspray, das sie wie alle freiwilligen Polizeihelfer zur Notwehr und Nothilfe einsetzen dürfe, habe sie noch nie benutzt.

Der freiwillige Polizeidienst dürfe nur dort eingesetzt werden, wo es für die Helfer sicher sei, betont Koordinator Füssel. Es gehe darum, Präsenz beispielsweise an sogenannten Angstorten zu zeigen. Dabei handele es sich um Orte, an denen Menschen ein Gefühl von Unbehagen, Unsicherheit oder Angst empfänden. Dabei handele es sich oft um eine persönliche Wahrnehmung, die nicht zwingend mit einer objektiv höheren Kriminalitätsrate an diesen Orten einhergehe.

Zugewachsene Verkehrszeichen und illegal abgeladener Müll

Der Dienst beruht nach seinen Angaben auf einer Zusammenarbeit von Polizei und Kommune, beide haben ein Mitspracherecht. Wichtig sei dabei auch, dass die Bürger dadurch die Möglichkeit bekämen, unkompliziert zu melden, dass etwa ein Verkehrszeichen zugewachsen sei, dass Löcher im Gehweg seien oder in einer Sackgasse Leute säckeweise Müll abgeladen hätten. Das sind laut Füssel typische Fälle, die die freiwilligen Polizeihelfer auf ihren Streifen entgegennehmen. 

Wer sich für das Ehrenamt interessiert, sollte vor allem eines mitbringen: die richtige Haltung. „Man sollte nicht den Wunsch haben, Sheriff zu spielen. Rambos würde ich ausschließen“, sagt Hepe. Es gehe nicht um Macht, sondern um Miteinander. 

Neben ihrer Dienstuniform verfügen die freiwilligen Polizeihelfer über ein Diensthandy und ein Pfefferspray, das sie nur zur Notwehr und Nothilfe einsetzen dürfen.Michael Bauer/DPA

Neben ihrer Dienstuniform verfügen die freiwilligen Polizeihelfer über ein Diensthandy und ein Pfefferspray, das sie nur zur Notwehr und Nothilfe einsetzen dürfen.Michael Bauer/DPA

© Michael Bauer/DPA

Derartige Fälle von Möchtegern-Sheriffs habe es früher vereinzelt gegeben, räumt Füssel ein. Doch von diesen Leuten habe man sich getrennt. Die Polizei achte sehr darauf, dass bei dem üblichen Bewerbungsgespräch die richtigen Menschen ausgesucht würden, die zu dem Leitgedanken „Präsenz zeigen - beobachten - melden“ passten, erklärt Marc Sachs, Leiter des Stabsbereichs Prävention am Polizeipräsidium Südosthessen. 

Zwölf Neuzugänge im Freiwilligen Polizeidienst gab es im vergangenen November in Südosthessen. Derzeit läuft die Bewerbungsphase für den diesjährigen Ausbildungslehrgang. Die Bewerbungsfrist endet am 5. Juli.

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