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Kämpfen für den Kiebitz

Früher war der Ruf des Kiebitz allgegenwärtig, inzwischen ist er selten, mancherorts ganz verstummt. In der Vorderpfalz könnte sich das Schicksal der Art in Rheinland-Pfalz entscheiden.

Von Christian Schultz (Text) und Boris Roessler (Foto), dpa

02.05.2026

Kiebitze wehren mit teils akrobatischen Flugeinlagen Feinde wie Greifvögel ab. Boris Roessler/dpa

Kiebitze wehren mit teils akrobatischen Flugeinlagen Feinde wie Greifvögel ab. Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Als sich ein Turmfalke nähert, sind plötzlich gellende Warnrufe der Kiebitze über einem Weiher bei Harthausen in der Vorderpfalz zu hören. Mehrere Kiebitze steigen auf, bedrängen den Falken, fliegen rasante Kurven. Es geht um die Verteidigung des Nachwuchses, der erst vor wenigen Tagen geschlüpft ist. Der ist hier in einem Schutzprojekt in einem acht Hektar großen Areal mit Elektrozäunen vor Jägern am Boden geschützt, die Verteidigung in der Luft müssen die selten gewordenen Kiebitze (Vanellus vanellus) selbst übernehmen.

Der Leiter des Projekts der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR), Gerardo Unger Lafourcade, kann in diesen Tagen wichtige Erfolge vermelden. Sechs Jahre nach Schaffung des Schutzgebietes vor den Toren von Harthausen mit seinem grünen Offenland, und bewusst Kiebitz-freundlich gestalteten Tümpeln haben erstmals keine Kiebitze mehr auf umliegenden Äckern gebrütet, sondern allesamt in dem geschützten Areal. 

Vom „Allerweltsvogel“ zur bedrohten Art

Die Zäune halten Räuber wie den Fuchs ab, auch droht kein Tod durch Landmaschinen. Das schlägt sich in Zahlen nieder: Gab es hier in der „Ganerb“ anfangs nur noch vier Brutpaare, sind es inzwischen wieder elf. Jedes habe in dieser Saison vier Eier, erzählen Unger Lafourcade und seine ehrenamtlichen Helfer vom örtlichen Natur- und Vogelschutzverein Harthausen. 

Das Team hat große Ziele. „Der Kiebitz war mal ein Allerweltsvogel, jetzt ist es eine vom Aussterben bedrohte Art“, sagt Unger Lafourcade. Dem Bodenbrüter mache intensive Landwirtschaft und das Fehlen, baumfreier, feuchter Gebiete zu schaffen. „Der Kiebitz ist auf feuchte Flächen angewiesen“, betont der Ornithologe. 

Kiebitze brauchen feuchte Wiesen. In den vergangenen Jahrzehnten ist der Bestand drastisch geschrumpft. Boris Roessler/dpa

Kiebitze brauchen feuchte Wiesen. In den vergangenen Jahrzehnten ist der Bestand drastisch geschrumpft. Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Doch die meisten offenen Landschaften ohne Bäume würden für Ackerbau genutzt. Außerdem seien auf Äckern in Zeiten industrialisierter Agrarwirtschaft Mulden verfüllt worden, in denen sich früher kleine Tümpel gebildet hätten. Die Folge: War der Kiebitz früher in ganz Rheinland-Pfalz verbreitet, brach der Bestand ab den 1980er Jahren regelrecht ein.

Es mangelt an geeigneten Aufzuchtplätzen

Laut GNOR wurden 2025 in ganz Rheinland-Pfalz nur noch 180 Brutpaare gezählt, in Eifel oder Hunsrück ist er gar nicht mehr zu finden. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) macht eine Reihe an Gründen für den Schwund der Art aus: Trockenlegungen und Zerstörung von Feuchtgebieten, zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft, Einsatz von Düngemitteln, Umweltchemikalien und ein Rückgang an Insektennahrung. Das Fehlen geeigneter Aufzuchtplätze, etwa auch aufgrund dichter Vegetation, werde als entscheidender Faktor für den Bestandseinbruch gesehen. 

Auch gebe es nach der Ausrottung der Tollwut deutlich weniger Schwankungen bei der Zahl von Füchsen, erklärt GNOR-Experte Unger Lafourcade. Bei dem Schutzprojekt der Gesellschaft, das von der „Aktion Grün“ des Landes Rheinland-Pfalz finanziert wird und eine ganze Reihe von Flächen im Land betreut, zum Beispiel auch im Laubenheimer Ried bei Mainz, gehe es um nicht weniger als den Erhalt der Art in Rheinland-Pfalz.

Dafür wird viel getan: Ufer werden abgeflacht, Bewuchs drumherum wird gemäht oder mit Weidetieren kurz gehalten. Nester werden kartiert, falls Gelege auf umliegenden Ackerflächen sind, werden sie mit Hölzern markiert, damit Landwirte sie sehen und umfahren können. 

Auswilderung ist Teil des Projekts 

In der Anfangsphase als es noch kein komplett umzäuntes Gebiet gab, wurden Körbe über Kiebitz-Gelege gestülpt, um die Vögel vor Nesträubern zu schützen. Zum Erfolg beitragen soll in Harthausen auch die Auswilderung von Kiebitzen aus dem Landauer Zoo. Diese ausgewilderten Tiere werden stets beringt, auch der wilde Nachwuchs wird statistisch erfasst. In dieser Jahreszeit sind die Ehrenamtlichen täglich mit ihren Ferngläsern draußen. 

Die sogenannte Federholle auf dem Kopf ist charakteristisch für den Kiebitz. Boris Roessler/dpa

Die sogenannte Federholle auf dem Kopf ist charakteristisch für den Kiebitz. Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Für die Auswilderung wurden an zwei Stellen Volieren aufgebaut. Dort werden die Jungvögel nach der Aufzucht im Zoo zwei Wochen mit Futter und Wasser versorgt, um sich in Sicherheit an die Umgebung gewöhnen zu können, bevor sie unter Beobachtung in die freie Wildbahn entlassen werden. 2025 wurden laut GNOR 53 Tiere ausgewildert. 2026 könnten es, wenn es richtig gut läuft, 60 bis 80 werden. 

Rheinland-Pfalz fördert das Schutzprojekt als Ganzes laut Umweltministerium in Mainz über die „Aktion Grün“ seit Beginn im November 2021. Inklusive der aktuellen Förderung, die noch bis Ende 2027 läuft, wurden dafür rund 775.400 Euro bewilligt. 

Vorbild in Hessen

Als Vorbild dient das Bingenheimer Ried in der Nähe von Reichelsheim in der Wetterau im Nachbarland Hessen, wie Unger Lafourcade erklärt. Dort sei ein vor Fressfeinden wie Fuchs oder Waschbär geschütztes Areal mit inzwischen mehr als 80 Hektar entstanden. Längerfristiges Ziel sei es, am Oberrhein wieder auf 1.000 Kiebitz-Paare zu kommen - so viele, dass Populationsdruck entstehe, dann werde sich die Art auf anderen Regionen im Land ausbreiten.

Positiv auf die Erfolgsaussichten wirkt sich aus, dass die etwa taubengroßen Kiebitze mit ihrem charakteristischen Federkamm über 20 Jahre alt werden können. So reichten statistisch 0,8 Jungtiere pro Vogelpaar für den Erhalt der Art, rechnet Unger Lafourcade vor. Das ist vergleichsweise wenig. Weil Kiebitze ihrem Brutort sehr treu sind, dürften viele der Kleinen in den kommenden Jahren wieder kommen an den Weiher bei Harthausen.

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