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Deutschland in klein: Freibad als Spiegel der Gesellschaft

Zwischen Sprungturm und Liegewiese zeigt sich, wie bunt, widersprüchlich und lebendig Rheinland-Pfalz sein kann. Die einen vermissen die alte Ordnung, die anderen feiern die neue Vielfalt.

Von Alina Grünky und Wolfgang Jung, dpa

26.07.2026

Kopfüber ins Glück - viele verbinden ihre Kindheit und Jugend mit dem Besuch im Freibad. (Archivbild) picture alliance/dpa

Kopfüber ins Glück - viele verbinden ihre Kindheit und Jugend mit dem Besuch im Freibad. (Archivbild) picture alliance/dpa

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Das Freibad ist ein Ort der Gegensätze. Ruhesuchende dösen im Schatten, andere schlagen Saltos vom Dreimeterbrett. Chlorgeruch trifft auf Sonnencreme, tätowierte Oberarme auf Bikinis und Bahnenzieher auf Ballspieler. Es ist Sommer - und wenige andere Orte bringen Menschen so zusammen und zeigen zugleich, wie sich eine Gesellschaft ändert. Manche sehen darin den Verlust der alten Freibadromantik, andere schlicht den Lauf der Zeit.

Christian Mankel, Geschäftsführer und Koordinator der Bäderallianz Deutschland, hält von Wehklagen wenig. „Unsere Gesellschaft verändert sich - das spiegelt sich in den Freibädern“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Tätowierungen und Kleidungsstile seien Ausdruck persönlicher Freiheit. „Entscheidend ist nicht das Aussehen der Gäste, sondern ihr Verhalten.“

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete der Besuch eines Schwimmbads im Juni 2026 rund 3,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. (Archivbild)Sebastian Kahnert/dpa

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete der Besuch eines Schwimmbads im Juni 2026 rund 3,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. (Archivbild)Sebastian Kahnert/dpa

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Problematisch werde es bei fehlender Rücksicht. „Persönlichkeitsrechte werden etwa durch unerlaubtes Filmen mit dem Handy verletzt.“ Nicht der tätowierte Rücken oder die unter der Badehose hervorschauende Unterhose seien Konfliktthemen. „Freibäder leben von Respekt und klaren Regeln“, sagt Mankel. „Diese Werte sind wichtiger als äußere Erscheinungsbilder.“

Zwischen Oben-ohne und Ganzkörperanzug

Bei der Kleidung treffen längst sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Während einige Städte über das Oben-ohne-Baden diskutieren, tragen andere Gäste aus religiösen, kulturellen oder gesundheitlichen Gründen viel Stoff.

Für Mankel ist das kein Widerspruch. „Öffentliche Bäder sind Orte der Vielfalt“, sagt er. Ein modernes Bad dürfe niemanden ausschließen, solange Hygiene, Sicherheit und Hausordnung eingehalten würden. Geschultes Personal, transparente Hausordnungen und klare Kommunikation seien entscheidend.

Die eigentliche Krise liegt unter der Wasseroberfläche

Mankel sieht die größte Herausforderung an anderer Stelle. „Die Zukunft der Schwimmbäder und die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung müssen im Mittelpunkt stehen.“ Viele Bäder seien sanierungsbedürftig oder von Schließung bedroht. Gleichzeitig fehlten immer mehr Wasserflächen für Schwimmunterricht. Jedes erhaltene Schwimmbad sei ein Gewinn für Sicherheit, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete der Besuch eines Schwimmbads im Juni 2026 rund 3,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. (Archivbild)Sebastian Kahnert/dpa

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete der Besuch eines Schwimmbads im Juni 2026 rund 3,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. (Archivbild)Sebastian Kahnert/dpa

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Parallel verändert sich auch der Blick auf die Gesundheit. Immer häufiger sieht man Menschen mit langärmligen UV-Shirts oder Ganzkörper-Badeanzügen. Die Dermatologin Svenja Grove aus Mülheim-Kärlich begrüßt diese Entwicklung. „Sonnenschutz ist auf jeden Fall eine sinnvolle Maßnahme.“

Lange Ärmel statt Sonnenbrand

Sonnencreme verlängere zwar die Eigenschutzzeit der Haut, „aber eben nicht unbegrenzt“. UV-Schutzkleidung könne die geschützte Zeit verlängern und müsse - anders als Sonnencreme - nicht ständig erneuert werden. Beim Kauf komme es auf dichtes Material und einen möglichst hohen UV-Schutzfaktor an.

Und was hält sie zum Beispiel von US-Schauspielerin Anne Hathaway, die zuletzt mit einem Ganzkörper-Badeanzug international Schlagzeilen machte? „Ich halte den Trend aus dermatologischer Sicht schon für sinnvoll. Der Badeanzug ist allerdings traurigerweise an mir vorbeigegangen“, sagt Grove schmunzelnd. Prominente könnten Vorbilder sein. „Insofern freut es mich, wenn positiv berichtet wurde. Nach meinem Eindruck waren Ganzkörperanzüge eher negativ konnotiert, da auch religiöse Komponenten eine Rolle spielen.“

An heißen Sommertagen ist der Sprung ins kühle Nass eine Wohltat. (Archivbild)Friso Gentsch/dpa

An heißen Sommertagen ist der Sprung ins kühle Nass eine Wohltat. (Archivbild)Friso Gentsch/dpa

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Den Trend zu stärker bedeckender Badebekleidung bewertet Grove positiv. „Unsere Haut, das größte Organ, sollte uns guten Sonnenschutz wert sein.“ Neben dem Risiko für Hautkrebs sei es die beste Anti-Aging-Maßnahme, die es gebe - neben Nichtrauchen. Diesen Aspekt betone sie in Beratungsgesprächen. „Auf Dauer spart man sich die Kosten für spätere Anti-Aging-Maßnahmen.“

Der Sommer hat seinen Preis

Der klassische Freibadtag wird unterdessen etwas teurer. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kostete der Besuch eines Schwimmbads im Juni 2026 rund 3,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Und falls Illegales gemeldet wird, dann meist Eigentumsdelikte: In Rheinland-Pfalz wurden dem Innenministerium zufolge 2025 an Schwimmbädern und Badestellen 566 Straftaten registriert - ein klarer Trend nach oben sei daraus aber nicht abzulesen. Die meisten Fälle betrafen Diebstähle (258), hinzu kamen 121 Rohheitsdelikte und 49 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Der letzte demokratische Ort des Sommers

Dass Freibäder weit mehr sind als Schwimmbecken, beschreibt der in Kaiserslautern geborene Schriftsteller Arno Frank in seinem Roman „Seemann vom Siebener“. Für ihn ist das Freibad eine kleine Utopie.

In Rheinland-Pfalz wurden 2025 an Schwimmbädern und Badestellen 566 Straftaten registriert – meistens Diebstähle. (Archivbild)picture alliance/dpa

In Rheinland-Pfalz wurden 2025 an Schwimmbädern und Badestellen 566 Straftaten registriert – meistens Diebstähle. (Archivbild)picture alliance/dpa

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„Es ist ein sozialer Raum, in dem alle sozialen Unterschiede eingeebnet sind“, sagt Frank der dpa. Solche Räume würden immer seltener. „Das Freibad lädt zu sportlichen Höchstleistungen ebenso ein wie zum Dösen, dieser unterschätzten Kulturtechnik. Es ist eine der freundlichsten Öffentlichkeiten, die wir kennen.“

Viele verbänden ihre Kindheit mit Freibädern. Frank überrascht das nicht. „Viele machen dort im Sinnlichen wie Gesellschaftlichen erste wichtige und vor allem eigene Erfahrungen - vom Schwimmenlernen bis zur Liebe, vom Sonnenbrand bis zum ersten Kuss.“ Freibad sei „Urlaub und Utopie gleich um die Ecke“.