Das blutige Ende des „St.-Pauli-Killers“ vor 40 Jahren
Eiskalt erschießt der „St.-Pauli-Killer“ Werner Pinzner in den 80er Jahren seine Opfer. Nach fünf Morden nimmt ihn die Polizei fest. Bei seiner letzten Vernehmung richtet er ein Blutbad an.
Mit diesem Revolver erschoss der „St. Pauli-Killer“ Werner Pinzner vor 40 Jahren einen Staatsanwalt, seine Frau Jutta und sich selbst.Marcus Brandt/dpa
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Vor 40 Jahren erschütterte eine unfassbare Bluttat die Hamburger Polizei und Politik: Bei einer Vernehmung des Auftragsmörders Werner Pinzner im Polizeipräsidium zog der 39-Jährige plötzlich einen Revolver, schoss auf den Staatsanwalt Wolfgang Bistry und verletzte ihn tödlich. Dann erschoss Pinzner seine bei der Vernehmung anwesende Ehefrau Jutta und schließlich sich selbst. Zwei Kriminalbeamte konnten aus dem Raum unverletzt flüchten, eine junge Protokollantin und seine Anwältin Isolde Oechsle-Misfeld verschonte der Killer.
Pinzner - Spitzname „Mucki“ - war drei Monate zuvor, am 15. April 1986, von einem mobilen Einsatzkommando in Hamburg-Steilshoop festgenommen worden. Er gestand fünf Morde in Kiel, Hamburg und München. Seine Opfer stammten aus dem Zuhältermilieu. Pinzner mordete für Geld und im Auftrag von Kiezgrößen auf St. Pauli. Seine Tatwaffen sind heute im Hamburger Polizeimuseum zu sehen: ein Revolver der Marke Arminius und einer des Herstellers Smith & Wesson, beide Kaliber 38.
Einen Tag nach der Festnahme des „St.-Pauli-Killers“ am 15. April 1986 hatte das Amtsgericht Hamburg einen Haftbefehl gegen Werner Pinzner erlassen.Marcus Brandt/dpa
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Revolver im Slip eingeschmuggelt
Ein weiterer Revolver dieser Marke liegt unter einer Vitrine. Diese Waffe schmuggelte Pinzners Ehefrau am 29. Juli 1986 unter ihrem Rock ins Polizeipräsidium, das sich damals in einem Hochhaus am Berliner Tor befand. Vor der Vernehmung ging sie auf eine Toilette und steckte den Revolver in ihre Handtasche. Ein nachgestelltes Foto zeigt, wie sie die in ein Küchenhandtuch eingewickelte Waffe in ihrem Slip getragen haben muss.
In dem besonders gesicherten Vernehmungsraum im vierten Stock saß Jutta Pinzner dann neben ihrem Mann, der aus dem Untersuchungsgefängnis ins Polizeipräsidium gebracht wurde. Ihre Handtasche hatte sie über die Stuhllehne gehängt, so dass der Killer sie schnell greifen konnte.
Pinzners Verteidigerin Isolde Oechsle-Misfeld hatte sich an der Beschaffung des Revolvers beteiligt und wusste von den Plänen des Gewaltverbrechers. Sie wurde 1992 vom Hamburger Landgericht wegen Beihilfe zum Mord zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Als Angeklagte sagte die Anwältin, dass ihr die Smith & Wesson versteckt in einem Blumentopf in die Kanzlei geliefert worden war.
Am 29. Juli 1986 erschoss der als „St.-Pauli-Killer“ bekannte Werner Pinzner bei einer Vernehmung im 4. Stock des Polizeipräsidiums einen Staatsanwalt, seine Frau Jutta und sich selbst.Marcus Brandt/dpa
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Pinzner verlangt Kaffee und Brötchen
Am Tattag war sie mit Jutta Pinzner ohne Kontrolle in das Vernehmungszimmer gelangt. Relativ schnell hätten sich die beiden Polizeibeamten, die Protokollantin, Staatsanwalt Bistry, die Eheleute Pinzner und sie selbst in dem engen Raum versammelt. Wie auch in vorherigen Vernehmungen habe das Ehepaar nebeneinander gesessen. Gegen 10.20 Uhr begann die Vernehmung, die die letzte bei der Polizei sein sollte. „Herr Pinzner wird erneut auf seine Rechte hingewiesen“ - mit diesem Satz bricht das im Museum gezeigte Vernehmungsprotokoll ab.
Pinzner habe sich zunächst nicht ungewöhnlich verhalten, berichtete der Kriminalbeamte Max von Oosting als Zeuge vor Gericht. Die Vernehmung sei mit einem „lockeren Umgangston“ geführt worden. Pinzner habe allerdings zunächst nicht zu seinen Mordtaten aussagen wollen, sondern mehrere Ablenkungsmanöver gemacht. „Erst wollte er Kaffee, dann etwas zu essen.“ Kurz nachdem er Brötchen besorgt habe, sei es sehr still in dem Zimmer gewesen. „Und dann erhob sich Pinzner und hatte auf einmal eine Waffe in der Hand.“
Protokollantin sieht alles mit an
Sie sei unter ihren Arbeitstisch gekrabbelt, als der Mörder die Waffe auf den Staatsanwalt richtete und abdrückte, sagte die Protokollantin 1991 als Zeugin im Prozess. „Dort fiel mir Herr Bistry praktisch vor die Füße - er stöhnte noch.“ Vor dem Schuss auf den 40-jährigen Staatsanwalt habe Pinzner gerufen: „Das ist eine Geiselnahme - die Männer raus. Die Frauen sind meine Geiseln.“ Dann habe sie gehört, wie Pinzner die Waffe nachgeladen habe.
Zusammen mit der Anwältin habe sie einen schweren Schreibtisch vor die Tür schieben müssen. „Dann hat Frau Pinzner sich vor ihren Mann niedergekniet und er hat ihr die Waffe in den Mund gesteckt.“ Nach dem Schuss habe er sich neben seine tote Frau gesetzt, sich ebenfalls die Pistole in den Mund gesteckt und geschossen. „Dann haben Frau Oechsle-Misfeld und ich den Schreibtisch wieder weggeschoben und sind rausgerannt.“ Nach dem Vorfall habe sie „lange geweint“, erinnerte sich die Protokollantin, die damals Mitte 20 war.
Im Hamburger Polizeimuseum können einige Dokumente zum Fall des „St.-Pauli-Killers“ Werner Pinzner eingesehen werden. Marcus Brandt/dpa
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„Ich liebe Dich, Mucki“
Jutta Pinzer war ihrem Mann völlig ergeben und psychisch von ihm abhängig. Zwei Wochen vor ihrem Tod schrieb sie in einem Brief an ihren „geliebten Mucki“: „Ich hab‘ zu Dir immer gesagt, ich brauche Dich zum Leben.“ Nun will sie mit ihrem Mann gemeinsam sterben. „Du und ich auf die ganz sanfte Art, zärtlich und voller Liebe. Ich liebe Dich, Mucki. Deine Jutta“ - so endet der Brief, von dem sich eine Abschrift im Museum befindet.
Der Rechtsmediziner Klaus Püschel, der an der Obduktion der Toten beteiligt war, schrieb in dem gemeinsam mit der Journalistin Bettina Mittelacher verfassten Buch „Tote schweigen nicht“: „Dass diese unbescholtene Frau (Jutta Pinzner) zu diesem Profikiller so ein inniges Verhältnis haben kann! Man fragt sich, welche Qualität diese Bande haben, dass sie ihm so grenzenlos ergeben ist.“ Pinzner sei der gefährlichste Profikiller gewesen, der ihm untergekommen sei. „Es war außergewöhnlich, dass er ein intensiver Drogenkonsument war, bei seinen Tötungsdelikten aber immer eiskalt agiert hat“, erklärt der ehemalige Leiter des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin.
Die Polizei hatte im Gegenzug für Pinzners Aussagebereitschaft erlaubt, dass seine Frau als Beistand bei den Vernehmungen anwesend sein durfte. Am Tattag war sie nicht gründlich durchsucht worden. Infolge der Sicherheitspanne traten wenige Tage später die Hamburger Justizsenatorin Eva Leithäuser und Innensenator Rolf Lange (beide SPD) zurück.
Die beiden Revolver, die der „St.-Pauli-Killer“ Werner Pinzner bei seinen fünf Auftragsmorden verwendete, sind im Hamburger Polizeimuseum zu sehen.Marcus Brandt/dpa
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„Ein Handwerker des Todes“
Pinzner, der zeitweise als Schlachter gearbeitet hatte, tötete seine Opfer mit Kopfschüssen aus kurzer Distanz. Dabei ging er äußerst kaltblütig und gefühllos vor. „Er war ein Handwerker des Todes“, sagt der damals mit dem Fall befasste Staatsanwalt Martin Köhnke in der ZDF-Dokumentation „Mord ohne Gewissen: Der St. Pauli-Killer“.
Die Mordserie hatte mit dem Tod des 65-jährigen Israelis Jehuda A. begonnen. Er wurde am 7. Juli 1984 in Kiel-Mettenhof erschossen. Am 13. September 1984 wurde der 32-jährige Bordellbesitzer Peter P. („Bayern-Peter“) tot in seinem Auto in Hamburg-Bramfeld gefunden. Drittes Opfer wurde im November 1984 der Bordellbetreiber Dietmar T., genannt „Lackschuh“, der in München-Ottobrunn in einem Wald getötet wurde. Am 8. April (Ostermontag) 1985 ermordete Pinzner in einem Haus in Hamburg-Schnelsen den 30-jährigen Freudenhausbesitzer Waldemar D. („Waldi“) und dessen 27-jährigen Wirtschafter Ralf K. („Corvetten-Ralf“).
Zusammen mit dem „St.-Pauli-Killer“ waren auch einer der Hintermänner und zwei Mittäter aufgeflogen. Bordellbesitzer Peter Nusser („Wiener Peter“) war einer der Drahtzieher und Auftraggeber für Morde an unbequem gewordenen Konkurrenten auf dem Millionenmarkt für käuflichen Sex und harte Drogen. Für die Morde soll er jeweils zwischen 20.000 und 40.000 Mark bezahlt haben. Er wurde 1989 zusammen mit zwei Komplizen von Pinzner zu lebenslanger Haft verurteilt. Im selben Jahr wurden Haftstrafen gegen drei weitere Kiezgrößen verhängt, weil sie die Waffe für das Blutbad im Polizeipräsidium beschafft hatten.