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Der Ofen geht aus: Kahla brennt kein neues Porzellan mehr

Tränen fließen in Kahla immer wieder seitdem das Aus für die Porzellan-Produktion klar ist. Während der große Ofen abkühlt, der Werksverkauf gestürmt wird, keimt aber noch ein Fünkchen Hoffnung.

Von Marie Frech, dpa

23.10.2026

Für die Porzellanproduktion selbst ist es in Kahla schon nach Zwölf. Für die Dekorationsabteilung gibt es noch einen kleinen Hoffnungsschimmer.Martin Schutt/dpa

Für die Porzellanproduktion selbst ist es in Kahla schon nach Zwölf. Für die Dekorationsabteilung gibt es noch einen kleinen Hoffnungsschimmer.Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Ein lautes Brummen ist dauerhaft in der Halle zu hören. „Der Krach vom Ofen wird mir schon fehlen“, sagt Nicole Roth, schmunzelt und schluckt gleichzeitig. „Ich dachte eigentlich, ich bin hier bis zur Rente.“ Roth, Mitte 40, ist Leiterin im Dekorationsbereich bei der Kahla Porzellan GmbH. Sie lächelt als sie über die Situation in dem traditionsreichen, aber insolventen Betrieb spricht, in dem sie bereits ihre Ausbildung zur Glas- und Porzellanmalerin gemacht hat. Manchmal füllen sich ihre Augen dabei aber doch mit Tränen.

Denn auf den Tag genau 182 Jahre nachdem in Kahla erstmals Porzellan gebrannt wurde, geht nun der große Ofen dort aus. Im Beisein von Belegschaft und Gästen werden die Gasregler endgültig heruntergefahren. „Bis der Ofen komplett ausgekühlt ist, dauert es mehrere Stunden“, sagt Fertigungsleiter Frank Meinhardt-Ruppin.

Auf 1.400 Grad konnte der Ofen erhitzt werden, um mitunter über Stunden Tassen, Teller, Kannen und andere bereits geformte und vorgebrannte Porzellan-Teile zu brennen. Theoretisch konnten 50.000 Teile am Tag in der 70 Meter langen Anlage gebrannt werden. „Je mehr gebrannt wird, umso günstiger war der Ofenbetrieb“, erklärt Christoph Schwieter. Er wurde von Insolvenzverwalter Rolf Rombach als Interimsmanager vor einigen Monaten nach Kahla geholt. Zuletzt sei der Ofen aber nicht ausgelastet genug gewesen, um ihn effektiv zu betreiben, ergänzt Meinhardt-Ruppin.

Das Aus in Kahla ist für die Leiterin der Dekoration Nicole Roth besonders emotional: Sie hat in dem Betrieb sogar ihre Ausbildung gemacht.Martin Schutt/dpa

Das Aus in Kahla ist für die Leiterin der Dekoration Nicole Roth besonders emotional: Sie hat in dem Betrieb sogar ihre Ausbildung gemacht.Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Die sogar in der Insolvenz noch gestiegenen Energiekosten hätten dem Betrieb endgültig das Genick gebrochen, so Schwieter. Allein die Börsenpreise für Gas seien heftig gestiegen. Auf rund 200.000 Euro im Monat beliefen sich die Energiekosten für den Betrieb zuletzt.

Hohe Energiekosten, schwache Auftragslage

Allein die Kosten für Gas hätten aber nicht zum im Frühjahr eröffneten Insolvenzverfahren geführt. Die Schieflage hatte das Unternehmen damals mit einer schwachen Auftragslage, Kaufzurückhaltung im Gastronomiebereich und den hohen Energiekosten begründet. Schwieter verweist derweil darauf, dass in der Vergangenheit etwa auch Investitionen versäumt worden seien. Dennoch, die Maschinen seien auf einem guten technologischen Stand. Der große Ofen werde verkauft werden. „Ins außereuropäische Ausland“, betont Schwieter. Die Zahl der Porzellanhersteller sei eben nicht nur in Deutschland inzwischen überschaubar geworden.

Sie gehören zu den letzten Tassen, die in Kahla noch gebrannt wurden, bevor der große Ofen endgültig heruntergefahren ist.Martin Schutt/dpa

Sie gehören zu den letzten Tassen, die in Kahla noch gebrannt wurden, bevor der große Ofen endgültig heruntergefahren ist.Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Dabei war gerade Ostdeutschland lange Zeit bekannt für die industrielle Porzellanherstellung, wo sie zumindest innerhalb Europas auch ihre historischen Anfänge mit dem Meißner Porzellan nahm. Im heutigen Thüringen boomte laut dortigem Wirtschaftsministerium die Branche geradezu und auch Kahla wurde zu einer bekannten Produktionsstätte. Schon seit 1844 wurde dort etwa das berühmte blaue Strohblumenmuster in Handarbeit auf Tassen und Co. aufgebracht.

Einst 18.000 Beschäftigte im VEB Feinkeramik

Schließlich wurde die Stadt in DDR-Zeiten zum Sitz des Volkseigenen Betriebs (VEB) Feinkeramik, zu dem 17 Betriebe mit rund 18.000 Beschäftigten gehörten. Etwa 2.300 davon arbeiteten in Kahla. Nach der Wende kam auch für Kahla die Privatisierung und die erste Pleite. 1994 wurde Kahla/Thüringen Porzellan GmbH neu gegründet.

Diese meldete 2020 nach einem geplatzten Großauftrag Insolvenz an und wurde dann vom bisher letzten Geschäftsführer Daniel Jeschonowski übernommen. Vor der Insolvenz vor sechs Jahren hatten noch etwa 250 Menschen in der Manufaktur gearbeitet. Im Mai war die Rede von 120 Mitarbeitern, die bei dem Unternehmen arbeiteten. Inzwischen sind es noch rund 100, nach Produktionsende des Porzellans selbst werden es noch etwa 70 sein.

Etliche Design-Auszeichnungen erhielt das Unternehmen. Schwieter spricht von „innovativen Ideen“, die in Kahla erdacht und umgesetzt wurden und verweist etwa auf spülmaschinenfesten Filzdekor. Damit habe das Unternehmen auch auf verändertes Kaufverhalten der Kunden reagiert, so Schwieter. Eine typische Erstausstattung mit vollem Tafelgeschirr sei schon lange nicht mehr die Regel.

Im Werksverkauf in Kahla nehmen Menschen nun täglich große Mengen an Geschirr mit.Martin Schutt/dpa

Im Werksverkauf in Kahla nehmen Menschen nun täglich große Mengen an Geschirr mit.Martin Schutt/dpa

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Deshalb habe Kahla auch auf Gastronomen und Hotels als Kunden gesetzt. Auch die Herstellung von Werbeprodukten, also etwa Tassen mit Firmenlogos und Ähnlichem, sei zuletzt ein wichtiger Bereich gewesen. Im Dekorbereich etwa werden aktuell noch Tassen für ein Café in Paris dekoriert. „Die haben wir schon öfter beliefert“, erinnert sich Roth.

Aus seit Ende September klar: „Habe viel geweint“

Obwohl sich Insolvenzverwalter Rombach dafür eingesetzt hatte, doch noch einen Investor zu finden und auch das Land Thüringen in die Bemühungen einbezogen gewesen war; Ende September kam die Mitteilung, dass es keine wirtschaftliche Grundlage für eine dauerhafte Fortführung des Betriebs gebe. 

Dekorationsleiterin Roth erinnert sich noch gut, an den Tag, als sie vom Aus für ihren Arbeitgeber erfuhr: „Ich habe geweint, viel geweint.“ In der Belegschaft herrsche inzwischen unterschiedliche Stimmung. Manche sagten, dass es nicht mehr zu ändern sei, andere hätten noch Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. „Und der Großteil der Belegschaft ist da, auf die kann ich mich verlassen“, betont Roth.

Deutlich wird die Stimmung etwa bei Heike Schache. Wie viele andere ihrer Kolleginnen und Kollegen in der Weißfertigung hatte sie am Donnerstag ihren letzten richtigen Arbeitstag erlebt. „Ich war fünf Jahre hier. Es ist nicht angenehm“, sagt sie. Wie es für die 61-Jährige beruflich weitergeht, wisse sie noch nicht. „Jetzt ist es halt so... Aber vielleicht passiert noch ein Wunder, man weiß es nicht.“

Großer Andrang im Werksverkauf: „riesige Empathiewelle“

Noch richtig ins Schwitzen kommt derweil Benedikt Bernshausen. Als Leiter des Werksverkaufs ist der 38-Jährige seit Tagen am Rotieren. Seit das Aus für Kahla bekannt wurde, ist der Andrang im Werksverkauf riesig. Teils stauen sich schon die Autos an der Ausfahrt. „1.500 bis 2.000 Kunden haben wir jetzt täglich“, sagt Bernshausen. Sonst seien täglich mehrere hundert Käufer gekommen.

Benedikt Bernshausen, Werksverkaufsleiter, beschreibt die vergangenen Tage als eine emotionale „Achterbahnfahrt“.Martin Schutt/dpa

Benedikt Bernshausen, Werksverkaufsleiter, beschreibt die vergangenen Tage als eine emotionale „Achterbahnfahrt“.Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Die Tage seien eine „emotionale Achterbahn“, beschreibt Bernshausen, der selbst zwar erst seit gut sechs Jahren bei Kahla arbeitete, die Unternehmensgeschichte aber wie kaum ein anderer kennt. Kunden hätten oft das Bedürfnis über ihre eigenen Verbindungen zu Kahla und dem Geschirr zu sprechen, erzählten Anekdoten und nähmen Anteil am Schicksal von Unternehmen und Mitarbeitern. „Man lacht zusammen, aber spürt auch mal einen Kloß im Hals. Die Empathiewelle ist riesig“, sagt Bernshausen.

Geschirr, das seit Kindheit begleitet

Zu solchen Kunden im Werksverkauf gehört etwa auch Christian Koseck. „Das ist jetzt wahrscheinlich das letzte Mal, dass wir noch etwas hier kaufen können“, erklärt er. Mit seiner Familie mitsamt zwei kleiner Kinder ist er extra aus Leipzig angereist. Kahla-Geschirr gehöre zum Familienalltag. „Jetzt wollen wir noch holen, was uns fehlt – oder was schon kaputtgegangen ist.“ Für den gebürtigen Thüringer selbst sei der Bezug zum Kahla-Porzellan aber schon immer da: „Ich bin mit dem Geschirr groß geworden und hatte Teller mit schönen Kindermotiven.“

Noch bis ins kommende Jahr hinein soll der Werksverkauf, sofern möglich weiterlaufen. Auch für den Dekorationsbereich von Nicole Roth gibt es Schonfrist. Dort müssen etwa noch Aufträge abgearbeitet werden. Aber dort keimt auch ein kleines Fünkchen: Man arbeite „mit Hochdruck“ daran, in Kahla zumindest eine „kleine Lösung“ zu finden, sagt Insolvenzverwalter Rombach. Dabei gehe es etwa darum, die Marke und den Dekorbereich zu erhalten. Roth strahlt bei dem Gedanken: „Ich bin hoffnungsvoll und würde mir wünschen, dass es weitergeht.“

Frank Meinhardt-Ruppin, Fertigungsleiter, war eigentlich schon im Ruhestand, wurde dann aber in der Insolvenz noch mal zurück ins Werk nach Kahla geholt.Martin Schutt/dpa

Frank Meinhardt-Ruppin, Fertigungsleiter, war eigentlich schon im Ruhestand, wurde dann aber in der Insolvenz noch mal zurück ins Werk nach Kahla geholt.Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

 1961 wurden Fabrik- und Bürogebäude am heutigen Standort in Kahla neu gebaut. Martin Schutt/dpa

1961 wurden Fabrik- und Bürogebäude am heutigen Standort in Kahla neu gebaut. Martin Schutt/dpa

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Noch ist das Lager in Kahla gefüllt. Doch mit jedem Tag werden die Kisten mit Tassen, Teller und anderen Teilen weniger. Martin Schutt/dpa

Noch ist das Lager in Kahla gefüllt. Doch mit jedem Tag werden die Kisten mit Tassen, Teller und anderen Teilen weniger. Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Ein Hoffnungsschimmer bleibt vorerst: Möglicherweise kann zumindest die Marke selbst und der Dekorationsbereich in Kahla erhalten bleiben.Martin Schutt/dpa

Ein Hoffnungsschimmer bleibt vorerst: Möglicherweise kann zumindest die Marke selbst und der Dekorationsbereich in Kahla erhalten bleiben.Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

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