Babyklappen im Norden werden selten genutzt
Fünf Babyklappen in Schleswig-Holstein retten selten, aber manchmal Leben. Warum Betreiber an dem Angebot festhalten und was das Recht auf vertrauliche Geburt verändert hat.
Vor knapp 26 Jahren wurde die erste Babyklappe in Schleswig-Holstein eröffnet, mittlerweile gibt es fünf von ihnen im nördlichsten Bundesland. (Archivbild)Carsten Rehder/dpa
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Nur selten werden Neugeborene in einer Babyklappe in Schleswig-Holstein abgelegt – aus Sicht der Betreiber bleibt das Angebot dennoch wichtig. Die fünf Babyklappen des Landes befinden sich in Lübeck, Pinneberg, im Ortsteil Satrup der Gemeinde Mittelangeln, Kiel und Reinbek. Sie ermöglichen es Müttern, die verzweifelt sind und anonym bleiben möchten, ihr ungewolltes Kind in Sicherheit zu bringen.
„Selbst wenn wir zukünftig nur ein einziges Neugeborenes mit unserer Babyklappe retten können, ist es für uns das Fortführen unserer Babyklappe mehr als wert“, sagte die Sprecherin des Krankenhauses Reinbek St. Adolf-Stift. Die dortige Babyklappe wurde nach langer interner Diskussion 2008 eingerichtet, seitdem wurden dort demnach insgesamt 5 Neugeborene abgelegt: Je zwei Kinder in den Jahren 2012 und 2013, sowie ein Baby im Jahr 2024.
Betreiber von bundesweit erster Babyklappe auch bei Flensburg aktiv
Vor 26 Jahren – am 8. April 2000 – eröffnete die Einrichtung Sternipark in Hamburg-Altona Deutschlands erste Babyklappe. Hinter den Klappen und Türen befindet sich in der Regel ein Bettchen. Darauf liegt ein Brief an die Mutter. Ist die Klappe geschlossen, lässt sie sich von außen nicht mehr öffnen. Wenige Minuten später - damit die Mutter Zeit hat, sich unerkannt zu entfernen - geht ein Alarm an, dass die Babyklappe genutzt wurden.
Insgesamt betreibt Sternipark heute drei Babyklappen: Zwei in Hamburg sowie eine im Ortsteil Satrup im schleswig-holsteinischen Mittelangeln. Insgesamt wurden seit Bestehen der Babyklappe 60 Säuglinge in die drei Babyklappen gelegt. In Satrup in der Nähe von Flensburg wurde zuletzt im Spätsommer 2024 ein Baby abgegeben.
Nach kurzer Zeit wird ein Alarm ausgelöst, dass die Babyklappe genutzt wurde. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
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Totes Baby auf Mülldeponie Anlass für Lübecker Babyklappe
Auch die Babyklappe in Lübeck gehört mit zu den ersten Babyklappen Deutschlands. Sie wurde 2000 nur wenige Monate nach Eröffnung der Hamburger Babyklappe eingerichtet. Das erste Baby in Lübeck wurde 2003 abgegeben, sagte die Vorsitzende des Vereins Leben bewahren, Friederike Garbe.
Sie habe die Babyklappe eröffnet, weil sie gelesen habe, dass in Hamburg ein totes Baby gefunden wurde. „Und kurze Zeit später wurde bei uns in Lübeck auf der Mülldeponie ein totes Baby gefunden.“ Insgesamt wurden 23 Neugeborene und ein registriertes Geschwisterpaar in der Hansestadt abgegeben – das bislang letzte Mal im August 2024.
Kreistag in Pinneberg forderte Einrichtung einer Babyklappe
In Pinneberg war das Schicksal eines Findelkindes im Kreisgebiet Ende 2003 Anlass für die Einrichtung einer Babyklappe gewesen, wie die Sprecherin der Regio Kliniken sagte. Der Säugling sei auf den Stufen eines Einfamilienhauses gefunden worden, nachdem dessen Eltern dort geklingelt und weggelaufen waren.
Nach diesem Vorfall forderte der Pinneberger Kreistag den Angaben zufolge die Einrichtung einer Babyklappe. Diese wurde schließlich 2007 eröffnet. Seitdem wurden dort insgesamt fünf Babys abgelegt, zuletzt im August 2015.
Die Trägerorganisation Sternipark, die 2000 die bundesweit erste Babyklappe eröffnete, ist auch in Satrup bei Flensburg aktiv. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
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Vertrauliche Geburten seit 2014 möglich
Babyklappen sind allerdings durchaus umstritten. Kritiker führen unter anderem an, dass die anonyme Abgabe das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletze.
Um die Situation von Müttern und Kindern in Not zu verbessern, wurde im Jahr 2014 wurde in Deutschland bundesweit die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt eingeführt. Diese ermöglicht es den Angaben des Bundesministeriums für Familie zufolge Schwangeren in Notsituationen, ihr Kind medizinisch sicher, aber ohne Offenlegung ihrer Identität zur Welt zu bringen. Zudem wahrt sie das Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung.
Mehrere vertrauliche Geburten pro Jahr in Schleswig-Holstein
Bei vertraulichen Geburten können Mütter anonym entbinden und einen Vornamen für das Kind auswählen. Ihre persönlichen Daten werden in einem versiegelten Brief beim Bundesamt für Familie verwahrt. Das Kind kann diesen Herkunftsnachweis nach seinem 16. Geburtstag einsehen, wenn es möchte. Begleitet wird der gesamte Prozess der vertraulichen Geburt durch eine Schwangerschaftsberatungsstelle.
In Schleswig-Holstein wurden nach Angaben des Landessozialministeriums vorliegenden Rückmeldungen zufolge von 2014 bis 2024 insgesamt 44 Herkunftsnachweise übermittelt. Die jährlichen Fallzahlen bewegen sich nach Angaben einer Sprecherin dabei durchgängig im niedrigen einstelligen Bereich.
Betreiber halten an Babyklappen fest
Das Angebot einer vertraulichen Geburt sei begrüßenswert, weil vermutlich darum insgesamt weniger Kinder in Babyklappen abgelegt werden und die Frauen eine medizinische Versorgung unter der Geburt erhalten, sagte die Sprecherin des Reinbeker Krankenhauses. „Wir glauben jedoch nicht, dass eine vertrauliche Geburt die Babyklappen komplett ersetzen kann, da sich nicht alle Frauen in ihrer Not den Beratungsstellen mitteilen können.“
Ähnlich sehen es die Regio Kliniken Pinneberg. Vertrauliche Geburten seien immer die bessere Lösung, weil Mutter und Kind während und nach der Geburt umfassend versorgt werden, sagte deren Sprecherin. Dennoch seien Babyklappen weiterhin sehr wichtig, da nicht jede Frau rechtzeitig Hilfe suche oder den Weg ins Krankenhaus schaffe. „Diese werdenden Mütter stecken oft in einer großen Krise und handeln aus Angst, Verzweiflung oder Überforderung spontan. In solchen akuten Situationen kann eine Babyklappe das Leben eines Neugeborenen retten“, sagte die Sprecherin.