LeserbriefeFREI

„Die Wachstumslogik scheint um sich zu greifen“

Bankenfusion

Mittwoch, 13. Oktober 2021 - 11:30 Uhr

von Ulrich Kranenburg (Borken)

Leserbrief zur gescheiterten Fusion der Volksbank Bocholt und der VR-Bank Westmünsterland und dem Bericht „Vier Stimmen zu wenig: Bocholt sagt Nein zum Zusammenschluss“.

Foto: Peter Berger

Der Stoiker Epiktet machte einst einen sehr vernünftigen Vorschlag. Er empfahl bei allen Dingen, die uns begegnen, zu fragen, ob sie in unserer Macht stehen oder nicht. Erstere rechnete er unserem Handeln zu, andere den Umständen.

42 von 152 Mitgliedsvertreter der Volksbank Bocholt eG wollten nicht, aus Angst vor einem vermeintlichen wirtschaftlichen Tod, den Selbstmord ihrer Genossenschaftsbank im Zuge einer Fusion initiieren. Sie kamen ins Handeln, indem sie kurz und knackig Nein sagten, ein Nein als wohl letzter Einfluss, den Eigentümer (Mitglieder) von Genossenschaftsbanken gelegentlich noch haben.

Auch im westlichen Münsterland scheint eine „Wachstumslogik“ um sich zu greifen, die sich – wie in diesem Fall – nicht mehr darin erschöpft, dass sich beide Bankhäuser bereits auf „klarem Wachstumspfad“ bewegen. Die Fähigkeit, auf Umbrüche und Katastrophen konstruktiv reagieren zu können, ist Vielfalt und Differenz. Genau dies droht aber mit zunehmender Konzentration in allen Bereichen immer mehr verloren zu gehen.

Macht die Wachstumslogik Vorstände zu getriebenen Treibenden? Wären sie die eigentlichen Profiteure der Fusion (auf beiden Seiten) gewesen? Ist den Mitgliedsvertretern das Vertragswerk vorgelegt worden und sind sie in seinen konkreten rechtlichen und tatsächlichen Auswirkungen objektiv und umfassend informiert worden? Von all dem und vielem mehr erfährt der Leser – nichts. Die vierte Gewalt begreift sich nicht mehr als kritische Instanz, sondern begnügt sich mit einer ideologisch passgenauen Darstellung und Kommentierung des Geschehenen. So bleibt auch die kritische Stellungnahme der Interessengemeinschaft der Genossenschaftsmitglieder vom April 2021 zum konkreten Fall im Dunkeln.

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