Schweiß, Blut, Tränen - und Doping: Kusch bei Enhanced Games
Warum startet Marius Kusch bei den Enhanced Games? Der deutsche Schwimmer spricht über seine Gründe. Ein früherer Mitbewohner sieht das Thema differenziert - und eine große Gefahr.
Marius Kusch löst mit seiner Teilnahme an den Enhanced Games viel Kritik aus. (Archivbild) Asanka Brendon Ratnayake/AP/dpa
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Marius Kusch schlendert über den Strand, trainiert in Florida im Freiluft-Pool und plaudert in seinem Wohnzimmer über die Enhanced Games. Der Schwimmer wirkt locker, selbstbewusst und klar. Dass er mit seiner Teilnahme an der auch als Doping-Spiele bezeichneten Veranstaltung für riesige Kontroversen sorgt und sich harscher Kritik ausgesetzt sieht, ist ihm im Beitrag des TV-Magazins „Galileo“ und bei seinen Social-Media-Auftritten nicht anzumerken.
Kusch: „Mein innerer Kreis steht hinter mir“
„Wenn man mit dieser Kritik nicht umgehen kann, wenn einem das zu nahe kommt, dann mach es nicht“, sagt er. „Dann lass die Finger davon.“ Kusch betont: Ich habe auf jeden Fall die Unterstützung meiner Familie und meiner Freunde. Mein innerer Kreis steht hinter mir.“
Für viele Sportler-Kollegen, Funktionäre und Doping-Jäger gilt das nicht. Das Konzept der Enhanced Games, die an diesem Wochenende in Las Vegas stattfinden, löst Entrüstung aus.
„Die Enhanced Games stehen diametral zu allem, wofür der Sport steht“, sagte Jan Pommer, Vorstandschef des Deutschen Schwimm-Verbands, nachdem Kuschs Teilnahme publik geworden war. Sie würden Fairness, Gesundheit und die Daseinsberechtigung des Sports selbst verhöhnen, indem sie Doping nicht nur tolerieren würden, „sondern als vermeintlich autonom zu treffende Option zur Selbstoptimierung inszenieren“.
Doping ist bei den Enhanced Games legitim. (Archivbild)Patrick Seeger/dpa
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Es geht um sehr viel Geld
Sonst untersagte Substanzen sind bei den Wettkämpfen im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Gewichtheben tatsächlich nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.
Die Grenzen des Machbaren sollen verschoben, Rekorde fürstlich entlohnt werden. Gesamtprämien von 25 Millionen US-Dollar wollen die Veranstalter ausschütten.
Für den ersten Platz in einer Disziplin gibt es 250.000 US-Dollar. Wer unter den Weltrekorden über die 100 Meter in der Leichtathletik oder den 50 Meter Freistil im Schwimmen bleibt, kassiert eine Million US-Dollar. Das Geld lockt auch Kusch, der als Schmetterlingsschwimmer dabei ist und für einen Weltrekord auf seinen Strecken 250.000 Dollar (ca. 216.000 Euro) einstreichen kann.
„Ich bräuchte viele, viele Karrieren, um an das ranzukommen, was man hier potenziell in einem Jahr verdienen kann“, sagt der 33-Jährige. 2019 wurde er Kurzbahn-Europameister über 100 Meter Schmetterling, 2021 nahm Kusch an den Olympischen Spielen in Tokio teil. Wirklich viel verdienen im Schwimmen nur wenige absolute Topstars mit hoch dotierten Werbeverträgen. Ein solcher war der in Datteln im Ruhrgebiet geborene Kusch nie.
Kusch: „Man muss Schweiß, Blut, Tränen investieren“
„Am Ende des Tages kann ich meine Miete nicht mit meiner Leidenschaft des Schwimmsports bezahlen. Sondern dafür brauche ich leider echtes Geld“, sagt er.
Marius Kusch lockt das Geld. (Archivbild)Asanka Brendon Ratnayake/AP/dpa
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Der finanzielle Anreiz ist das eine. Kusch will aber auch herausfinden, was mit Hilfe sonst im Sport verbotener Substanzen möglich ist. Große Sorgen um seine Gesundheit macht er sich nicht. „Wir haben ein Top-Ärzteteam dahinter“, sagt er. Wichtig ist ihm auch, dass trotz Dopings weiterhin viel Training und harte Arbeit nötig seien, um erfolgreich zu sein. „Im Vordergrund steht nach wie vor der Sportler“, sagt er. „Man muss Schweiß, Blut, Tränen investieren.“
Einer, der Kusch gut kennt, beurteilt dessen Entscheidung auf mehreren Ebenen. „Was das Körperliche angeht, ist es schwierig. Was das finanzielle angeht, ist es verständlich, dass die Sportler das machen. Und moralisch geht’s halt nicht“, sagt Jacob Heidtmann der Deutschen Presse-Agentur. Der 31 Jahre alte Ex-Schwimmer und frühere Athletensprecher trainierte einst mit Kusch gemeinsam in San Diego. Die beiden lebten in einer WG, haben laut Heidtmann immer noch ein freundschaftliches Verhältnis.
Ex-Mitbewohner Heidtmann: „Sport hat eine Vorbildfunktion“
„Wir haben darüber gesprochen. Ich respektiere seine Entscheidung“, sagt der zweimalige Olympia-Teilnehmer. „Er weiß, dass ich es kritisch sehe, aber wir haben jetzt keinen Streit deswegen.“
Heidtmann sieht vor allem einen Aspekt kritisch. „Sport hat eine Vorbildfunktion“, sagt er und erklärt mit Blick auf eine Schwimm-Legende: „Als ich 13 war, habe ich Michael Phelps im Fernsehen gesehen und wollte so werden wie er. Wenn ich mir jetzt als 13-Jähriger diese Doping-Spiele anschaue und sehe, da werden Rekorde gebrochen, dann will ich vielleicht auch so sein.“
Jacob Heidtmann hat früher mit Kusch zusammengewohnt. (Archivbild)Soeren Stache/dpa-Zentralbild/ZB
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Heidtmann ist wichtig, Kusch und andere Teilnehmer an den Enhanced Games nicht „per se zu verurteilen“. Man müsste den sauberen Sport finanziell attraktiver machen, findet er. „In der olympischen Bewegung steckt immer noch so viel Geld drin. Das müsste ein bisschen anders verteilt werden, damit die Akteure, die das Ganze am Leben halten, auch davon profitieren können“, sagt er und ergänzt mit Blick auf die Enhanced Games: „Wenn sie ein bisschen besser finanziell ausgestattet wären, fiele es ihnen leichter, dazu nein zu sagen.“
Kusch hat Ja gesagt. Bei Instagram postete er ein Video aus Las Vegas. Darin zu sehen: die Wettkampfstätte und eine große Leinwand mit dem Schriftzug „Enhanced Games“.