Waschbären, Klima, Handarbeit – Weinlese in Nordhessen
Früher belächelt, heute gefragt: In Felsberg zeigt ein Verein, wie Weinbau in Nordhessen funktioniert – als „Nordenklave“ des Rheingaus, mit Leidenschaft und viel Pflege.
Das rund 1,4 Hektar große Anbaugebiet liegt gut 20 Kilometer südlich von Kassel. Nicole Schippers/dpa
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„Wenn wir die Trauben zu lange stehen lassen, fressen die Waschbären sie uns weg“, sagt Klaus Stiegel. Das Problem hätten Winzer in Südhessen wohl nicht, meint der Vorsitzende des Fördervereins Böddiger Berg, der einen der nördlichsten Weinberge Hessens bewirtschaftet. Dort steht an diesem Wochenende die Lese an.
Gelegen ist das rund 1,4 Hektar große Anbaugebiet in Felsberg im Schwalm-Eder-Kreis gut 20 Kilometer südlich von Kassel. Die Reben an dem Südwest-Hang an der Eder wachsen auf einem besonderen Boden aus Lava-Basaltgestein. „Das verleiht unserem Wein eine ganz besondere Note - leicht herb und rund“, sagt Stiegel.
Böddiger Berg gehört zur Weinregion „Rheingau“
Der Weinberg gehört offiziell zur Weinregion „Rheingau“ und untersteht damit auch den entsprechenden Qualitätsvorgaben. „Der Böddiger Berg ist unsere Nordenklave“, sagt Dominik Russler, Geschäftsführer des Rheingauer Weinbauverbands.
Die Reben wachsen auf einem besonderen Boden aus Lava-Basaltgestein.Nicole Schippers/dpa
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Auf dem Weinberg dürften dementsprechend etwa die gleichen Rebsorten angebaut werden wie im Rheingau. „Und die Mostgewichte für die Qualitätsstufen sind auch identisch mit denen im Rheingau.“ Das Mostgewicht gibt den Anteil der gelösten Stoffe (vor allem Zucker) im Traubensaft an, ein Hinweis auf den möglichen Alkoholgehalt des späteren Weines.
Mehr Sonne im Sommer
Geerntet werden auf dem Böddiger Berg hauptsächlich die Rebsorten „Ehrenfelser“ und „Riesling“. Das funktioniere immer besser auch im Norden Hessens, erklärt Stiegel. Geschuldet sei das neben der intensiven Pflege der Traubenbestände auch den Klimaveränderungen.
„Früher ist belächelt worden, in „Hessisch Sibirien“ mit sehr kalten Wintern Wein anzubauen“, sagt der 81-Jährige. „Wir haben zwar immer noch häufiger Spätfröste als im Süden. Aber heute sind die Winter in Nordhessen bei Weitem nicht mehr so lang, der Frost ist nicht mehr so heftig und im Sommer haben wir viel mehr Sonne.“
„Grundsätzlich ist es durch den Klimawandel auch in Nordhessen möglich, mittlerweile Weinbau zu betreiben“, sagt auch der Sprecher des Deutschen Weininstituts in Bodenheim bei Mainz, Ernst Büscher. Hinzu komme der spezielle Boden am Böddiger Berg, der sich schnell aufheize.
Wechselhafte Geschichte
Die Ursprünge des Weinanbaus in der Region reichen Stiegel zufolge bis ins Mittelalter zurück. Nachdem der Weinbau für Jahrhunderte zum Erliegen gekommen sei, habe der Bauunternehmer Georg Angersbach Anfang der 1950er-Jahre wieder damit begonnen. Nach dessen Tod 1979 sei der Weinbau eingestellt worden.
Der Weinberg gehört offiziell zur Weinregion „Rheingau“.Nicole Schippers/dpa
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Seit Anfang der 1990er-Jahre bewirtschaftet der Förderverein Böddiger Berg die Rebfläche, die er inzwischen auch erworben hat, ökologisch. Das nötige Wissen habe man sich selbst angeeignet, sagt Stiegel. „Das war learning by doing.“ Die Pflege sei durchaus zeit- und arbeitsintensiv. „So ein Weinberg braucht immer Arbeit und Zuwendung.“ Zwei geringfügig Beschäftigte und die Vereinsmitglieder, derzeit 36, kümmerten sich das ganze Jahr darum.
Ernte in Handarbeit
Die Ernte der Weintrauben von den rund 4.000 Rebstöcken - in kompletter Handarbeit - übernehmen Mitglieder des Fördervereins und freiwillige Helfer. An ihnen mangele es nicht, berichtet Michaela Heislbetz, die sich ebenfalls ehrenamtlich im Förderverein engagiert. 65 an der Zahl seien es in diesem Jahr, erzählt die 51-Jährige. Die meisten von ihnen stammten aus Nordhessen und seien regelmäßig dabei. „Wir hatten aber auch schon Helfer aus Berlin, Hamburg und aus den Niederlanden dabei“, sagt Stiegel.
Bis vor einigen Jahren habe der Verein immer noch einen Helfer-Aufruf in der Zeitung gestartet. „Das brauchen wir inzwischen nicht mehr. Es melden sich schon von vornherein so viele an“, berichtet Heislbetz. Die Helfer bräuchten einen gesunden Rücken und müssten gut zu Fuß sein, sagt Stiegel. „Die Lese ist schon auch anstrengend, man muss sich viel bücken“, sagt er. „Und ein bisschen Sorgfalt muss auch dabei sein.“
Geerntet werden auf dem Böddiger Berg hauptsächlich die Rebsorten „Ehrenfelser“ und „Riesling“.Nicole Schippers/dpa
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Trauben werden in Geisenheim verarbeitet
Stiegel und Heislbetz hoffen auf einen guten Ertrag bei der Ernte am Samstag. 6,3 Tonnen und damit mehr als 6.000 Flaschen seien im vergangenen Jahr zusammengekommen. „In diesem Jahr gehen wir von einer ähnlichen Größenordnung aus“, sagt Stiegel.
Ein wenig Südhessen steckt am Ende aber doch im nordhessischen Wein. „Nach der Ernte werden die Trauben zur Verarbeitung zum Weingut Schumann-Nägler in Geisenheim im Rheingau gebracht“, berichtet Stiegel. Ab Ende April/Anfang Mai kommenden Jahres ist der abgefüllte Tropfen dann voraussichtlich erhältlich - in ausgewählten Verkaufsstellen in der Region.
Die Ernte der Weintrauben übernehmen Mitglieder des Fördervereins und freiwillige Helfer. Nicole Schippers/dpa
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