Warum es oft um weit mehr als Musik geht
An der halleschen Hochschule für Kirchenmusik werden Musikerinnen und Musiker ausgebildet, die Menschen erreichen wollen, die mit Kirche nicht viel am Hut haben. Das kann einsam machen.
Josefine Beyrich und Benjamin Leins kennen die Hochschule für Kirchenmusik in Halle beide gut. Hendrik Schmidt/dpa
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Manchmal fühlt sich Benjamin Leins wie ein UFO, das mitten in Sachsen-Anhalt, genauer gesagt in Bernburg, gelandet ist. Mit Überirdischem hat seine Arbeit zwar durchaus zu tun, von Außerirdischen könnte sie aber nicht weiter entfernt sein. Denn Leins ist Kirchenmusiker.
Der 38-Jährige versucht, mit seiner Arbeit auch jene Menschen zu erreichen, die sich wenig für Gott, die Bibel und den Glauben interessieren. Von ihnen gebe es in vielen Städten weitaus mehr als jene, die seinen Glauben teilen. Seine Aufgabe ist vor allem deshalb nicht ganz so einfach, wie Leins selbst findet. Aber trotz Einsamkeit und hohem Aufwand sei sie vor allem eines: bereichernd.
Von Eisenach über Halle nach Bernburg
Leins hat seinen Abschluss an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik (EHK) in Halle gemacht. Sie ist eigenen Angaben nach deutschlandweit die älteste und größte ihrer Art. In Halle wurde Leins an der Orgel ausgebildet, hat gelernt, wie man Chöre leitet und singt. Außerdem hat er theologische und musikwissenschaftliche Grundlagen mit auf den Weg bekommen.
Orgelspiel ist ein Teil der Inhalte, die während des Studiums an der EHK gelehrt werden. Hendrik Schmidt/dpa
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„Das Kirchenmusikstudium in Halle war für mich die Antwort auf die Frage nach Heimat“, erzählt Leins. In den Jahren davor lebte er in unterschiedlichen Ländern, studierte Klavier und arbeitete irgendwann an einer Musikschule als Klavierlehrer in Eisenach. Dann kam er zur Kirchenmusik - und fand, was ihn heute erfüllt.
Wiedertreffen und austauschen
In Halle Kirchenmusik zu studieren, sei wie ein Teil einer großen Familie zu sein, sagt der Musiker, der insgesamt neun Jahre an der Hochschule war. „Hier ist es wie ein gemeinsames Auf- und Zusammenwachsen.“
In den vergangenen 100 Jahren seit der Gründung der Hochschule in Aschersleben haben rund 1.900 Menschen dort studiert. 1939 zog die Einrichtung nach Halle. Heute ist sie staatlich anerkannt und in Trägerschaft der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Es gibt mittlerweile auch zwei gemeinsame Studiengänge mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, die Lehramt und Kirchenmusik miteinander verbinden. Zum besonderen Jubiläum in diesem Jahr ist gewissermaßen ein großes Familienfest geplant.
Die Hochschule wurde vor 100 Jahren in Aschersleben gegründet und zog dann nach Halle um.Hendrik Schmidt/dpa
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Der „sinnvollste Weg der Verkündigung“
Zu den Studierenden zählt Josefine Beyrich. Sie steht kurz vor dem Abschluss ihres Bachelors, möchte anschließend einen Master in Chorleitung draufsetzen. „Ich bin eigentlich recht gradlinig zur Kirchenmusik gekommen“, erzählt die 23-Jährige. Vielleicht der logische Schluss, wenn man - wie Beyrich - aus einem Pfarrhaushalt kommt.
In der Musik habe sie dem „sinnvollste Weg der Verkündigung“ gefunden, sagt sie. „Ich finde, man kann nur eine gute Kirchenmusikerin sein, wenn man Kirche und ihre Inhalte versteht und sich darin verorten kann.“
Professionelle Musiker und manchmal auch Sozialarbeiter
Mit ihren Eltern und drei Geschwistern ist sie auf Usedom aufgewachsen. „Aus meiner Kindheit weiß ich, wie Kirche und Gemeinde in kleinen Städten funktionieren“, erzählt Beyrich. In großen Städten sei alles ein wenig anders. Zwar gebe es viel mehr - und manchmal vielleicht auch spannenderes - Angebot, aber: „Die Hürden zum Mitmachen liegen oft höher.“
Und genau hier kommen Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen ins Spiel, sind sich Leins und Beyrich einig. „Wir gestalten die gesamte Kirchenmusik, da geht es nicht nur um das, was während der Gottesdienste geschieht“, macht Leins deutlich.
Neben Gottesdiensten gibt es viele andere Wege, über die Kirche Menschen erreichen will. Hendrik Schmidt/dpa
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Denn im Kontakt mit den Menschen gehe es häufig um weit mehr als Musik. „Wir sind professionelle Musiker, die manchmal auch irgendwie als Sozialarbeiter vor Ort arbeiten“, sagt Leins. Immer wieder wendeten sich Menschen in Trauer oder Not an ihn - obwohl viele von ihnen mit dem Glauben eigentlich nicht verbunden seien.
„Man darf sich nicht so sehr regional gebunden fühlen“
Offene Stellen gebe es für Absolventinnen und Absolventen des Studiums in Halle „sehr, sehr viele“ und im ganzen Land, erzählt Beyrich. In der Vergangenheit seien die meisten allerdings in der Region um Halle untergekommen, sofern sie es nicht anders wollten. Für einige seien die freien Stellen aber dann ein Kompromiss aus Arbeits- und Wohnort. „Man darf sich in dem Beruf nicht so sehr regional gebunden fühlen“, sagt Leins.
Auch, weil Stellen teils nicht besetzt sind, würden mancherorts mehrere zusammengelegt oder es werde umstrukturiert, erzählt Beyrich. „Das macht es nicht immer attraktiver, dort zu arbeiten“, findet die Studentin. „Ich mache mir schon Sorgen darüber, wie viel unattraktiver die Arbeit in Zukunft durch diesen Transformationsprozess wird.“
Was sie aber zuversichtlich stimme, sei, dass die Kirche ihr und ihren Kommilitonen deutlich zu verstehen gebe, wie wichtig sie und die Musik sind. Landesbischof Friedrich Kramer hatte anlässlich des Jubiläums erklärt, dass Glaube ohne Musik nicht denkbar sei. „Das fühlt sich gut an“, sagte Beyrich mit einem Lächeln im Gesicht. In einer Welt, in der die großen Kirchen immer mehr Mitglieder verlieren, habe sie keine Angst um ihre Zukunft.