Warum an vielen Seen nur noch Reste von Schilf stehen
Regulierung des Wasserstandes, Beschattung und Gänsefraß haben Schilfbestände nicht nur am Großen Plöner See stark zurückgedrängt. Was das für die Ökosysteme bedeutet und was helfen könnte.
An einem kurzen Uferstück des Trammer Sees hat sich Schilf neu angesiedelt.Frank Molter/dpa
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Dichte im Wind wogende Schilffelder an den Ufern des Großen Plöner Sees sind ein Bild aus längst vergangenen Tagen. Warum es an vielen Seen in Schleswig-Holstein nur noch kleine Reste der ehemals riesigen Schilfflächen gibt, ist nicht völlig geklärt. Zumal der seit Jahrzehnten anhaltende Rückgang nicht alle Gewässer gleichermaßen betrifft und manche Seen und Teiche sogar Zuwachs erleben.
Der Vorsitzende des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) in Plön, Fritz Heydemann, kennt eine ganze Reihe von Gründen für den drastischen Rückgang der ökologisch wertvollen Pflanze. „Am Großen Plöner See sieht es im Hinblick auf das Schilf desolat aus.“ Das betreffe vor allem das Wasserschilf, das ganzjährig im Wasser steht, nicht jedoch Landschilfbestände etwa in feuchten Senken. In anderen Bereichen weiten sich die Schilfbestände stark aus, etwa in Verlandungsbereichen des Großen Binnensees bei Hohwacht oder an den Lebrader Teichen nördlich von Plön.
Natürliche Vermehrung von Schilf ist eingeschränkt
„Schilf hat in Hinblick auf seine Vermehrung ein großes Problem“, sagt Heydemann, der auch stellvertretender Landesvorsitzender des Umweltverbandes ist. Es verteile zwar sehr viele Samen, aber die wenigsten davon seien fruchtbar. Zum Keimen sind offene Schlammbänke nötig. Dazu braucht es einen natürlichen Gang des Gewässerstandes mit Niedrigwasser im Sommer und Herbst. Das ist im Großen Plöner See schon lange nicht mehr gegeben. Der Wasserstand ist durch eine Sohlgleite und Wehre reguliert und das ganze Jahr über weitgehend gleichbleibend.
Am flachen Ufer des Trammer Sees könnte mehr Schilf wachsen. Frank Molter/dpa
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Schilf vermehrt sich auch vegetativ über Wurzelausläufer und Knickhalme, die den Boden berühren und neue Wurzeln bilden. „Es gibt die These, dass unsere Schilfbestände gerade am Großen Plöner See total überaltert sind.“ Die Pflanzen seien nur noch ein Klon, genetisch also identisch. So gebe es keine Anpassung auf sich veränderte Umweltbedingungen.
Geschützte Wiesen bieten Gänsen Alternativen zum Schilf
Ein weiteres Problem ist nach Heydemanns Angaben der Tierfraß, vor allem durch Graugänse. Während der Mauser im Frühsommer, in der die Vögel flugunfähig sind, halten sich Gänse in der Nähe von Röhrichtbeständen auf. Schilf ist nicht sehr nahrhaft. „Jede Graugans würde eine Weide mit eiweißhaltigem Gras vorziehen“, sagt der frühere Biologielehrer. Dort wären sie aber leichte Beute für Fressfeinde wie Seeadler und Füchse. Unklar ist, wie stark Gänse Einfluss auf das Schilf nehmen. Der Nabu versucht, Gänsen Alternativen zum Schilf zu bieten.
In dem zu Plön gehörenden Trammer See hat der Umweltverband nach Heydemanns Angaben eine Insel mit Grünland gepachtet. Diese stehe den Gänsen als Weide zur Verfügung. Möglicherweise begünstigt der geringere Fraßdruck die Regeneration des Schilfs an den Ufern dieses Sees. Aber: „Der Trammer See ist absolute Ausnahme“, betont Heydemann.
Junges Schilf, von Tieren abgefressen und dann neu ausgeschlagen.Frank Molter/dpa
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Fadenalgen, die im Sommer ganze Teppiche an der Oberfläche des Großen Plöner Sees bilden können, schädigen Schilfbestände, wenn starker Wind sie in die Pflanzen treibt. Auch Wellenschlag, der auf dem mit 29,1 Quadratkilometern größten See in Schleswig-Holstein erheblich sein kann, führt zu Schäden im Schilf - vor allem in bereits durch andere Faktoren geschädigten Beständen. Auch Stege durch das Schilf sind aus Heydemanns Sicht negativ, weil sie zur Fragmentierung führen und die Angriffsfläche vergrößern. Am stabilsten sei eine geschlossene Schilffront vor einem flachen natürlichen Ufer, an dem Wellen sanft auslaufen können.
Umweltminister Goldschmidt: Symptom kranker Gewässer
Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) sieht im Schilfrückgang eines von vielen Symptomen unserer kranken Gewässer. „Dabei sind Schilfröhrichte - wie viele andere natürliche Lebensräume - echte Verbündete gegen Klimawandel und Überdüngung“, sagt er. Denn: „Je natürlicher die Ufer sind, desto besser schützen sie unsere Seen und bieten, ganz nebenbei, auch einen wertvollen Lebensraum.“
Nach Angaben des Ministeriums spielen Schilf und Schilfröhrichte an allen schleswig-holsteinischen Seen eine bedeutende Rolle. Das Schilf halte Nährstoffe fest, was der Überdüngung der Seen entgegenwirke. Außerdem schützen sie das Ufer vor Wellenschlag und damit vor Erosion. Sie seien ein wichtiger Lebensraum für Vögel und Insekten. Als dauerhafter Speicher für Kohlendioxid (CO2) tragen die Schilfbestände zum Klimaschutz bei.
Umweltminister Goldschmidt sieht im Rückgang der ökologisch wertvollen Schilfbestände an den Seen Schleswig-Holsteins ein Symptom kranker Gewässer. (Archivbild)Lilli Förter/dpa
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Schilf und andere Röhrichte sind nach Auskunft des Umweltministeriums als Biotope gesetzlich geschützt. Landesweite Daten zur Entwicklung der Schilfbestände gibt es nicht. Heydemanns Einschätzung zur aktuellen Entwicklung ist: „Es stagniert wohl auf einem relativ geringen Niveau.“ Zuwachs gebe es vor allem in Teichgebieten und an kleineren Seen.
Untersuchung zum Schutz der Bestände
Ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zur Renaturierung von Uferabschnitten in der Holsteinischen Schweiz kam 2010 zu dem Ergebnis, dass im Wasser stehende Schilfröhrichte an den untersuchten Gewässern seit 1953 um durchschnittlich mehr als 78 Prozent zurückgegangen sind. Am Großen Plöner See betrug der Rückgang sogar 95 Prozent.
Wo solche Schilfröhrichte noch vorhanden sind, könnten diese durch Einzäunung gegen Fraß geschützt werden. Auch die Lichtung von Ufergehölzen sowie der Schutz vor mechanischer Belastung durch den Bau von Wellenbrechern erwiesen sich demnach als geeignete Maßnahmen zum Schutz bestehender Schilfröhrichte. Palisaden und Zäune seien ein effektiver Schutz für neu angepflanzte Schilfbestände, schrieben die Autoren der Untersuchung.
Fritz Heydemann ist ein Kenner speziell der Seen in und um Plön.Frank Molter/dpa
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Heydemann ist nach Jahrzehnten praktischer Umweltarbeit weniger optimistisch bei solchen menschlichen Eingriffen. „Man kann hier wenig tun“, ist er überzeugt. Man könnte versuchen, die natürliche Wasserstandsdynamik am Großen Plöner See wieder herzustellen. „Das wäre ein ganz entscheidender Schritt.“ Ein starker Befürworter eines gleichbleibend hohen Wasserstands sei immer die Seeschifffahrt gewesen. Die wurde mit dem Ende der Saison 2025 zwar eingestellt, dennoch glaubt Heydemann nicht an eine Rückkehr zur natürlichen Schwankung.
Heydemann setzt auf bessere natürliche Bedingungen
Er setzt auf bessere Bedingungen, um eine natürliche Ausbreitung von Schilf zu erleichtern. Dazu gehöre auch, nicht alle Ufer mit Weiden und Erlen zuwachsen zu lassen. Technische Hilfen wie Einzäunung und Wellenbrecher oder Pflanzaktionen hält er für weniger erfolgversprechend. Man müsste einen enorm hohen Aufwand betreiben. „Da muss man sich denn fragen: Wofür lohnt sich das? Wie ist die Bilanz?“
Katastrophenmeldungen möchte Heydemann aber mit dem Rückgang der Schilfbestände nicht verbinden. Kein Schilf, kein Leben? „Das bewahrheitet sich am Plöner See so nicht.“ Relativ klares Wasser, Unterwasserpflanzen und auch ins Wasser gestürzte Uferbäume böten vielen Tieren Schutz und Lebensraum. Der Fischbestand sei ohnehin stark durch Besatz und Fischerei überformt, betont Heydemann.
Etwas Hoffnung mache das Beispiel des Trammer Sees. In den 1980er Jahren wurden Teile des Ufers mit Zäunen vor der Beweidung durch Rinder abgetrennt. Dort habe sich am flachen Ufer Schilf angesiedelt, das inzwischen aber wegen Beschattung durch aufgewachsene Erlen wieder zurückgedrängt werde.
Nabu-Experte Heydemann beobachtet die Entwicklung des Schilfs in den schleswig-holsteinischen Seen seit Jahrzehnten.Frank Molter/dpa
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Statt ausgedehnter Schilffelder finden sich heute oft nur noch kleine Flächen.Frank Molter/dpa
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