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Schüler fordern Ende der Kopfnoten – Ministerin bremst

Individuelle Berichte statt standardisierter Kopfnoten: Schülervertreter dringen auf ein neues Bewertungssystem für das Arbeits- und Sozialverhalten – gerade für Schüler mit Förderbedarf.

Von dpa

16.04.2026

Eine Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens, hier auf einem Zeugnis aus Sachsen, gibt es auch in Niedersachsen. (Symbolbild)Robert Michael/dpa

Eine Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens, hier auf einem Zeugnis aus Sachsen, gibt es auch in Niedersachsen. (Symbolbild)Robert Michael/dpa

© Robert Michael/dpa

Das Arbeits- und Sozialverhalten von Niedersachsens Schülerinnen und Schülern sollte nach Ansicht des Landesschülerrats nicht mehr mit Kopfnoten bewertet werden. Gerade für Kinder und Jugendliche, die sonderpädagogischen Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung hätten, seien die Kopfnoten ein Problem, teilte das Gremium mit.

Es gehe um eine grundlegende Gerechtigkeitsfrage: „Wenn genau das Verhalten bewertet wird, das Ausdruck eines Förderbedarfs ist, entsteht eine systematische Benachteiligung. Das hat mit Chancengerechtigkeit nichts zu tun“, sagte der stellvertretende Landesschülerrats-Vorsitzende Otto Ellerbrock.

Individuelle Berichte statt standardisierter Skalen

Während der Unterstützungsbedarf an sich nicht im Zeugnis ausgewiesen werde, um eine Stigmatisierung zu verhindern, werde eine schwächere Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens sehr wohl abgebildet - ohne diesen erklärenden Kontext. Das könne zu Fehlinterpretationen führen.

Der Schülerrat fordert deshalb die Abschaffung der Kopfnoten, eine Fokussierung auf individuelle Entwicklungsberichte statt standardisierter Bewertungsskalen sowie eine Leistungsrückmeldung, die unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigt.

Ministerin: Differenzierte Bewertung bereits Standard

Kultusministerin Julia Willie Hamburg sagte auf Anfrage, sie nehme die Hinweise des Schülerrats sehr ernst. „Inklusion bedeutet, jedes Kind in seinen individuellen Voraussetzungen wahrzunehmen und bestmöglich zu fördern“, sagte die Grünen-Politikerin. „Deshalb müssen wir auch unsere Bewertungsinstrumente regelmäßig darauf überprüfen, ob sie diesem Anspruch gerecht werden.“

Laut Kultusministerin Hamburg sind individuelle Bewertungen längst Standard. (Archivbild)Izabela Mittwollen/dpa

Laut Kultusministerin Hamburg sind individuelle Bewertungen längst Standard. (Archivbild)Izabela Mittwollen/dpa

© Izabela Mittwollen/dpa

Schon heute seien individuelle Fördervoraussetzungen bei Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf ausdrücklich zu berücksichtigen. „Der geltende Zeugniserlass stellt unmissverständlich klar, dass Verhalten und individuelle Fortschritte stets im Verhältnis zur jeweiligen Ausgangslage zu bewerten sind“, sagte Hamburg. „Insofern ist die differenzierte und individuelle Bewertung kein zukünftiges Ziel, sondern bereits geltender Standard.“

So funktionieren die Kopfnoten in Niedersachsen

Das Arbeits- und Sozialverhalten wird in den Jahrgängen eins bis zehn an Niedersachsens Schulen in fünf Stufen bewertet. Diese Stufen sind laut Kultusministerium aber nicht mit der klassischen Notenskala gleichzusetzen.

Folgende Abstufungen gibt es in der Regel:

  • verdient besondere Anerkennung
  • entspricht den Erwartungen in vollem Umfang
  • entspricht den Erwartungen
  • entspricht den Erwartungen mit Einschränkungen
  • entspricht nicht den Erwartungen

Die Schulen können aber auch freie Formulierungen verwenden.

In die Bewertung des Arbeitsverhaltens fließen Leistungsbereitschaft und Mitarbeit, Ziel- und Ergebnisorientierung, Kooperationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Sorgfalt, Ausdauer und Verlässlichkeit ein.

Für die Bewertung des Sozialverhaltens werden Reflexionsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, das Vereinbaren und Einhalten von Regeln, Fairness, Hilfsbereitschaft und Achtung anderer, die Übernahme von Verantwortung und die Mitgestaltung des Gemeinschaftslebens berücksichtigt.

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