Rechnen mit Eierkartons – wie sich Matheunterricht verändert
Das schriftliche Dividieren an der Grundschule ist zum Streitthema geworden. Auch bei anderen Rechenarten sollen die Kinder mit neuen Methoden besser verstehen, was sie ausrechnen. Einige Beispiele.
Das schriftliche Dividieren soll im Mathematikunterricht in Niedersachsen künftig anders unterrichtet werden als bisher.Swen Pförtner/dpa
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Grundschüler in Niedersachsen sollen das Teilen von Zahlen bald anders lernen als bisher – dieser Plan hat bundesweit für Aufsehen und Kritik gesorgt. Das Kultusministerium von Julia Willie Hamburg (Grüne) begründete den Schritt mit einer gemeinsamen Festlegung aller Bundesländer, aber auch damit, dass die Kinder ein besseres Verständnis der Division entwickeln sollen, statt nur vorgegebene Rechenwege zu befolgen.
Dieser Ansatz verändert den Mathematikunterricht insgesamt, nicht nur beim Teilen. Das erklärt das Ministerium anhand mehrerer Beispiele, die sich so ähnlich auch in den Lehrwerken befinden sollen.
Division
Noch bevor die Kinder dividieren, sollen sie verstehen, was Teilen überhaupt bedeutet und zwar mit Beispielen wie „24 Bonbons werden gerecht auf 6 Kinder verteilt“. Dabei sollen sie auch lernen, wie die Division mit der Multiplikation zusammenhängt. Erst danach kommt nach dem neuen Verfahren das sogenannte halbschriftliche Teilen und später, ab Klasse 5, das mehrstufige schriftliche Teilen, das bisher schon an der Grundschule unterrichtet wird.
Bei der halbschriftlichen Division wird die Ausgangszahl in übersichtliche Teile zerlegt, die einzeln dividiert werden, bevor die Teilergebnisse zusammengerechnet werden: So wird aus 3.240 durch 5 zum Beispiel 3.000 durch 5 (ergibt 600), 200 durch 5 (ergibt 40) und 40 durch 5 (ergibt 8) = 648.
Zahlenraum
Bevor die Schülerinnen und Schüler anfangen, mit großen Zahlen zu rechnen, sollen sie lernen, wie Zahlen aufgebaut sind. Das heißt: Eine Zahl wie 58 soll nicht einfach gelesen und gerechnet werden, sondern verstanden werden als 5 Zehner und 8 Einer. Dafür arbeiten die Schulen etwa mit Bündeln, Würfeln oder Bildern, um Strukturen zu erkennen, statt nur Ziffern zu schreiben, so das Ministerium.
Kommen hier bald Eierkartons zum Einsatz? Im Matheunterricht stehen Veränderungen an. (Symbolbild)Julian Stratenschulte/dpa
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Plus und Minus
Die Addition und Subtraktion soll ohne einen einheitlichen, vorgegebenen Rechenweg auskommen. Stattdessen steht im Fokus, dass die Kinder verständliche Strategien lernen. So könne 47 + 28 etwa als 47 + 20 = 67 im ersten Schritt und 67 + 8 = 75 im zweiten Schritt gerechnet werden – aber auch als 47 + 3 = 50 und 50 + 25 = 75. Wichtig sei, dass die Schülerinnen und Schüler erklären können, warum der Rechenweg funktioniert.
Einmaleins
Damit die Kinder die Zusammenhänge der Multiplikation verstehen, soll das Einmaleins nicht nur abgefragt, sondern aus Mustern heraus aufgebaut werden. Die Schulen arbeiten dafür dem Ministerium zufolge etwa mit Punktfeldern, Rechtecken oder Alltagsbeispielen wie Eierkartons, um zu erkennen, dass 4 mal 6 doppelt so viel ist wie 2 mal 6 und 5 mal 8 die Hälfte von 10 mal 8.
Größen und Messwerte
Anstelle von Umrechnungsregeln wie „1 Meter entspricht 100 Zentimetern“ sollen die Kinder zunächst lernen, was Messen bedeutet – und zwar in Alltagskontexten wie Geld, Längen oder Gewichten. Beispiele dafür sind laut Ministerium Fragen wie „Wie oft passt ein Lineal auf den Tisch?“ oder „Warum schreiben wir 2,50 Euro und nicht 2,5 Euro?“. So sollen tragfähige Größenvorstellungen entstehen, statt auf reines Umrechnen zu setzen.
Bruchrechnung
Auch Brüche sollen über Alltagssituationen in den Unterricht eingeführt werden. Am Beispiel einer Pizza, die unter vier Kindern geteilt wird, könne etwa gezeigt werden, dass jedes Kind ein Viertel bekommt und dass zwei Viertel genau so viel sind wie eine Hälfte. „Erst, wenn diese Zusammenhänge verstanden sind, folgen Rechenregeln“, erklärt das Ministerium.
Ministerin erwartet bessere Schülerinnen und Schüler
Kultusministerin Hamburg hatte diese Ansätze mit Blick auf die Division bereits Ende Januar verteidigt. „Wir reduzieren keine Standards, sondern wir steigern das Verständnis“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. „Ich gehe fest davon aus, dass die Kinder dadurch besser in Mathe werden.“
Sie will keine Standards reduzieren, sondern das Verständnis steigern: Kultusministerin Julia Willie Hamburg. (Archivbild)Julian Stratenschulte/dpa
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Sie ist optimistisch, dass die Schülerinnen und Schüler so auch eigene Lösungswege für mathematische Probleme finden – und formulierte eine ambitionierte Vision: „Damit legen wir den Grundstein, dass Kinder später auch richtig hochspringen und im Studium ganz neue eigene Modelle entwickeln können und vielleicht sogar mal einen Nobelpreis gewinnen.“
Experte: „Es gibt wichtigere Inhalte“
Unterstützung bekam sie etwa vom Mathematikdidaktiker Timo Leuders von der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Der sagte in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die schriftliche Division werde nach Klasse 5 kaum mehr angewandt.
„Es gibt wichtigere Inhalte, die wir den Kindern vermitteln sollten. Kopfrechnen, halbschriftliches Rechnen, Textaufgaben ...“, sagte Leuders. Die Forschung zeige, dass auch das halbschriftliche Dividieren deutliche Vorteile zeige.
Opposition im Landtag kritisiert das neue Vorgehen
Zu den Kritikern zählen dagegen die CDU und die AfD im Landtag. So beklagte Sophie Ramdor von der CDU jüngst in einer Debatte zur Division eine generelle Abkehr von der Leistungsgesellschaft. Wenn das Ministerium eine Welt für die Kinder erschaffe, in der ihnen nichts mehr zugetraut werde, werde es in Zukunft keine Innovation mehr aus Niedersachsen geben, sagte sie.
Der AfD-Abgeordnete Harm Rykena sagte, die schriftliche Division vermittele Fähigkeiten, die für den weiteren Bildungsweg und den Alltag unverzichtbar seien. „Wer das Verfahren streicht, schwächt diese Denkfähigkeiten, riskiert einen weiteren Niveauverfall und erschwert den Lernerfolg an weiterführenden Schulen“, sagte Rykena.
Noch bevor die Kinder dividieren, sollen sie verstehen, was Teilen überhaupt bedeutet.Swen Pförtner/dpa
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