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Melden sich Hessen zu viel krank?

Der Bundeskanzler kritisiert den Krankenstand im Land. Eine Krankenkasse hat sich die Zahlen angeschaut. Ist die telefonische Krankschreibung das Problem?

Von dpa

27.01.2026

Verleitet die telefonische Krankschreibung zum Blaumachen? (Symbolbild)Hannes P Albert/dpa

Verleitet die telefonische Krankschreibung zum Blaumachen? (Symbolbild)Hannes P Albert/dpa

© Hannes P Albert/dpa

Nach der Kritik von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am angeblich zu hohen Krankenstand in Deutschland hat sich die Krankenkasse DAK die Zahlen für Hessen angeschaut. Das Ergebnis: DAK-versicherte Beschäftigte waren 2025 durchschnittlich an 20,4 Kalendertagen krankgeschrieben. 

Gestiegen ist die Zahl der Krankentage im Bundesland nicht: 2024 gab es genauso viel Arbeitsausfall wie 2025. Aber die Fehlzeiten liegen in Hessen etwas über dem Bundesdurchschnitt, wo DAK-versicherte Beschäftigte nur 16,6 krankheitsbedingte Fehltage pro Kopf hatten. 

Eingependelt auf hohem Niveau

„Insgesamt pendelt sich der Krankenstand in Hessen auf einem hohen Niveau ein“, fasst die Kasse zusammen. Deutlich höher lagen die Fehlzeiten etwa in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Baden-Württemberg hatte bundesweit den geringsten Arbeitsausfall.

Die meisten Fehltage gingen auf das Konto von Atemwegserkrankungen (431 Fehltage je 100 Versicherte). Danach folgten psychische Erkrankungen mit 383 Fehltagen je 100 Versicherte - das waren 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Auf Rang drei landeten Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 348 Tagen je 100 Versicherte. 

Für die aktuelle Analyse wertete das Berliner IGES Institut die Daten von rund 257.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten in Hessen aus.

Streitpunkt telefonische Krankschreibung

Dem Bundeskanzler ist der seiner Meinung nach zu hohe Krankenstand ein Dorn im Auge. Er sprach sich für eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung aus. CSU-Chef Markus Söder sagte, die Abschaffung sei ein wichtiger Ansatz: „Das Blaumachen muss reduziert werden.“

In Hessen ist auch die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) dieser Meinung: „Die telefonische Krankschreibung sollte so schnell wie möglich abgeschafft werden, weil sie die Hürden für das „Blaumachen“ senkt“, sagt Hauptgeschäftsführer Dirk Pollert. 

Die Kosten der Arbeitgeber für Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall belaufen sich laut VhU hessenweit schätzungsweise auf über sechs Milliarden Euro pro Jahr. Pollert sagt: „Missbrauch bei der Krankschreibung ist zum Glück nicht die Regel, aber es gibt ihn und er gehört unterbunden.“

Ärzte: Hat sich bewährt

Was sagen die Zahlen? In den Statistiken des IGES-Instituts lasse sich kein signifikanter Anstieg des Krankenstands wegen der Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung erkennen, heißt es bei der DAK.

„Die Möglichkeit einer telefonischen Krankschreibung ist grundsätzlich richtig, da sie insbesondere in Grippe- und Erkältungswellen Arztpraxen und Patientinnen und Patienten entlastet“, sagte Hessens DAK-Landeschefin Britta Dalhoff der Nachrichtenagentur dpa. „Dies bestätigen auch die Hausärzte.“ 

Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen findet, dass sich die telefonische Krankschreibung bewährt habe. Sie reduziere Kontakte in den Praxen, was gerade in Infektionszeiten wichtig sei. 

Steilvorlage für Blaumachen?

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen glaubt nicht, dass die telefonische Krankschreibung eine Steilvorlage zum Blaumachen ist. „Menschen, die das System missbrauchen wollen, werden das auch in Zukunft tun, mit oder ohne telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“, sagte KV-Sprecher Karl Roth der dpa. 

„Da es sich ja um ein Instrument handelt, das nur für in den Praxen bekannte Patienten greift, sollte das Missbrauchspotenzial eigentlich gering sein“, sagt Roth. 

Anders verhält es sich bei Online-Plattformen, die per Fragebogen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen erteilen. „Missbrauch durch „falsche“ Ärzte und Online-Plattformen muss verhindert werden“, sagt die DAK-Landeschefin. Der VhU fordert den Gesetzgeber auf, solche Geschäftsmodelle zu unterbinden.

Wo kann man den Hebel ansetzen?

„Bevor wir aber über Einzelmaßnahmen diskutieren, sollten wir gezielt die Ursachen für den anhaltend hohen Krankenstand in Hessen analysieren und bewerten“, sagt DAK-Landeschefin Dalhoff. 

Große Chancen sieht sie dabei im betrieblichen Gesundheitsmanagement: „Gute Arbeitsbedingungen und eine starke Unternehmenskultur sind zentrale Hebel, um den Krankenstand zu senken.“