Luchse Lotta und Luca springen im Erzgebirge in die Freiheit
Sachsen wildert seit 2024 Luchse aus. Das Programm zeigt inzwischen einen trächtigen Erfolg. Auch in diesem Jahr gab es Nachwuchs. Die Population wächst.
Mit einem Sender versehen soll Luchsweibchen Lotta der Wissenschaft Daten liefern. Hendrik Schmidt/dpa
© Hendrik Schmidt/dpa
Vielleicht tarnt der starke Regen die eine oder andere Freudenträne oder auch Träne des Abschieds in den Gesichtern der Anwesenden. Es ist ein bewegender Augenblick, als die beiden Luchse Lotta und Luca ihre Transportbox verlassen und in die Freiheit springen. Kuder Luca verschwindet nach kurzem Sprint rechts ins Gebüsch, das Weibchen Lotta kratzt ganz schnell die Kurve und ist nach zwei Sekunden unsichtbar.
Catriona Blum-Rérat, Koordinatorin für das sächsische Luchsprogramm, räumt ein, dass eine Auswilderung jedes Mal emotional ist. „Tage wie heute sind die absoluten Highlights“, sagt die Wildtierbiologin. Man arbeite Hand in Hand mit einem ganzen Team daran und müsse viel im Vorlauf organisieren. Und dann münde alles in einem sehr kurzen Moment.
Tiere tragen etwa ein Jahr lang einen Sender
Da Luca und Lotta etwa ein Jahr lang einen Sender tragen, haben Blum-Rérat und ihre Mitstreiter die beiden Luchse noch lange im Blick. Alle vier Stunden geben die Halsbänder ein Signal, später sollen sie von selbst abfallen. „Wir können jetzt genau beobachten, was sie machen. Es ist durchaus möglich, dass sie sich treffen.“ Das wisse man auch von vorherigen Auswilderungen. „Wenn Luchse merken, in einem Gebiet sind andere Luchse, dann bleiben sie gerne.“
Neben Luchsweibchen Lotta wurde auch der Kuder Luca im Westgebirge ausgewildert.Hendrik Schmidt/dpa
© Hendrik Schmidt/dpa
Lotta ist eine Nachzucht aus dem Chemnitzer Wildgatter. Das dortige Zuchtpaar hat in diesem Jahr zum vierten Mal erfolgreich Nachwuchs auf die Welt gebracht und leistet damit einen Beitrag zur Erhaltung der Art. Luca stammt aus einem belgischen Tierpark und ist ein Bruder von Luchs Anton, der im Spätsommer 2024 in Eibenstock in die Freiheit kam, wenige Monate später aber von einem Laster angefahren wurde und starb.
Vorbereitung auf die Auswilderung wird genau geplant
Bei der Vorbereitung auf die Auswilderung wird nichts dem Zufall überlassen. Nach der Trennung von ihrer Mutter zogen die beiden Zuchttiere in das Wildkatzendorf Hütscheroda in Thüringen um. Dort werden die Auswilderungen koordiniert und Luchse weitgehend menschenfern auf ihr neues Leben vorbereitet. Sie bekommen nur noch Wildfleisch und müssen lernen, einen Kadaver selbst zu öffnen. Darauf sind sie später angewiesen.
Lotta und Luca bestanden alle Verhaltens- und Gesundheitstest. Erst dann gab es grünes Licht für ein Leben in der Wildnis. Vor der Fahrt in die neue Heimat wurden die Luchse narkotisiert und mit dem GPS-Halsband versehen.
Als sie im Wald von Eibenstock eintreffen, sind sie wieder munter. Aus den Transportboxen ist ein Knurren zu hören, als könnten die Luchse den Sprung in die Freiheit gar erwarten. Wenig später ist es bei strömendem Regen so weit.
Die Luchse werden in Transportboxen bis zum Ort der Auswilderung getragen. Hendrik Schmidt/dpa
© Hendrik Schmidt/dpa
Auch Mathias Wagner, Leiter des Wildgatters Oberrabenstein, wo Lotta vor gut einem Jahr zur Welt kam, erlebt den Augenblick mit. Er ist einer von vier Trägern, die die Transportbox auf einer Lichtung bis zu einem vorgesehenen Punkt tragen. Später spricht er von einem Gänsehautgefühl. Lotta sei aufgeregt gewesen. „Auch für Tiere ist eine solche Situation Stress.“
Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter
Luchse sind für Wagner nicht nur deshalb faszinierend, weil sie die größten einheimischen Katzen sind. „Es sind Charaktertiere. Jedes Tier hat einen eigenen Charakter, das macht es so spannend.“ Lotta sei genau wie ihre Schwester eine neugierige junge Katze gewesen - und trotzdem immer bedacht und zurückhaltend.“ Er ist zuversichtlich, dass Lotta das Leben in Freiheit meistert.
Mathias Wagner, Chef des Wildgatters Chemnitz, sieht in Luchsen Tiere mit Charakter.Hendrik Schmidt/dpa
© Hendrik Schmidt/dpa
Am Tage der Auswilderung verbreitet das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie noch eine weitere Erfolgsmeldung. Die im Frühjahr 2024 ausgewilderte Luchsin Alva hat zum zweiten Mal Nachwuchs bekommen. Mit Hilfe von Wildkameras habe man im Juli zwei Jungtiere nachweisen können. Aufnahmen würden die jungen Luchse beim Spielen und Erkunden ihrer Umgebung zeigen.
Schon im vergangenen Jahr gab es Nachwuchs
„Die Geschwister aus dem letzten Jahr sind inzwischen weitgehend selbständig und halten sich nach wie vor im Projektgebiet auf. Die wiederholte Fortpflanzung ist ein bedeutender Erfolg für den Luchs in Sachsen und auch ein Zeichen dafür, dass sich die Luchsdame hier wohlfühlt“, gibt die Behörde zu Protokoll. Catriona Blum-Rérat spricht von einem Meilenstein für das Luchsprogramm, das unter dem Namen „RELynx Sachsen“ firmiert.
Das Wildgatter Chemnitz liefert Nachzuchten für das europäische Luchsprogramm.Hendrik Schmidt/dpa
© Hendrik Schmidt/dpa
Europäisches Zuchtprogramm für den Karpatenluchs
Die für eine Auswilderung vorgesehenen Tiere sind Teil des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms für den Karpatenluchs. Die Verteilung der Nachzuchten erfolgt über das Expertennetzwerk Linking Lynx. Ziel ist es, die unterschiedlichen Populationen in Deutschland und darüber hinaus miteinander zu verbinden und eine überlebensfähige „Luchs-Metapopulation“ zu etablieren. Sie soll sich von den Karpaten über die deutschen Mittelgebirge bis in den Jura und die Westalpen erstrecken.
In Sachsen sollen insgesamt 20 Luchse ausgewildert werden - mit Lotta und Luca sind es nun neun. Mit jedem weiteren ausgewilderten Luchs wächst zudem der Genpool. Im Erzgebirge soll eine sogenannte Trittsteinpopulation entstehen - die zur Vernetzung mit Luchsen in Thüringen, Tschechien und Bayern führt. Blum-Rérat attestiert dem Projekt Erfolg. „Wir haben Reproduktion, wir haben sesshafte Tiere, wir haben Zuwanderung aus anderen Populationen. Alles das ist ein Grund zur Freude.“
160 Namensvorschläge für die Luchse
Der Eibenstocker Revierleiter Andreas Pommer hat die 2024 begonnene Auswilderung von Anfang an begleitet. Anfangs habe es auch Sorgen in der Bevölkerung und Vorbehalte bei den Jägern gegeben. Doch das sei inzwischen ausgeräumt. Einheimische haben den beiden Neuzugängen Lotta und Luca auch die Namen per Ranking gegeben. 160 Vorschläge gab es. An Namen soll es weiteren sächsischen Luchsen nicht fehlen.
Sachsen hat inzwischen neun Luchse ausgewildert. Hendrik Schmidt/dpa
© Hendrik Schmidt/dpa