Haben wir den Winter verlernt?
Schnee, Eis und Glätte sorgten unlängst für Turbulenzen. Auch in Hessen. Haben wir den Winter verlernt? Und war es früher wirklich häufiger kalt?
Spaziergänger in dichtem Nebel auf dem Feldbergplateau. Können wir noch Winter? Boris Roessler/dpa
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Von Unfällen und Schulausfall über annullierte Flüge und Züge bis hin zu ungeleerten Mülltonnen: Der Wintereinbruch sorgte unlängst für Turbulenzen in Deutschland - und auch in Hessen. Dabei gehören Schnee und Glatteis doch eigentlich zu der kalten Jahreszeit. Kommen wir nicht mehr mit dem Winter - und seinen Herausforderungen - zurecht?
„Wir haben tatsächlich in Teilen verlernt, auf natürliche Art und Weise mit den Veränderungen der Jahreszeiten umzugehen“, sagt der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Früher habe man sich entsprechend eingestellt, „so gab es etwa unterschiedliche Reisen im Sommer und im Winter - oder einen unterschiedlichen Speiseplan“.
Wenn etwas nicht nach Plan laufe, entstehe Chaos
Durch die technische Entwicklung und der Digitalisierung habe man sich immer mehr abgekoppelt von diesem natürlichen Ablauf. „Wenn dann etwas nicht nach Plan läuft - und beispielsweise die Technik ausfällt - entsteht Chaos.“
„Ein Land in heller Aufregung: Die Deutschen haben verlernt, was Winter heisst“, lautete kürzlich ein Kommentar der „Neue Zürcher Zeitung“ Und: „Manche Politiker würden am liebsten jeden Bürger vor dem Ausrutschen
schützen.“ Und auch Sozialpsychologe Wagner sagt: „Wir sind immer stärker bemüht, Kontrolle auszuüben, Unfälle zu verhüten.“ Vorsicht gehe vor, um etwa Haftungsansprüche zu vermeiden. Das habe zur Folge, dass Zugverbindungen lieber frühzeitig gestrichen würden oder Schulen präventiv geschlossen blieben. Das habe durchaus positive Seiten: „Unfallverhütung ist wertvoll.“
Mehrere verunglückte Lastwagen versperren Autobahnstrecken in Osthessen.Rene Kunze/OSTHESSEN|NEWS/dpa
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Im Vergleich zu anderen Regionen kam Hessen relativ glimpflich durch den letzten Wintereinbruch, inzwischen ist es vielerorts wieder milder. Aber auch hier gab es Glätteunfälle, annullierte Flüge am Frankfurter Flughafen, Beeinträchtigungen beim ÖPNV, ein höheres Aufkommen in Unfallkliniken. An einem verschneiten Morgen versperrten mehrere Lastwagen verschiedene Autobahnstrecken in Osthessen. Und zum Wochenbeginn, am ersten Schultag nach den Winterferien, fiel in vielen hessischen Schulen der Unterricht aus.
Probleme bei Müllentsorgern
Auch die Abfallentsorgung war mancherorts betroffen. In höheren Lagen wie dem Taunus blieben, Mülltonnen teilweise stehen. Im Landkreis Kassel verletzten sich bereits vor dem letzten Wintereinbruch vier Mitarbeiter bei Glätte. Die Fahrer seien angewiesen, kein unkalkulierbares Risiko einzugehen, hieß es. Im Ernstfall könne die Tonne auch stehenbleiben, hieß es dort letzte Woche.
Martin Grobba vom Hessischen Städte- und Gemeindebund in Mühlheim (Landkreis Offenbach) erklärte kürzlich, wenn die örtliche Müllabfuhr an Firmen vergeben werde, müsse das alle paar Jahre neu ausgeschrieben werden. Dann stießen in Zeiten seltenerer Wintereinbrüche vielleicht auch Müll-Lkw-Fahrer mit weniger Erfahrung auf viel Schnee. „Möglicherweise ist auch die Bereifung der Fahrzeuge nicht ideal“, ergänzte er. Früher hätten sich noch manchmal Anwohner über Straßenschäden von Ketten an Abfall-Fahrzeugen beschwert.
Am Flughafen mussten viele Maschinen enteist werden - das führte zu Verzögerungen.Boris Roessler/dpa
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Und wie ist die Lage bei den generellen Autofahrerinnen und Autofahrern? „Ich weiß nicht, ob wir Winter verlernt haben. Ich glaube, der allergrößte Teil bereitet seine Fahrzeuge nach wie vor auf den Winter vor“, sagt Oliver Reidegeld, Sprecher des ADAC Hessen-Thüringen. „Da werden Winterreifen aufgezogen, da werden Termine in der Werkstatt gemacht.“ Besonders von denjenigen, die dort leben, „wo man Winter und Schneefall wirklich noch kennt, wie im Taunus oder im Odenwald“.
ADAC: Die meisten Autofahrer machen ihr Auto winterfest
Anders sei es in den größeren Städten: „Wenn es dann dort schneit und nur ein kleiner Teil der Fahrzeuge ist nicht adäquat ausgestattet, dann bringt das schnell den gesamten Verkehr zum Erliegen.“ Nach Ansicht von Reidegeld gebe es eher eine „Dramatisierung der ganzen Lage“.
Und: „Vielleicht hat die Gesellschaft in Teilen verlernt, dass nicht immer alles sofort geht.“ Gerade Winterwetter könne Verzögerung bedeuten, Straßen müssten erst einmal geräumt werden, sagt er. Neben Gelassenheit seien hier vor allem Eigenverantwortung und eine realistische Lagebeurteilung gefragt. „Viele lassen das Auto bei entsprechender Wetterlage ohnehin lieber stehen.“
War früher tatsächlich mehr Winter?
Ja. Dies spiegelt sich in Deutschland-Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für den Zeitraum 1951 bis 2022 wider – der Trend zeigt deutlich nach unten. Die mittlere Anzahl der Eistage – also Tage mit einer Höchsttemperatur von null Grad Celsius – sank in dem Zeitraum von rund 27 Tagen auf etwa 18 Tage pro Jahr, also um etwa ein Drittel. Andreas Walter, Klima-Experte beim DWD, mahnt: „Zur Erinnerung: Wir nennen diese Jahreszeit Winter. Wir sind in den letzten Jahren von vielen milden Wintern verwöhnt worden, sodass viele das Gespür dafür verloren haben, was Winter bedeutet.“ Dies sei eine Folge des Klimawandels.
Und: „So ein kalter Monat wie der bisherige Januar widerspricht überhaupt nicht dem Fakt des Klimawandels“, betont Experte Walter. „Die Erwärmung geht nicht immer monoton nur nach oben – es wird auch immer wieder Ausschläge nach unten und nach oben geben.“