Freiwilligenagenturen mit Finanzsorgen - Leises Sterben?
Sie sorgen dafür, dass sich so viele Menschen in Sachsen-Anhalt ehrenamtlich engagieren können, sie beraten und vernetzen. Doch Freiwilligenagenturen stehen vor einer unsicheren Zukunft.
Die Freiwilligenagenturen sorgen für die Infrastruktur, damit Ehrenamt gelingt. (Symbolbild)Patrick Seeger/dpa
© Patrick Seeger/dpa
Ob es Vorlesepaten sind, Besuchsdienste für Senioren oder ob ein Jugendclub reaktiviert wird - 16 Freiwilligenagenturen bilden in Sachsen-Anhalt die Infrastruktur, damit sich Ehrenamtliche engagieren können. Sie vermitteln Interessierte ins Ehrenamt, machen Engagement öffentlich sichtbar, unterstützen mit Beratungen und Qualifizierungen. Sie sind neben Spenden und anderen Einnahmequellen auf finanzielle Förderung des Landes angewiesen - und die ist für das kommende Jahr ungewiss. Nach der Landtagswahl steht eine komplizierte Regierungsbildung bevor. Der Landeshaushalt dürfte noch lang auf sich warten lassen.
Erste konkrete Auswirkung in Magdeburg sichtbar
Weil die Aussichten unsicher sind und es finanziell noch enger wird als bislang schon, hat die Magdeburger Freiwilligenagentur ihren Freiwilligentag in der bisherigen Form abgesagt. An diesem Samstag wären Hunderte bei Mitmach-Aktionen von Vereinen und Organisationen dabei gewesen, hätten bei konkreten Projekten unterstützt. Zur Begründung der Absage hieß es: „Viele Kosten, die für einen solch großen Aktionstag anfallen, sind leider nicht förderfähig und aufgrund der unklaren Perspektive für die Freiwilligenagentur müssen wir die vorhandenen Eigenmittel konsequent für die Sicherung unserer Arbeitsfähigkeit einsetzen.“
Schon seit Jahren stehen die Freiwilligenagenturen unter Druck, sagt Jan Greiner, Co-Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen. Die Spar- und Streichzwänge der klammen Kommunen wirkten sich aus, die Verlässlichkeit in der Finanzierung fehle. „Das ist ein großes Ärgernis, was wir schon länger mit uns rumtragen.“ Jetzt aber stelle sich voraussichtlich eine außergewöhnliche Hängepartie ein, sagt Greiner. Wenn nicht klare Bekenntnisse zur Zukunft der Freiwilligenagenturen kämen, könnte das für viele das Ende bedeuten.
Um diese Summe geht es in etwa: In diesem Jahr stellt das Sozialministerium für die Freiwilligenagenturen landesweit rund eine Million Euro zur Verfügung, wie ein Sprecher mitteilte. Darin enthalten seien auch die Mittel für den Engagementfonds, mit dem unbürokratisch nachbarschaftliches Engagement mit bis zu 2.500 Euro gefördert wird.
Das Ende kommt nicht mit einem Knall, sondern schleichend
Greiner geht davon aus, dass die Angebote nach und nach verringert werden müssen. „Dann wird die Infrastruktur leise auslaufen. Das wird nicht mit einem Knall passieren“, so Greiner. „Das wird ein leises Sterben werden.“
Viele Freiwilligenagenturen und Engagementzentren seien in Form eines Vereins organisiert ohne große Rücklagen. Einige seien an größere Träger angegliedert - das sei ein bisschen wie ein Schutzschirm, unter dem Personal umgeschichtet werden könne.
Und in Halle?
Eine Absage wie in Magdeburg steht bei der Freiwilligenagentur in Halle erstmal nicht an. Christine Sattler von der Geschäftsführung sagt, sie könne nachvollziehen, dass anderswo die Reißleine gezogen werden muss. In Halle versuche man die Kräfte zu bündeln. „Wir versuchen, in Gemeinschaftsveranstaltungen zu gehen“, so Sattler. Es gebe aktuell viele Menschen, die nach einer Engagementmöglichkeit suchten.
Wie es in Wittenberg aussieht
Birgit Maßny im Nachbarschaftstreff Wittenberg West und Engagementzentrum berichtet, bei ihr seien gerade in dieser Woche wieder Freiwilligentage, ein Imkerverein braucht Unterstützung, ein Theater-Förderverein will Fenster streichen und ein verwilderter Garten soll zum Schulgarten hergerichtet werden. Das Engagementzentrum stehe da mit der Öffentlichkeitsarbeit zur Seite, gestalte als Dankeschön einen Kalender für das kommende Jahr. „Die Druckkosten könnten wir nicht allein tragen“, sagt Maßny.
Um Facebook, Instagram, die Homepage und Flyer kümmere sich eine Rentnerin, die für zehn Stunden pro Woche bezahlt werde. Eine weitere sei mit fünf Stunden dabei. Wenn sie die beiden nicht hätte, so Maßny, könnte sie die Aufgaben nicht selbst übernehmen. Ihre eigene Stelle sei von dem Verein, in dem sich sieben Unternehmen engagierten, getragen. Man habe darauf geachtet, nicht von den Fördermitteln abhängig zu sein.
Fahrtkosten für Lesepaten und eine Engagementmesse auf der Kippe
Man schicke jetzt Lesepaten in Kitas in der Region. An Grundschulen sensibilisierten Freiwillige zum Thema Barrierefreiheit mit einem kleinen Parcours und einem Rollstuhl. Da müssen Fahrtkosten bezahlt und ein Rollstuhl ausgeliehen werden.
Freiwilligenagenturen begleiten unter anderen Projekte für Lesepaten. (Symbolbild)Maja Hitij/dpa
© Maja Hitij/dpa
Eine Fortbildungsreihe stehe außerdem an, da werde ein Honorar fällig. Ende Februar/Anfang März ist eine Engagementmesse geplant - es stehe jetzt schon fest, dass man nach einer anderen Variante suche. Wenn Maßny dies schildert, wird deutlich, wie wichtig die Landesförderung ist. Aktuell liege die bei etwa 20.000 bis 25.000 Euro im Jahr.
Ginge es nicht auch ohne Freiwilligenagenturen?
Engagement braucht Professionalität, sagt Jan Greiner von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen. Es gehe um Fragen des Steuerrechts, etwa dass Kostenerstattungen kein Verdienst sind - und dies auch beim Finanzamt durchzubringen. Es gehe um Versicherungsfragen, um Fragen, wie man Freiwillige nicht überfordert, um Vernetzung und langjährige Kontakte. Es gebe ganz viel Hintergrundarbeit, sagt Greiner. Die Freiwilligen wollten schließlich nur helfen, stünden aber manchmal vor einem engen rechtlichen Rahmen, in dem plötzlich ein polizeiliches Führungszeugnis gefordert werde.