Abschuss oder Schutz? - Kontroverse um Dachsjagd
Mehr als 2.000 Dachse werden jährlich in Thüringen erlegt. Warum Naturschützer und Jäger so unterschiedliche Ansichten zum Schutz und Abschuss der Tiere haben.
Einig sind sich Jäger und Naturschützer darin, Dachse künftig besser vor den Gefahren des Straßenverkehrs zu schützen. (Symbolbild)Patrick Pleul/dpa
© Patrick Pleul/dpa
Obwohl der Dachs fast in ganz Thüringen heimisch ist, dürfte die meisten Menschen noch nie einem der nachtaktiven Raubtiere begegnet sein. „Wer einen Dachs lebend in freier Wildbahn sieht, kann sich glücklich schätzen“, sagt Silvester Tamás vom Naturschutzbund (Nabu) Thüringen. Der Jagd auf Dachse stehen Naturschützer kritisch gegenüber.
Jedes Jahr werden im Freistaat seit 2008 im Schnitt etwa 2.500 der Tiere mit dem markanten schwarz-weiß gestreiften Gesicht erlegt, wie aus Angaben des Umweltministeriums hervorgeht. Obwohl keine belastbaren Zahlen vorliegen, wird von einer stabilen Population ausgegangen. Basis für diese Einschätzung seien Rückschlüsse aus dem Umfang der Jagdstrecke und den Beobachtungen der Jäger in ihren Revieren, hieß es.
Im Verborgenen lebende Allesfresser
„Es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, Dachse zu töten“, meint Tamás. Die Tiere seien Teil eines gesunden und vielfältigen Ökosystems und müssten stärker als Bereicherung der Natur und Umwelt begriffen werden. Die verborgen lebenden Allesfresser ernährten sich unter anderem von Aas und lockerten mit ihren Bauten und während der Nahrungssuche den Waldboden auf und verbreiteten Pflanzensamen.
Die Bauten böten auch Lebensraum für andere Tiere und sorgten für ein strukturreiches Lebensumfeld - gerade in stark wirtschaftlich genutzten Wäldern, erläutert Tamás. Außerdem würden Dachse kaum sinnhaft und für den notwendigen Lebensbedarf des Menschen verwertet. Deshalb müsse der Dachs neben zahlreichen anderen Tierarten aus dem Jagdgesetz gestrichen werden, fordert der Naturschützer.
„Ein erlegter Dachs auf 678 Fußballfeldern“
Der Landesjagdverband verteidigt hingegen den Abschuss. Von April 2024 bis März 2025 wurden in Thüringen nach Verbandsangaben 2.065 Dachse mit der Waffe erlegt - 479 wurden auf Straßen überfahren. Da Thüringen über eine Jagdfläche von etwa 1,4 Millionen Hektar verfüge, entspreche die Abschusszahl demnach „einem erlegten Dachs auf 678 Fußballfeldern“, ordnet Geschäftsführer Frank Herrmann ein.
Hinzu kämen regionale Unterschiede: „In den großen Waldgebieten des Thüringer Gebirges spielt die Jagd auf den Dachs nahezu keine Rolle, obwohl er auch dort fast überall präsent ist“, sagt Herrmann. Stärker unter Beschuss stünden die Tiere in den Jagdgebieten für Niederwild. Da auch am Boden brütende Vogelarten sowie Hasen, Kaninchen oder gar Rehkitze auf dem Speiseplan des Dachses stünden, sei ein Abschuss in einem gewissen Rahmen notwendig, um Bodenbrüter zu schützen und den Bestand an Feldhasen und Kaninchen zu stabilisieren, erläutert Herrmann.
Außerhalb der schützenswerten Gebiete werde der Dachs auch von Jägern gern beobachtet, ohne ihn zu schießen. Eine Streichung aus dem Jagdgesetz entbehre jedoch jeglicher Notwendigkeit und sei angesichts des erforderlichen Schutzes anderer Arten sogar kontraproduktiv, stellt Herrmann klar.
Ähnlich wird das im Umweltministerium gesehen. Einem Sprecher zufolge ist ein solcher Schritt aktuell weder geplant noch dringend angeraten. Die moderate Bejagung könne sogar einen Beitrag zur Sicherung der Artenvielfalt leisten.
Straßen als größtes Risiko
So weit Tierschützer und Jäger beim Thema Abschuss auseinanderliegen, so verbindet sie doch ein Anliegen: „Sorgen sollten uns viel eher die 21 Prozent nicht durch die Jagd getöteten Dachse bereiten“, fasst Herrmann zusammen. Ein besserer Schutz - nicht allein der Dachse - vor dem Straßenverkehr sei daher dringend geboten und müsse künftig deutlich besser umgesetzt werden. Gerade an Autobahnen und Bundesstraßen seien mehr Wildquerungshilfen oder Wildschutzzäune nötig, sagt Herrmann. Auch Naturschützer Tamás betont, dass die meisten Menschen einem Dachs nur begegneten, wenn er tot am Straßenrand liege.
Der Dachs zählt zur Familie der Marder. Er gilt als scheu und dennoch als äußerst wehrhaft. Außer Wolf, Luchs und dem Menschen hat der Dachs keine natürlichen Feinde. Verwertet wird dem Landesjagdverband zufolge vor allem das Winterfell des Dachses, aus dem auch Rasierpinsel hergestellt werden. Das Fleisch kann als Braten oder Schinken gegessen werden.
Aufgrund seines sehr hohen natürlichen Kortisongehaltes sei Dachsfett auch bei der Herstellung schmerzlindernder Heilsalben gefragt. Einen deutlichen Einschnitt in der Dachspopulation in Thüringen hatte es in den 1970er Jahren gegeben, als im Kampf gegen die Fuchstollwut viel Bauten begast wurden.