Leserbriefe

„Kirchengebäude ist brutal schön“

„Hässliche Kirche“

Mittwoch, 7. Oktober 2020 - 11:30 Uhr

von Franz-Josef Menker (Examinierter Kirchenführer, Gescher)

Leserbrief zum Bericht Kirche St. Mariä Himmelfahrt in Ahaus ist aus dem Wettbewerb „hässlicher Kirchen“ ausgeschieden.

Foto: Gehring

Die Schönheit der Ahauser Kirche St. Mariä Himmelfahrt erschließt sich nicht jedem Passanten.

Über Geschmäcker lässt sich trefflich streiten: Dennoch, das Kirchengebäude im Zentrum von Ahaus einem Wettbewerb um die hässlichste Kirche auszusetzen, erzeugt bei mir tiefe Ratlosigkeit, hohes Unverständnis und lässt mich über die Person, die dieses Gotteshaus gemeldet hat, nachdenklich machen. Denn diese Kirche ist alles andere als hässlich.

Sie ist nicht nur das Stein gewordene Wort Gottes als Stadt des Himmels (Apk 21,1 – 22,5), sondern zeugt auch von einer radikalen Wende von Christus als König und Herrscher hin zu der geistigen Gestalt, die sich in der Mitte der Versammelten befindet, wie es das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) neu postuliert hat. Insofern war es vom Architekten Erwin Schiffer im Jahre 1965 sehr mutig, wegweisend und radikal konsequent, sich mit dieser neuen liturgischen Idee auseinanderzusetzen, sich mit seinem Entwurf am städtebaulichen Wettbewerb zu beteiligen und sich durchzusetzen.

Zu realisieren war ein etwa 900 Quadratmeter großes Gebäude mit 750 Sitzplätzen. Die Gründe für den Zuschlag waren auch, dass es sich um einen „äußerst einfachen, klaren Baukörper handelt, der mit harmonischen Proportionen aufwartet und in einem ausgezeichneten Verhältnis zum alten Kirchenturm steht“. Dass dabei der moderne vielgestaltige Baustoff Beton von der Firma Sandscheper aus Gescher in einem „Rastersystem“ verbaut wurde, entsprach ebenfalls dem damaligen modernen Gestaltungsgeist. Heute wird diese kurze Gestaltungsepoche „Brutalismus“ genannt; von le brut = Sichtbeton. Wie wegweisend jedoch die Saalkirchen-Architektur von Erwin Schiffer war, bezeugt die erst 2015 geweihte neue katholische Propsteikirche St. Trinitatis im Zentrum von Leipzig mit ihren 700 Sitzplätzen. Auch hier,sowie in der renovierten Kirche Heilig Kreuz in Dülmen folgen die Kirchen den grundlegenden Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils: Aufhebung der Trennung zwischen Priester- und Gemeindebezirk, Volksaltar anstelle von Hochaltar sowie die Versammlung der Gläubigen um die Mitte. Dass diese radikale Wende der neuen Liturgie ausgerechnet im münsterländischen Ahaus ihre (städte)-bauliche Betongestalt annahm, überrascht schon. Dieses einmalige und authentische Kirchengebäude ist eben brutal schön.