Trotz Debatte: Warum Turnerinnen lieber kurze Anzüge tragen
2021 sorgen die deutschen Turnerinnen bei den EM mit Ganzkörperanzügen für Aufsehen. Fünf Jahre später bei der WM ist diese Art der Bekleidung nahezu verschwunden. Aber warum?
Ausnahme auf der Turn-Bühne: Salina Bousmayo.Martin Kloth/dpa
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Salina Bousmayo war eine optische Ausnahmeerscheinung in der Rotterdamer Ahoy Arena. Nicht allein wegen ihres Auftritts im leuchtenden Holland-Orange – vielmehr trat die Marokkanerin als eine von nur zwei Turnerinnen bei den Weltmeisterschaften im Ganzkörperanzug an. „Tatsächlich ist das Zufall. Ich habe die Farbe gesehen, und die hat mir sehr gut gefallen. Und dann hat mich meine Trainerin darauf hingewiesen, dass es zu den Niederlanden passt“, sagte die 19-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zur Farbwahl.
Dass sie bei ihrer WM-Premiere im langen Turndress antrat, der sowohl ihre Arme als auch ihre Beine bedeckte, war hingegen eine bewusste Entscheidung. „Ich finde es angenehmer, ein bisschen bedeckter zu sein. Ich mag das nicht, ganz so kurz zu turnen“, erklärte die gebürtige Deutsche.
Die Inspiration dafür bekam sie, als sie noch für die Nachwuchsauswahl des Deutschen Turner-Bundes (DTB) startete. „Als dann die Deutschen angefangen haben, das zu machen, habe ich ein Jahr später auch damit angefangen. Ich habe es im Training probiert und bei kleinen Wettkämpfen und seitdem trage ich auch nur noch lange Anzüge, wenn ich die Chance habe“, berichtete Bousmayo.
Wie alles begann
Bei den Europameisterschaften 2021 in Basel traten Sarah Voss (Köln) sowie Elisabeth Seitz und Kim Bui (beide Stuttgart) erstmals in langen Anzügen an und sorgten international für Aufsehen. „Es hat sich nicht so nackig angefühlt. Und man musste auch nicht Dinge zurechtzupfen“, sagte Bui der dpa in Rotterdam. Sie hätten damit eine Idee der damaligen Bundestrainerin Ulla Koch dankend angenommen. „Manchmal, wenn man zur Toilette musste, hat es ein bisschen länger gedauert, ein paar Sekündchen. Aber ansonsten, das war total gut, weil halt unten auch was war“, sagte das heutige Mitglied der Athletenkommission im Internationalen Olympischen Komitee (IOC).
Bei der Premiere 2021: Kim Bui. (Archivbild)Filippo Tomasi/LPS via ZUMA Wire/dpa
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Im Jahr darauf gewann die deutsche Riege in München EM-Bronze im Team und präsentierte sich in der Qualifikation erneut im Ganzkörperanzug. Mit dabei neben Bui, Seitz, Voss und Pauline Schäfer-Betz (Chemnitz) war auch Emma Malewski, die in Rotterdam nach drei Jahren ihr Auswahl-Comeback feierte – im kurzen Dress. „Ich glaube, das war so ein bisschen von den Mädels, von denen die meisten auch schon aufgehört haben. Die haben sich darin wohler gefühlt, was ich auch verstehen kann. Wir sind freier, wenn wir mit dem kurzen Anzug turnen“, sagte Malewski.
Emma Malewski im langen Anzug. (Archivbild)Soeren Stache/dpa
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Warum der lange Anzug weitgehend verschwunden ist
Mit den Karriereenden von Seitz, Voss und Bui verschwanden zunehmend die langen Anzüge von der Bildfläche. Einzig Ex-Schwebebalken-Weltmeisterin Schäfer-Betz, die in Rotterdam verletzungsbedingt fehlte, blieb ihnen treu. „Der lange Anzug bleibt mein Favorit“, sagte die 29-Jährige bei den EM in Zagreb. Für die einheitliche Darstellung in der Mannschaft musste sie in der Qualifikation und im Team-Finale im kurzen Dress turnen – im Balkenfinale kam der lange zum Einsatz.
Ausnahmsweise im kurzen Dress: Pauline Schäfer-Betz (M). (Archivbild)picture alliance / PIXSELL
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Warum sich aber der elegante Ganzkörperanzug nicht gegen die knappen, badeanzug-ähnlichen Anzüge in Deutschland und erst recht nicht international durchgesetzt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Die Präferenz von den Turnerinnen ist, im Turnanzug ohne lange Hose zu turnen“, sagte Bundestrainer Gerben Wiersma. Außerdem habe der Ausrüster des DTB auch keine langen Anzüge im Sortiment.
Können Hersteller etwas ändern?
Darin sieht auch Bousmayo einen der möglichen Gründe. „Die normalen Turnanzugmarken verkaufen ja auch gar keine Langbeiner. Die sind maßgeschneidert. Wenn eine bekannte Marke Langbeiner rausbringen würde, vielleicht würde das dann was ändern“, sagte die Marokkanerin, die ihre Anzüge selbst designt.
Bousmayo startet aufgrund der Herkunft ihrer Eltern seit 2024 für Marokko, lebt und trainiert aber in Köln und turnt in der Bundesliga für das dortige Team. In der Mannschaft gelte auch für sie die Mehrheitsentscheidung. „Wenn es da kurze Anzüge sind, sind es kurze Anzüge, damit bin ich auch vollkommen fein. Aber ich turne ja einzeln international und da habe ich natürlich die Chance, meine langen Anzüge zu präsentieren“, betonte sie.
Emma Malewski wieder im kurzen Anzug. (Archivbild)Marijan Murat/dpa
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Für Malewski ist es auch eine Frage des Tragekomforts. In der Halle sei es ohnehin schon warm, und dann schwitze man so, sagte die 22-Jährige. Auch würden sie nicht immer 100-prozentig sitzen. Außerdem finde sie bei bestimmten Elementen die langen Anzüge hinderlich. Bei ihrem Barren-Abgang – einem Doppelsalto – müsse man sich an den Knien festhalten. „Manchmal passiert es, dass man abrutscht.“
Zeit nicht reif für eine Wende
Die frühere Schwebebalken-Europameisterin aus Chemnitz glaubt zudem, dass die Zeit für eine Wende weg vom knappen Anzug nicht reif ist. „Ich glaube, neue Sachen brauchen immer eine Zeit. Ich glaube, dass die Leute lieber beim Alten bleiben“, gab sie zu bedenken.
Kim Bui verfolgt bei der Suche nach einer Erklärung für das weitgehende Aus der langen Kleidung einen ähnlichen Ansatz. „Ich glaube, am Anfang war es manchmal das Thema, dass es einfach ein bisschen mehr gekostet hat. Und ich glaube, dass die Leute einfach an dieses Bild gewöhnt sind, dass Turnerinnen so aussehen und vielleicht auch auszusehen haben“, sagte die 37-Jährige.
Vom 2021 ausgerufenen „Kulturwandel“ (Ulla Koch) ist heute keine Rede mehr, wohl aber von Selbstbestimmung. „Ich glaube, das ist einfach eine individuelle Sache, jeder wie er es gern hat“, sagte Bui – und war sich darin mit den anderen einig.