Soest mit ö? Wieso sind viele NRW-Ortsnamen so kompliziert?
Moers, Soest, Korschenbroich und Schaephuysen: Ortsnamen in NRW bringen nicht nur Auswärtige ins Grübeln. Was Sprachforscher Georg Cornelissen über die richtige Aussprache verrät und was die ARD tut.
Soest mit ö? Bloß nicht!Max Lametz/dpa
© Max Lametz/dpa
Moers am linken Niederrhein mit seinem Schloss, dem Haldenkunstwerk mit der Grubenlampe und der schönen Altstadt zieht jedes Jahr Touristen an. Aber wie spricht man nur den Namen der Stadt aus: Mörs, Moors mit langem „o“ oder gar zweisilbig Mo-ers? Jedenfalls anders als das ebenfalls mit „oe“ geschriebene Coesfeld im Münsterland.
Uralte Namen und Anklänge ans Niederländische
Die Ausspracheregeln der Ortsnamen in NRW bringen Auswärtige immer wieder ins Straucheln, da sie vielfach von den Ausspracheregeln des Hochdeutschen abweichen - stärker als in vielen anderen deutschen Regionen. „NRW zählt da zu den Spitzenreitern“, sagt der Bonner Sprachforscher Georg Cornelissen, der sich ein Leben lang mit diesen Fragen befasst hat.
Schwierig sind oft vor allem Orts- und Personennamen, weil sich in ihnen jahrhundertealte Sprachgewohnheiten konserviert haben, und Namen vom Niederrhein mit seiner Grenzlage zu den Niederlanden.
Der Ortsname Schaephuysen hat einen niederländischen Anklang.Christoph Reichwein/dpa
© Christoph Reichwein/dpa
Bis ins 19. Jahrhundert wurde rund um den grenznahen Altkreis Geldern in den Schulen noch Niederländisch unterrichtet und in der Kirche genauso gepredigt, erzählt Cornelissen. So haben sich Ortsnamen mit niederländischem Anklang wie Schaephuysen (gesprochen etwa Schaphüsen) erhalten. Eine ähnliche „uy“-Kombination findet sich ja auch im Namen des vom Niederrhein stammenden Künstlers Joseph Beuys.
Cornelissen hat einige Grundregeln parat, wie man peinliche Patzer bei der Ortsaussprache vermeiden kann.
Bei „ui“ und „oi“ ist fast alles klar
Die größte Stadt am Niederrhein heißt Duisburg, und das wird mit „ü“ ausgesprochen - glasklar. Das „ui“ dient nicht als Längenvokal, sondern als Umlautmarkierung, sagt der Wissenschaftler. Fehlergefahren eher gering - auch nicht bei Duissern, Duisdorf, Gruiten oder Kerpen-Buir.
Bei oi-Schreibungen wie in etwa Korschenbroich, Broichhausen oder Voiswinkel zeigt das Buchstabenpaar dagegen nur eine Verlängerung des Vokals - also ein langes „o“.
„ae“ - schon komplizierter
Etwas schwieriger wird es schon beim „ae“ wie in Baesweiler, Straelen und Wittlaer. Die Städtenamen sprechen sich in der Regel mit langem „a“, sagt der Experte. In Ausnahmefällen kann „ae“ aber auch „ä“ bedeuten wie beim Kloster Graefenthal in Goch. Er kenne einen Herrn Maes - eigentlich gesprochen Maas - der vom Buchstabieren seines Namens die Nase voll hatte und sich seitdem als „Herr Mäs“ anreden lässt, erzählt Cornelissen.
Das vertrackte „oe“
Richtig vertrackt wird es beim „oe“, sagt Cornelissen. Diese Kombination kann nämlich auf dreierlei Arten ausgesprochen werden: Als „ö“ wie bei Moers oder Voerde, als „u“ vor allem nahe der niederländischen Grenze (Achterhoek, Poelyck) oder vergleichsweise einfach als langes „o“ wie in Coesfeld.
Wie spricht man nur den Stadtnamen richtig aus? Christoph Reichwein/dpa
© Christoph Reichwein/dpa
Das Wasserschloss „Hugenpoet“ vor den Toren von Essen hat deshalb nichts mit einem romantischen Dichter zu tun - ganz im Gegenteil. Poet wird mit langem „o“ gesprochen und hieß früher Pfütze oder Tümpel, Huge ist ein altes Wort für Kröte. Der Platz des heutigen Luxushotels könnte einst in einem Krötenpfuhl im sumpfigen Ruhrtal gelegen haben, schreibt das Haus auf seiner Homepage.
ARD steckt viel Mühe in korrekte Aussprache
Aussprachefehler bei Namen sind keine Kleinigkeit, warnt der Forscher. Denn beim Namen der Heimatstadt oder gar der eigenen Person schwingt viel Identifikation mit. Fehler wecken Ablehnung. Warum soll ich Verkehrsnachrichten trauen, wenn der Sprecher nicht mal weiß, wie man Duisburg ausspricht?!
Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten investieren viel Mühe, um solche Konflikte zu vermeiden. ARD-weit arbeitet unter der Federführung des Hessischen Rundfunks eine Aussprache-Datenbank, die für weit mehr als 400.000 Wort-Einträge die korrekte Aussprache mit Lautschrift und zahlreichen MP3-Audiobeispielen bereithält, wie die ARD mitteilt. Dort werden ständig neue Namen und Begriffe recherchiert - unter anderem durch Nachfragen bei Einheimischen, Korrespondenten, Botschaften oder Linguisten.
Das gilt auch für die neuerdings mit KI-Hilfe gesprochenen Wetter- und Verkehrsnachrichten in der Nacht. Die KI-Stimmen griffen auf die Aussprache-Datenbank zu, würden aber in den Redaktionen kontrolliert, teilte der WDR mit. „Dabei fließt auch das Feedback unserer Hörerinnen und Hörer ein.“ Falsch ausgesprochene Orte oder Begriffe würden schnell korrigiert - inzwischen schon bei mehr als 1.100 Wörtern.
Sag niemals „Söst“
Wie sehr den Menschen die korrekte Aussprache ihres Ortes am Herzen liegt, zeigt eine Umfrage zu komplizierten Ortsnamen, die WDR 4 im Frühjahr gestartet hat. Hunderte Hörerinnen und Hörer hätten sich daran beteiligt und ihre Favoriten genannt, berichtet der stellvertretende WDR4-Programmchef Ulf Pohlmeier - darunter war auch der Ortsnamens-Klassiker Neukirchen-Vluyn.
Die Stadt am linken Niederrhein sorgt immer wieder für Ausspracheprobleme.Christoph Reichwein/dpa
© Christoph Reichwein/dpa
Die Stadt am linken Niederrhein sorgt immer wieder für Ausspracheprobleme. Das „V“ von Vluyn wird nämlich überraschenderweise wie ein „F“ gesprochen, gefolgt von einem langen, gedehnten „ü“ - also „Flüün“. An der Spitze der Nennungen lag bei der Umfrage die westfälische Stadt Soest, die mit langem „oo“ und auf gar keinen Fall mit einem „ö“ ausgesprochen werden sollte. Dahinter folgten Troisdorf und Oer-Erkenschwick.
Einfach mal nachfragen
Aussprachefehler passieren trotz aller Bemühungen immer wieder. In der direkten Begegnung hilft dagegen ein simples Mittel, rät Sprachforscher Cornelissen: „Einfach den anderen fragen: Wie spricht man das aus?“
Die Ausspracheregeln der Ortsnamen in NRW bringen Auswärtige immer wieder ins Straucheln. (Archivbild)Marcel Kusch/dpa
© Marcel Kusch/dpa