dpa

Angst um die Kinder: Özdemir schildert bedrohliche Taxifahrt

Angst mag menschlich sein, aber in der Politik ist sie häufig verpönt. Auch Regierungschef Özdemir kam als Politiker bereits in einige brenzlige Situationen. Nun berichtet er von Momenten der Angst.

Von dpa

03.11.2026

Özdemir ist erst seit ein paar Monaten Ministerpräsident.Bernd Weißbrod/dpa

Özdemir ist erst seit ein paar Monaten Ministerpräsident.Bernd Weißbrod/dpa

© Bernd Weißbrod/dpa

Verfolgt, angebrüllt, mit den eigenen Kindern im Taxi drangsaliert: Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir hat nach eigenen Worten schon einige beängstigende Momente in seiner politischen Karriere erlebt. Im Zug oder an Bahnhöfen sei er schon in sehr unangenehme Situationen geraten, sagte der Grünen-Politiker in Stuttgart auf die Frage, wann er schon einmal Angst gehabt habe. „Ich hatte ja nicht durchgehend Personenschutz“, berichtete Özdemir. „Am schlimmsten ist nicht die Sorge um einen selber, am schlimmsten ist die Sorge um die Kinder, um den Partner, auch um die Nachbarn.“

Özdemir schilderte etwa eine Taxifahrt mit seinen Kindern durch Berlin. Als der Fahrer türkischer Herkunft ihn erkannt habe, habe dieser plötzlich Vollgas gegeben und sei dann „in die Eisen“ gegangen - und das immer wieder. Mit dem rabiaten Fahrstil habe der Mann ihn und seine Kinder zum Aussteigen nötigen wollen, berichtete der Regierungschef. Währenddessen habe seine Tochter seinen verängstigten Sohn beruhigt. „Das ist einfach unerträglich“, erzählt Özdemir im Rückblick: so behandelt zu werden, weil man eine Position vertritt, die von der großen Mehrheit der Bevölkerung geteilt werde. 

Özdemir: „Ich dachte, da kommt gleich die Polizei“

Das Bundeskriminalamt habe ihm anschließend geraten, kein Taxi mehr zu fahren. Für Özdemir die völlig falsche Konsequenz: Taxifahrer müssten sich wie alle anderen Menschen im Griff haben, niemand dürfe seinem Gegenüber seine Meinung aufzwingen. Ihm sei auch schon empfohlen worden, umzuziehen, sagte Özdemir. „Das ist ein Rückzug des Rechtsstaates“, sagte er. „Ich wünsche mir schon auch einen Staat, der da nicht zurückweicht.“ 

Auch am Leipziger Hauptbahnhof sei er in eine bedrohliche Situation geraten, so Özdemir. Er sei mit einer Praktikantin unterwegs gewesen, als Anhänger der Legida-Bewegung die beiden nach einer Demonstration verfolgt hätten. Legida war ein rechtsextremer, islam- und fremdenfeindlicher Ableger der Pegida-Bewegung. „Ich dachte, da kommt gleich die Polizei. Da kam nur niemand.“

Die Verfolger hätten ihn schließlich eingeholt, ihn beleidigt, ihm ins Ohr gebrüllt und provozierend ein Handy kurz vors Gesicht gehalten. Er habe die Praktikantin aufgefordert, sich keine Sorgen zu machen, ruhig zu bleiben. „Nicht ahnend, was ich eigentlich machen würde, wenn der mir eine ins Gesicht zentriert.“ Zwei Polizeibeamte hätten Özdemir und seine Begleiterin schließlich zum Gleis geführt. 

Nur noch mit Nachbarn einkaufen

Zum Einschnitt wurde für Özdemir die Armenien-Resolution des Bundestags von 2016. Darin erkannte das Parlament die Massaker und Vertreibungen an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915/16 als Völkermord an. Als damaliger Grünen-Chef gehörte Özdemir zu den maßgeblichen Initiatoren.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan griff den türkischstämmigen Politiker damals persönlich an. Özdemir erhielt Morddrohungen und wurde unter Polizeischutz gestellt. Einmal habe ein Taxifahrer sein Geld genommen mit den Worten, dass daran das „Blut toter türkischer Soldaten“ klebe, berichtete Özdemir. 

Ihm sei klar gewesen, dass sich mit der Resolution sein Alltag drastisch verändern würde, berichtete Özdemir. Einfach einkaufen oder auf die Straße gehen - das sei nicht mehr einfach so möglich gewesen. Er habe darauf geachtet, das Haus nicht mehr allein zu verlassen und etwa einen Nachbarn zum Einkaufen mitzunehmen. 

Bedrohung bis in den Kindergarten

Die Bedrohung reichte nach seinen Worten bis in den Alltag seiner Kinder. Andere Eltern im Kindergarten hätten gefragt, ob ihre Kinder sicher seien, wenn dort auch die „Kinder vom Özdemir“ betreut würden. „Da kriegt man ein schlechtes Gewissen, wenn sie dorthin gehen und ihre Kinder abholen wollen“, sagt der Regierungschef. „Da stellen sich Fragen, die wünschen sie niemandem.“ 

Özdemir berichtete von diesen Erlebnissen vor dem Hintergrund der Angst-Debatte um die Berliner Linke Elif Eralp, die erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei werden will. Ein „Spiegel“-Bericht hatte für Wirbel gesorgt, wonach Eralp die Sicherheit ihrer Familie in Gefahr sieht, wenn sie sich explizit zu einem bekannten Palästina-Aktivisten äußert. 

Özdemir: Zahlt als Politiker einen Preis

Auf menschlicher Ebene sei es ungeheuerlich, wenn Politiker Angst haben müssten, sagte Özdemir. „Da darf man sich nicht dran gewöhnen“, sagte er. „Sie müssen unbehelligt in Sicherheit leben können und ihre Arbeit machen können.“ Er habe jedes Verständnis für Angst, gerade wenn es um die eigenen Kinder gehe. Es sei aber auch entscheidend, sich als Politiker nicht von der Angst leiten zu lassen. Niemand zwinge Politiker dazu, diesen Job zu wählen. 

Man zahle als Politiker einen Preis und müsse auch bereit sein, Probleme anzupacken, so Özdemir. „Es darf nicht der Eindruck entstehen, das man bei schwierigen Entscheidungen auch nur ansatzweise erpressbar sein könnte“, sagte er mit Blick auf Eralp. Der Staat müsse immer handlungsfähig sein, gerade im Kampf gegen kriminelle Clans.

Karte