Leserbriefe

Milde Umschreibung besiegelt den Tod eines Baumes

Baumfällung

Dienstag, 12. Januar 2021 - 10:30 Uhr

von Clemens Smirek (Gemen)

Leserbrief zum BZ-Artikel „Bauherr darf Kastanie für Neubau fällen“.

Foto: Stadt Borken

Der mittlere der drei Bäume ist laut Gutachter nicht mehr standsicher und darf gefällt werden.

Da wird in Gemen im Zuge eines geplanten umfangreichen privaten Bauvorhabens mit Billigung des Bau- und Planungsausschusses der existierende Bebauungsplan geändert. Im Zuge dessen darf nun eine private Grünfläche überbaut werden, auf der momentan noch drei Rosskastanien stehen, von denen nun eine gefällt werden wird. Allerdings bedarf es dazu, wie zu lesen war, eines Sachverständigengutachtens, aus dem hervorgehen muss, dass der Baum nicht mehr lebens- und erhaltenswert ist. Um dieses für den Baum schicksalhafte Urteil bemühten sich allerdings nicht etwa von der Stadt Borken beauftragte Gutachter, sondern der Bauherr selbst wurde mit der Beauftragung eines solchen Experten betraut. Am Ende kommt dieser zu dem Schluss, dass der Baum „im Ganzen abgängig“ sei. Vermutlich, um die geneigte Leserschaft nicht mit der Dramatik dieser Erkenntnis zu brüskieren oder bei dieser gar Protestgefühle auszulösen, bedient sich der Gutachter in seiner Stellungnahme eines beschönigenden Euphemismus (Euphemismus = eine „verhüllende, mildernde Umschreibung für ein anstößiges oder unangenehmes Wort). Mit dem Wort „abgängig“ ist also im Klartext gemeint, dass der besagte Kastanienbaum seine Existenzberechtigung verloren hat und der Kettensäge zum Opfer fällt. Die Vorgehensweise, den Bock zum Gärtner gemacht zu haben, kann bei den politisch Verantwortlichen nicht ernsthaft Verwunderung darüber hervorrufen, dass nun, um im Bild zu bleiben, die Blumen abgefressen werden, also in diesem Fall der Baum endgültig gefällt wird. „Die Bruchsicherheit und die Einhaltung des Lichtraumprofils am Stamm und im Kronenbereich des Baumes sei derzeit nicht gegeben“, heißt es weiter im Gutachten. Für den Laien sind solch verklausulierte Aussagen kaum zu deuten. Wer wissen möchte, was ein solcher Baum wirklich zu leisten im Stande ist, jenseits absurder Gutachteransprüche, schaue einmal unter folgendem Link im Internet nach: www.arboristik.de/baumpflege_25_23.html.

Der zaghafte Versuch der politisch Handelnden, ihr ökologisches Gewissen in diesem Entscheidungsfall zu beruhigen und so einen Rest von Handlungskompetenz zu demonstrieren, gipfelt in der dürftigen Anweisung, den Termin des Fällens auf die Zeit von Oktober bis Februar zu verlegen und in dem inzwischen üblichen Versprechen, Neuanpflanzungen durchzuführen. Ein schwacher Trost dafür, dass am Ende der Geschichte der Kastanienbaum „ins Gras beißt“.

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