LeserbriefeFREI

„Ihre Probleme sind Luxusprobleme“

Gendern

Mittwoch, 7. April 2021 - 11:30 Uhr

von Johannes Sieverding (Borken)

Leserbrief zum Gastbeitrag von Christine Enning „In Bonn ist Gendern normal – hier nicht“.

Foto: BZ

Mehrmals habe ich den Gastbeitrag gelesen. Das Wort Gendern ist für mich ein Reizwort. Dem Wort bin ich das erste Mal Anfang der 1970er Jahre während meiner Dienstzeit als Lehrer begegnet. Damals erfuhr ich aus dem NRW-Haushalt zufällig von der Einrichtung eines Postens für eine Studiengruppe für „Gendern“. Meine Gedanken damals: Stellen für „Praxisflüchtlinge, die uns in der Schule fehlen, Geld, das in der Schule fehlt.

Früher war der Duden maßgeblich für die deutsche Rechtschreibung. Heute ist es die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Sie rät ausdrücklich davon ab, das Gendersternchen zu setzen. Es eignet sich nicht, um genderneutrale Personenbezeichnungen zu bilden und es entstünden grammatisch falsche Formen. Ihr gewähltes Beispiel „Ärzte“ ist genau das falsche (siehe GfdS).

Ich glaube allerdings nicht, dass Politiker und Regierungen in der heutigen Zeit es wagen, Entscheidungen zu treffen, auf das Gendersternchen zu verzichten, die man als frauenfeindlich auslegen könnte. Gut, dass ich den Schülerinnen und Schülern diesen Unsinn nicht erklären muss.

Im ersten Abschnitt des Gastbeitrages ist zu erkennen, dass die Autorin in einer Blase lebt. Alle gleicher Meinung, auch an der Hochschule. Alle Ihrer Meinung. Es bildet sich eine falsche Elitenvorstellung. Und in Weseke – eine andere Welt. Die Wirklichkeit des Lebens! Kurzarbeit. Wie zahle ich meine Miete, wenn ich heirate? Finde ich überhaupt eine Wohnung? Wie lange hält mein Diesel noch? Mein Betrieb ist insolvent, ich in Kurzarbeit...

Hier in Weseke spielt das wahre Leben. Die Menschen hier in Westfalen nennen Ihre Probleme in der Blase „Luxusprobleme“.

Können Sie sich einen Arbeiter in Ihrem Alter vorstellen, der morgens um 5.30 Uhr nach Düsseldorf fährt und abends um 18.30 Uhr wieder in Weseke ist? Fünf Tage in der Woche?

Das sind die Fragen Ihrer Freunde und Freundinnen in Weseke. Hoffentlich trägt Ihr Studienfach nicht dazu bei, unsere Gesellschaft noch mehr zu spalten. Ich vermute eher mehr Spaltung.