Leserbriefe

Nullzinspolitik führt zu „Zombifizierung der Wirtschaft“

Wie Subvention

Montag, 16. November 2020 - 09:30 Uhr

von Ulrich Kranenburg (Burlo)

Leserbrief zum BZ-Artikel „Pleitewelle schwappt ins nächste Jahr“.

Foto: Erwin Wodicka - wodicka@aon.at

Deutlich weniger Unternehmen als sonst stellen derzeit einen Insolvenzantrag. Die Bundesregierung hat die Verpflichtung dazu ausgesetzt. Dies gilt für Firmen, die infolge der Coronavirus-Pandemie überschuldet sind, ohne zahlungsunfähig zu sein.

Wir nehmen den Zins aus dem Markt, legen die Erfüllung von Verträgen in die Willkür des Einzelnen, schaffen die Insolvenzordnung ab und entbinden die Banken von Wertberichtigungen aufgrund ausfallender Kredite. (Früher war das mal Bilanzbetrug.) Wir nehmen Signalfunktionen aus unserer Wirtschaftsordnung und wundern uns, warum der Laden nicht mehr läuft.

Die zunehmende Zombifizierung der Wirtschaft (Creditreform: „Bis zu 800.000

Zombieunternehmen bedrohen Wirtschaftslage in Deutschland“) ist eine der Nebenwirkungen der planwirtschaftlich intervenierenden Nullzinspolitik westlicher Zentralbanken. Immer mehr Unternehmen existieren nur, weil Geld fast nichts kostet. Es sind Unternehmen, die gesunde Unternehmen zusätzlich belasten.

Der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb mit dem Begriff der „kreativen Zerstörung“, wie technischer und wirtschaftlicher Fortschritt letztlich geschaffen wird: durch Versuch und Irrtum.

Jedem Versuch wohnt das Risiko des Scheiterns inne, der Konkurs. Das politische Mittel der Wahl, um diesen Sortierprozess zu unterdrücken, ist die Subvention. Der Null- und Negativzins wirkt wie eine Subvention, weil er Akteure des Marktes davon befreit, die wahren Kosten ihres Kapitals verdienen zu müssen. Überkapazitäten, Fehlinvestitionen und der wachsende Anteil neuer Schulden, der nur dazu dient, die Zinsen auf die Altschulden zu bedienen, erdrücken die Realwirtschaft immer mehr. Tiefe Zinsen regen die Verschuldung weiter an, weshalb wir morgen noch tiefere Schulden brauchen, um die Illusion aufrechtzuhalten, die Schulden zu bedienen. Und jetzt auch noch das C-Virus als Brandbeschleuniger.

Schlimmer noch. Die Bankenaufsicht hat es erlaubt, dass Zahlungsausfälle nicht mehr zu Wertberichtigungen in den Bankbilanzen führen müssen, sondern dass man von Wertberichtigungen Abstand nehmen kann. Kreative Bilanzen lassen das Schiff weitersegeln. Die Pleite der Zombieunternehmen und die aufgelaufenen, aber nicht korrekt abgeschriebenen, ausgefallenen Kredite werden vielleicht ein großes Loch in das Bankensystem stanzen und deren Eigenkapital erodieren. Wirklich schlimm? Nö! Da ist ja noch die „Modern Monetary Theorie“ (Moderne Geldtheorie) als Überwindung der Knappheit von Gütern durch die Überwindung der Knappheit des Geldes durch Gelddruckorgien.

Hier geht es zum Bericht „Pleitewelle schwappt ins nächste Jahr“.