LeserbriefeFREI

Das Testgeschehen stellt einen verfassungswidrigen Grundrechtseingriff dar

Schnelltest in Schule

Mittwoch, 14. April 2021 - 09:30 Uhr

von Ulrich Kranenburg (Burlo)

Leserbrief zum BZ-Bericht „ Schulen von Entscheidung überrascht“ und zum Wochenkommentar.

Foto: Jürgen Christ

Nur die Abschlussjahrgänge gehen seit Montag in die Schule.

Die geringe Spezifität der in Schulen angeordneten Schnelltests bedingt eine hohe Rate an falsch positiven Ergebnissen, welche unnötige personelle (Quarantäne) und gesellschaftliche (Schulen geschlossen) Folgen nach sich ziehen, bis sie sich als Fehlalarm entpuppen. Ein regelmäßiger Zwang zum anlasslosen Massentesten an Asymptomatischen, also Gesunden, für das schon die medizinische Indikation fehlt, steht nicht im Verhältnis zu dem Effekt, der damit erreicht werden kann. Laut RKI-Berechnungen beträgt bei Massentestungen mit Schnelltests unabhängig von Symptomen die Wahrscheinlichkeit, beim Erhalt eines positiven Ergebnisses tatsächlich infiziert zu sein, bei einer Inzidenz von 50 (Testspezifität 80 Prozent, Testsensitivität 98 Prozent ) nur zwei Prozent. Das würde heißen: Auf zwei echt-positive Schnelltest-Ergebnisse kämen 98 falsch-positive Schnelltest-Ergebnisse, welche man dann alle mit einem PCR-Test nachtesten müsste. Zugleich setzt der regelmäßige Zwang zum Test Kinder psychisch unter Druck, weil ihre Schulfähigkeit ständig auf den Prüfstand gestellt wird.

Wenn man darüber hinaus, etwa Grundschullehrer fragt, ob Sieben- oder Achtjährige durchgehend über eine Feinmotorik verfügen, die den Anforderungen für die korrekte Durchführung von invasiven Schnelltests im Sinne der Hersteller genügen, dürfte die Antwort eindeutig sein. Auch eine „Weiterbildung“ von Lehrern in wenigen Tagen zum „medizinischen Fachpersonal“ wäre hier nicht zielführend. Auch müsste im Vorfeld abgeklärt werden, wer im „Eventualfall“ zivil- und/oder strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird.

Bei den konkreten Abläufen des Testgeschehens in den Schulen ist es unvermeidlich, dass zahlreiche weitere Personen (Mitschüler, Lehrer, andere Eltern) Kenntnis von einem „positiven“ Testergebnis erhalten würden. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung als Teil des allgemeinen Persönlichkeitsrechts in Artikel 2 Absatz 1 Grundgesetz ist das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen. Zu diesen personenbezogenen Daten gehört auch ein Testergebnis. Ein solches ist darüber hinaus ein persönliches Gesundheits-„Datum“ im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), was grundsätzlich niemanden etwas angeht. Das Testgeschehen stellt einen verfassungswidrigen Grundrechtseingriff dar.

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