LeserbriefeFREI

Behinderungen nicht als defizitär verstehen

Barrierefreiheit

Montag, 19. September 2022 - 10:28 Uhr

von Thomas Herbers aus Borken

Leserbrief zum Bericht „Aquarius gewinnt an Barrierefreiheit“ in der BZ-Ausgabe vom 16. September:

Foto: Schönherr

Interessiert habe ich den Artikel gelesen und applaudiere allen Menschen, die sich für gelebte, praktizierte Inklusion in unserer Gesellschaft einsetzen. Um so interessanter empfand ich die Formulierung im Artikel über „Menschen mit Handicap“, mit dem angehängten Substantiv des „Handicaps“, welches die Situation aus einer absolut defizitorientierten Sicht beschreibt. Wer ein Handicap hat, benötigt Hilfe, um an das geforderte Niveau heranzureichen.

Insbesondere bei der Inklusion geht es aus Sicht der UN - Behindertenrechtskonvention und der Disability-Studies darum, Behinderungen eben nicht als defizitär zu beschreiben und zu verstehen.

Dies erfolgt insbesondere in Abgrenzung zum veralteten Begriff der „Integration“, welcher eine Orientierung an der gesellschaftlichen Norm der „Nichtbehinderten“ und somit die Ausrichtung am funktionsfähigen Körper vornimmt, und erfordert so im Endeffekt eine Hilfestellung für das behinderte Individuum lediglich an das „nichtbehinderte“ Niveau heran, ohne das behinderte Individuum mit individuellen Bedarfen als solches ernst zu nehmen.

Die Inklusion nimmt hierbei explizit keine Differenzierung zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen oder Beeinträchtigungen vor.

Die Nutzung der „People First“-Schreibweise von „Menschen mit Behinderungen“, wie sie auch in der UN-Behindertnrechtskonvention genutzt wird, ist hierbei deutlich vorzuziehen und ansonsten ebenfalls die „Identity First“-Schreibweise von „behinderten Menschen“, um deutlich zu machen, dass eine Person nicht per se behindert ist, sondern von Gesellschaft, Kultur oder Umwelt behindert wird.

Dies erfährt bei diesem Artikel insbesondere deshalb eine interessante Note, da das Aquarius ja quasi erst an „Barrierefreiheit gewinnen“ muss durch die phantastische Arbeit der Initiative „Inklusion - gemeinsam aktiv“ und der Lebenshilfe Borken, weil beim Bau und der Ausstattung des Bades die Bedürfnisse von behinderten Menschen einfach NICHT mitgedacht wurden. Sie wurden also von der Gesellschaft behindert, da diese Perspektive behinderter Menschen beim Bau und der Ausstattung einfach keine Rolle spielte.

Hier geht es zum Text:

Aquarius-Schwimmbad in Borken gewinnt an Barrierefreiheit