Kreis Borken

Einsatzkräfte aus dem Kreis schildern Erlebnisse in Katastrophengebieten

Dramatische und beeindruckend Erlebnisse: So schildern Rettungskräfte aus dem Kreis Borken ihre Einsätze in den NRW-Katastrophengebieten. Rund 350 Helfer aus der Region waren unterwegs. Mit neuen Alarmierungen ist zum Wochenende zu rechnen.

Von Horst Andresen, Andreas Rentel, Lars Johann-Krone und Hildegard Lehmköster

16.07.2021

Orte der Verwüstung: Diese Bilder boten sich Einsatzkräften der Feuerwehren aus dem Kreis Borken im Rheinland.

Orte der Verwüstung: Diese Bilder boten sich Einsatzkräften der Feuerwehren aus dem Kreis Borken im Rheinland.

© Feuerwehr Raesfeld

„Die Menschen sind einfach hilflos“

KREIS BORKEN. Gut 350 Einsatzkräfte aus dem Kreis Borken haben in den NRW-Katastrophengebieten erste Hilfe geleistet. Die meisten sind wieder daheim und schilderten gestern ihre Erlebnisse, die sie wohl so schnell nicht vergessen werden. Im Einsatz waren die Feuerwehren aus dem Kreis, Deutsches Rotes Kreuz, Malteser Hilfsdienst, DLRG und Technisches Hilfswerk.

Stefan van Bömmel, Kreisbrandmeister: „Es herrscht Not ohne Ende“

Stefan van Bömmel (45) ist seit knapp zwei Jahren Kreisbrandmeister und somit Chef der Feuerwehren im Kreis. Er leitete, wie berichtet, einen Einsatz im Rhein-Sieg-Kreis in Weilerswist (Rhein-Sieg-Kreis) und den Ortsteilen, kam in der Nacht zum Freitag zurück.

Da war die Kreisbereitschaft Nord mit 73 Feuerwehrleuten im Rheinland. Im Laufe des Donnerstags wurden die Kreisbereitschaften Mitte und Süd nachalarmiert. Sie waren mit 108 Kräften bis gestern in Eschweiler und Weisweiler tätig. Den Einsatz leitete van Bömmels Stellvertreter, Thomas Deckers, Chef der Feuerwehr Bocholt.

Für Stefan van Bömmel und seine Kollegen stand gestern nach einer 24-Stunden-Schicht ausruhen auf dem Dienstplan. Möglicherweise geht es am Wochenende wieder in die Katastrophengebiete.

Auch am Freitag war der Feuerwehrchef noch stark beeindruckt: „Es herrscht Not ohne Ende.“ Die Einsätze seien „dramatisch“ gewesen. Selbst altgediente Kameraden, die 30, 35 Jahre im Feuerwehrdienst stünden, hätten dies bestätigt.

Für die Trupps aus dem Kreis ging es in der Region Weilerswist zunächst um Menschenrettung: „Wir haben viele in Not Geratene aus den Häusern geholt, die in Obergeschossen, auf Dächern oder Garagen verharrten. Die Menschen waren und sind einfach hilflos.“

Dabei sei der Informationsfluss im Allgemeinen „schlecht“ gewesen: Die Wehren aus dem Kreis mussten zunächst länger auf ihren Einsatz warten, wohl auch, weil offenbar die Koordination des in dieser Form einmaligen Großeinsatzes fehlte. „Unsere Leute waren supermotiviert“, sagt van Bömmel.

Hochleistungspumpe im Einsatz: Die Hilfe der Feuerwehren ist super angekommen.

Hochleistungspumpe im Einsatz: Die Hilfe der Feuerwehren ist super angekommen.

© Feuerwehr Ramsdorf

Jürgen Rave, DRK: „Ein beeindruckender Einsatz“

Jürgen Rave vom Roten Kreuz im Kreis Borken leitete einen Patiententransportzug mit acht Fahrzeugen. In Eschweiler wurden 200 Liegendpatienten aus dem Krankenhaus der Stadt evakuiert. In der Nacht zum Freitag war Rave wieder zurück. „Es ist etwas anderes, ob man solche Bilder aus dem Fernsehen sieht oder in die Augen der Leute guckt, die alles verloren haben“, sagte Rave am Freitag. „Autos waren hochgedrückt an Wänden, Mauern von Häusern, und komplette Bushalte stellen waren weggerissen.“ Teile der Stadt standen komplett unter Wasser.

Rave war 2010 in Duisburg im Einsatz, als bei der Loveparade 21 Menschen starben. „Das war etwas anderes. Aber dies war ein sehr beeindruckender Einsatz“, fasst er zusammen. Nach einem 16-stündigen Einsatz sei der Konvoi in den Kreis zurückgekehrt.

André Szczesny, Feuerwehr Raesfeld: „Die Leute lassen alles zurück“

„Das hatten wir so noch nicht gesehen“, so fasst André Szczesny, der Leiter der Raesfelder Feuerwehr, den Eindruck vieler Rettungskräfte zusammen. Er und weitere Helfer sind am Donnerstagabend nach einem rund 20-stündigen Einsatz aus Odendorf im Rhein-Sieg-Kreis zurückgekehrt. Der Ausmaß der Zerstörung habe ihn überrascht, sagt er. „Autos standen quer auf der Wiese.“ Anhänger hätten in Bäumen gehangen, berichtet er.

Viele ältere Leute, die sich alleine nicht mehr helfen konnten, hätten sie aus ihren Häusern gerettet – in einem Fall gerade noch rechtzeitig. Ein Fahrzeug mit großer Wattiefe habe bei diesen Rettungen geholfen. Stromausfälle und das Zusammenbrechen der Handy-Netze hätten den Helfern die Arbeit zusätzlich erschwert.

Als belastend hat Szczesny die Räumung eines Orts in Erinnerung, weil eine nahe gelegene Talsperre durch die Wassermassen für die Menschen zur Gefahr wurde. „Die Leute lassen alles zurück.“

Schlamm, Steine und Geröll: Einsatz des Löschzuges Ramsdorf in Weisweiler.

Schlamm, Steine und Geröll: Einsatz des Löschzuges Ramsdorf in Weisweiler.

© Feuerwehr Ramsdorf

Simon Thiehoff, Löschzug Ramsdorf: „Viele standen wie unter Schock vor ihren Häusern“

Simon Thiehoff, Oberbrandmeister aus dem Ramsdorfer Löschzug der Freiwilligen Feuerwehr Velen, berichtete aus dem Einsatz in Eschweiler: Am Donnerstagabend ist die Gruppe von acht Wehrleuten mit der Bereitschaft Mitte und Süd von Bocholt erst nach Eschweiler gefahren und wurde dann nach Weisweiler verlegt. „Wir hatten den Auftrag, die vollgelaufenen Keller leerzupumpen“, so Thiehoff. In der Ortschaft hatte es bis dahin keinen Strom gegeben, nur teilweise fließend Wasser. „Es waren katastrophale Zustände. Auf den Straßen lagen Autos auf dem Dach. Es lag Geröll herum. Es wurden ganze Platten aus dem Boden gespült“, so Thiehoff. „Wir haben immer wieder unsere Hilfe angeboten. Die Leute waren dankbar, dass Hilfe da war. Viele sagten, wir seien die erste Feuerwehr, die auch mal angehalten habe. Die Menschen waren zum Teil noch total paralysiert. Viele standen wie unter Schock und wie angewurzelt vor ihren Häusern und konnten nicht glauben, dass ihnen jetzt geholfen wird.“

Die Feuerwehr aus Ramsdorf hat seit Donnerstagabend die ganze Nacht durchgearbeitet und sich am Freitag wieder auf den Weg nach Hause gemacht.

Das Technische Hilfswerk half mit, Tausende von Sandsäcken zu befüllen, hier in Kevelaer.

Das Technische Hilfswerk half mit, Tausende von Sandsäcken zu befüllen, hier in Kevelaer.

© THW

Britta Kamphausen, Augenzeugin: „Die Klinik war vom Hochwasser umschlossen“

Die Nacht zum Donnerstag wird die Bocholterin Britta Kamphausen wohl nicht so schnell vergessen. Die 43-Jährige war genau zum Zeitpunkt des Hochwasserereignisses wegen eines Reha-Aufenthalts in Ahrweiler. Dort habe es schon seit Anfang der Woche ungewöhnlich viel geregnet, erinnert sich Kamphausen.

Von großer Aufregung war in Ahrweiler zu diesem Zeitpunkt laut Kamphausen jedoch noch nichts zu spüren. Zwar waren einige Autobahnen und auch Straßenunterführungen im Umkreis schon durch das Hochwasser gesperrt, die Bewohner der Altstadt Ahrweilers hätten die Lage jedoch noch nicht als bedrohlich eingeschätzt, sagt sie. Anders sah man die Lage zu dieser Zeit in der Klinik, berichtet die Bocholterin weiter. Hier hätten die Klinikmitarbeiter bereits Sandsäcke zum Schutz vor möglichen Wassermassen vor die Türen gelegt.

Gegen 1 Uhr nachts wurde Kamphausen von einem lauten Rauschen geweckt. Beim Blick aus dem Fenster sah sie, dass die Klinik, die direkt an der Ahr liegt, komplett vom Hochwasser umgeben war. Klinikpark und Parkplatz waren nicht mehr zu sehen, die Autos und auch die historische Mauer rund um die Klinik waren von den reißenden Wassermassen weggespült worden. „Mein Auto stand zum Glück noch auf dem höher gelegenen Parkplatz,“ berichtet Kamphausen. Und auch sonst habe sie ziemlich viel Glück im Unglück gehabt. Alle Patienten haben die Klinik unverletzt verlassen können.

„Großes Engagement im Interesse des Allgemeinwohls“

Landrat Dr. Kai Zwicker zeigte sich erschüttert von den schlimmen Folgen des Starkregens mit vielen Todesopfern, vermissten Personen, zerstörten Häusern und Straßen. Dies mache deutlich, wie wichtig die überörtliche Zusammenarbeit im Katastrophenschutz sei , erklärte er. Daher sei er den hiesigen Feuerwehren und Hilfsorganisationen mit ihren vielen, vor allem auch ehrenamtlichen Mitgliedern, sehr dankbar für ihr Engagement im Interesse des Allgemeinwohls. Der hohe Ausbildungsstand komme den Betroffenen zugute.

Wer mit Sachspenden oder Unterbringungsangeboten helfen möchte, sollte dies nicht unkoordiniert tun, sondern zunächst möglichst über die Kreisverwaltungen in den Schadensgebieten Bedarfe abklären, meinte der Kreis.

Einsatzkräfte aus dem Kreis schildern Erlebnisse in Katastrophengebieten

© Feuerwehr Raesfeld

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