Raesfeld

„Sternenkind Fridtjof ist immer bei uns“

„Leben im Sterben“, so lautet das Thema der ökumenischen „Woche für das Leben“, die heute eröffnet wird. Heike und Bastian Welsing berichten über den Verlust ihres Kindes und wie eine Seelsorgerin sie danach begleitet hat.

Von Borkener Zeitung / pd

16.04.2021

Für Bastian und Heike Welsing gehört ihr Sternenkind Fridtjof zu ihrem Leben und nicht nur, wenn sie eine Kerze für ihn entzünden.

Für Bastian und Heike Welsing gehört ihr Sternenkind Fridtjof zu ihrem Leben und nicht nur, wenn sie eine Kerze für ihn entzünden.

© pd

„Woche für das Leben“ beginnt am Samstag

RAESFELD „Leben im Sterben“, das haben auch Heike und Bastian Welsing aus Raesfeld erfahren. „Das war für uns die gelebte Menschlichkeit, mit der uns das Personal in der Christophorus-Klinik in Coesfeld sowie unsere Familie und Freunde begegnet sind. Das waren der Austausch, die Gespräche, die lieben Worte und Umarmungen“, sagt Heike Welsing. Sie und ihr Ehemann möchten ihre Geschichte öffentlich machen.

Vor eineinhalb Jahren wurde das Ehepaar Eltern. Jedoch kam der kleine Fridtjof tot zur Welt. „Bereits in der 21. Schwangerschaftswoche stellten die Ärzte eine Unterversorgung fest. Deshalb wurden wir etwas später im Coesfelder Krankenhaus aufgenommen“, berichtet Heike Welsing. Es folgten regelmäßige Untersuchungen und strenge Bettruhe. „Wir waren noch hoffnungsvoll, dass es unser Baby schaffen würde“, sagt die 35-Jährige. Doch in der 26. Schwangerschaftswoche hörte das Herz von Fridtjof auf zu schlagen. „Wir waren todtraurig. Aber wir wurden im Vorfeld auch gut auf diese Möglichkeit vorbereitet“, lobt Bastian Welsing das offene Gespräch mit dem behandelnden Arzt, Dr. Klaus-Dieter Jaspers, und den Krankenschwestern.

Hoffnung und Ängste

Vom ersten Tag an hat Schwester Paula Wessel das Paar im Krankenhaus begleitet. „Sie hat uns in jeder Hoffnung und Angst abgeholt. Sie ist ein Engel auf Erden“, lobt Heike Welsing die Begleitung der Seelsorgerin. Die Ordensfrau habe sie ermutigt, offen mit ihrer Trauer umzugehen. „Wir dürften alles zulassen, hat sie zu mir gesagt. Das hat mir sehr geholfen“, sagt die Bürokauffrau. Ihr Ehemann fügt hinzu: „Ich habe mich komplett in meine Arbeit vertieft und die Trauer für Heike weggedrückt.“ Als Mann habe er die Trauer anders erlebt, „aber man geht genauso dadurch“.

Die Zeit nach der Geburt sei auch als Paar sehr schwierig gewesen. „Man trauert um das Kind, um den Verlust und unsere Vorstellung eines Lebens mit ihm. Manchmal waren wir auch sauer auf Fridtjof, dass er einfach gegangen ist.“ Sie hätten beide nicht gewusst, wie viel ein Mensch fühlen könne. „Es war eine Gefühlsbreite, die von unendlicher Liebe bis hin zu dem Gefühl, dass einem das Herz herausgerissen wird, reicht. Das war unfassbar anstrengend“, sagt Heike Welsing. Sie hat bei Spaziergängen im Wald Kraft gesucht und gefunden. Es habe gutgetan, andere Gesprächsthemen zu haben, etwa den damals bevorstehende Umzug ins umgebaute Eigenheim.

Tagebuch geschrieben

Geholfen habe es ihr auch, Tagebuch zu schreiben und sich auf gute Erlebnisse zu konzentrieren. „Heute bin ich mal fröhlich, aber auch mal traurig. Das sind dann Fridtjof-Tage, da ist er gerade sehr nah. Es ist schwierig, Gefühle zu benennen“, beschreibt Heike Welsing ihr Befinden. Geholfen haben dem Paar die Verabredungen mit Schwester Paula sowie die Treffen mit Eltern in Coesfeld, die ebenfalls ihr Kind verloren haben.

Viele Menschen hätten nicht gewusst, wie sie mit ihnen umgehen sollten. Sie hätten sich nicht getraut zu fragen, das Thema vermieden und aus vermeintlicher Rücksichtnahme geschwiegen, erinnern sich beide. „Wir fühlten uns so ausgegrenzt. Aber wir haben offen reagiert und ihnen gesagt, dass wir gut über unsere Trauer und das Erlebte sprechen können“, berichtet das Ehepaar. Sie hätten sich über jede Trauerkarte gefreut. „Niemand sollte sich scheuen, die Trauernden anzusprechen“, ergänzt Heike Welsing.

Schön, wenn jemand seinen Namen sagt

Und wenn sie gefragt würden, ob sie Kinder hätten, dann laute ihre Antwort: „Ja, er ist im Himmel. Wir haben ein Sternenkind.“ Ihre größte Angst sei es gewesen, dass Fridtjof vergessen wird. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er immer dazugehört. Aber diese Angst ist unbegründet. Er hat unser Leben verändert, gewandelt, und ist immer bei uns. Er schwingt im Alltag mit“, berichtet die 35-Jährige. Sie freue sich, wenn jemand seinen Namen ausspreche.

Das erste Trauerjahr sei mit vielen Aufs und Abs einhergegangen. „Was ich nicht geglaubt hatte, ist aber Wirklichkeit geworden. Nach einem Jahr verändert es sich. Es wird wesentlich besser, immer wieder Stück für Stück“, erklärt sie. Bis dahin sei es ein schwerer Weg gewesen, den jeder für sich allein, aber sie auch als Paar zusammen, gegangen seien.

„Die Trauer geht, und die Liebe bleibt. Das kann man sich erst nicht vorstellen, aber es ist wirklich so“, sagt Heike Welsing mit Blick auf ihren Mann, der zustimmend nickt.

„Sternenkind Fridtjof ist immer bei uns“

© pd

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