Raesfeld

Sargtisch soll eine Lücke hinterlassen

Der Ess-Tisch im Wohnzimmer sieht nicht danach aus, wie er später verwendet werden soll. Die Erlerin Judith Kolschen hat sich einen Sargtisch bauen lassen. Nach ihrer Recherche ist es ein Unikat.

Von Andreas Rentel

21.05.2021

Judith Kolschen trinkt Kaffee an ihrem Sargtisch. Nach ihrer eigenen Rechereche ist dieses Mobelstück ein Unikat.

Judith Kolschen trinkt Kaffee an ihrem Sargtisch. Nach ihrer eigenen Rechereche ist dieses Mobelstück ein Unikat.

© Rentel

Judith Kolschen besitzt einen Sargtisch bauen lassen

RAESFELD. Die Idee hatte Judith Kolschen schon vor längerer Zeit. Aber erst durch die geplante Renovierung des heimischen Wohnzimmers und den Wunsch nach einem neuen Ess-Tisch wurde es konkret: Die Erlerin hat sich vom Raesfelder Bestatter und Tischler Ralf Kock einen Tisch bauen lassen, der später ihr Sarg sein soll. Sargtisch nennt die Heilpraktikerin für Psychotherapie, Trauerrednerin und Rednerin für Lebensfeiern das ungewöhnliche Möbelstück.

„Es sollte lokal bleiben“, erklärt sie und umsetzen sollte das Projekt jemand, „zu dem ich Vertrauen habe“. Wegen ihrer Arbeit als Trauerrednerin und -begleiterin habe sie zu den örtlichen Bestattern ein gutes Verhältnis, aber da Ralf Kock zudem als Tischler tätig ist, habe sie sich an ihn gewandt. „Was willst Du?“, zitiert sie dessen skeptische Reaktion, als sie ihm ihre Idee vor einigen Monaten erstmals vorgestellt hatte.

22 Jahre in der Hospizarbeit

Kolschen ist seit 22 Jahren in der Hospizarbeit aktiv, seit dem Jahr 2009 auch als hauptamtliche Koordinatorin. Vor etwa zehn Jahren habe es in Raesfeld eine Ausstellung mit Ehrenamtlichen zum Thema „Abschied selbst gestalten“ gegeben, erinnert sie sich. Dort sei unter anderem ein Sarg als Bücherregal zu sehen gewesen. „So etwas ähnliches möchte ich mir irgendwann auch einmal anfertigen lassen“, habe sie damals gedacht. Nach langem Nachdenken und Planen konkretisierte sich das Projekt schließlich in Form eines Tisches. Es habe Wochen gedauert, „bis das reif war“, ergänzt sie. Details ließen sich nicht so umsetzen wie ursprünglich gedacht.

Bei ihrem Mann und den Kindern sei ihre Idee zunächst auf große Skepsis gestoßen, sagt Kolschen. Gegen ihren Willen wollte sie das Vorhaben nicht durchsetzen. Aber etwas Morbides, gar eine düstere Graf-Dracula-Vorstellung, „das war nicht das, was ich wollte“, stellt sie klar. So hat sie die Familie letztlich für den Plan gewonnen.

Tatsächlich ist dem 2,10 mal 1,10 Meter großen Ess-Tisch aus heller, gewachster Eichen – „das Holz finde ich toll“ – seine spätere Funktion nicht anzusehen. „Das sieht ja gar nicht aus wie ein Sarg“, diesen Satz höre sie oft, so Kolschen.

Doppelter Verlust

„Die Symbolik gefällt mir gut“, betont die 54-Jährige. In ihrer Familie, in der gerne zusammen gespielt und diskutiert wird, nehme der Tisch eine besondere Rolle ein. Wenn sie einmal nicht mehr da sei, dann fehle auch der Tisch. Es gelte, sich mit diesem doppelten Verlust auseinanderzusetzen. Die riesige Lücke im Wohnzimmer, die entstehen wird: „Die Hinterbliebenen werden sich aufmachen müssen, um die Gemeinschaft an einem anderen Tisch wieder zu ermöglichen.“ Kolschen ergänzt: „Das ist mein ,memento mori‘.“

Viel Zeit und Mühe habe Ralf Kock in dieses Möbel investiert, lobt sie. Nach seiner und ihren Recherchen handelt es sich bei dem Sargtisch um ein Unikat. Die vier Tischbeine aus Metall, die Metallbauer Johannes Bleker gefertigt hat, dienen nach ihrem Tod als Kerzenhalter. Diese will sie ihren vier Kindern vererben. Wie sind die Reaktionen auf den Tisch? „Kritik ist nicht direkt zu hören“, sagt die Erlerin, auch wenn es diese bestimmt gebe. „Das könnte ich nicht“, zitiert sie eine abwehrende Haltung mancher Gesprächspartner.

Einzelteile unter der Platte

Die Frage nach den anderen Teilen des späteren Sarges lässt sich leicht mit einem Blick unter die Tischplatte beantworten. Dort sind diese befestigt, inklusive einer Anleitung zum Zusammenbau. Kolschen hofft, dass es bis dahin noch möglichst viele Jahre dauern wird. Für mindestens drei Jahrzehnte, sagt sie, möchte sie mit Familie und Freunden an dem Tisch sitzen, essen und reden. Kolschen fürchtet den Tod nicht und findet den Gedanken gut, in dem Sargtisch aufgebahrt und verbrannt zu werden, an dem sie früher viele schöne Stunden verbracht hat. „Eingeweiht haben wir den Tisch mit Streuselkuchen“, sagt sie und lacht. Der Familien- und Freundeskreis kenne die zweite Funktion des Tischs. Situationsbedingt würde sie diese auch anderen Personen erklären.

„Die Menschen dürfen verdrängen“, ist sie überzeugt und betont, wie schwer vielen der Umgang mit Tod und Trauer fällt. Es gebe ein Bedürfnis, sich dem Thema zu nähern und zugleich eine Angst vor Tod und Trauer, sagt die aus beruflichen Erfahrung.

Sargtisch soll eine Lücke hinterlassen

© Rentel

In der Werkstatt von Ralf Kock wurde der Sarg zur Probe montiert. Die Tischbeine dienen später als Kerzenhalter.

In der Werkstatt von Ralf Kock wurde der Sarg zur Probe montiert. Die Tischbeine dienen später als Kerzenhalter.

© pd

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