Jagdszenen auf Burg Gemen unter der Lupe
Unter UV-Licht und dem Mikroskop verfolgt Restauratorin Stephanie Keinert Risse in Leder, Silber und Farbe. Seit 2019 sucht sie für die vier Jagdszenen des 17. Jahrhunderts auf Burg Gemen einen Weg zurück ins frühere Jagdzimmer.
Stephanie Keinert beschäftigt sich seit 2019 mit den Gemener Goldledertapeten, um herauszufinden, wie sich ihr weiterer Verfall aufhalten lässt.
© pdLWL/Benji Prior
GEMEN/MÜNSTER. Sie glänzen noch schwach golden, erzählen von prunkvoller Wohnkultur und sind in dieser Vollständigkeit deutschlandweit eine Seltenheit: Auf Burg Gemen in Borken hat sich eine außergewöhnliche Raumausstattung aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Vier großformatige Jagdszenen, umrahmt von Bordüren, bilden ein Zeugnis historischer Handwerkskunst. Doch die Gemener Goldledertapeten sind akut gefährdet. Stephanie Keinert, Restauratorin beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), untersucht seit 2019, wie sich ihr fortschreitender Verfall aufhalten lässt und wie die wertvollen Kunstwerke eines Tages an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren können. „Wir sprechen hier von unserem kulturellen Erbe, das uns ausmacht. Das sind nicht nur Objekte, sondern Werte“, sagt Keinert.
Goldener Glanz ohne Gold
Anders als ihr Name vermuten lässt, bestehen Goldledertapeten nicht aus Gold. Ihre Herstellung war dennoch aufwendig und erforderte großes handwerkliches Können. Auf einen Untergrund aus Leder wurde eine dünne Silberschicht aufgetragen. Ein gelblich pigmentierter Firnis verlieh der Oberfläche anschließend ihren goldenen Schimmer. Auf diesem Untergrund wurden die Motive von Hand aufgemalt.
Die Gemener Ausstattung zeigt vier Jagdszenen: Wildschwein-, Hasen-, Hirsch- und Wolfsjagd. Über 60 kleinere Tapetenstücke mit goldenen Bordüren rahmen die Darstellungen ein. Engelsfiguren, Blattwerk und Früchte schmücken die Ornamente. Eine weitere Besonderheit sind die sogenannten Punzierungen: Mit kleinen Metallstempeln wurden Muster wie Kreise, Sterne, Sicheln und Zacken in die Oberfläche geprägt. Sie betonen die Strukturen der gemalten Motive und machen die außergewöhnliche Detailfülle der Tapeten sichtbar.
„Es ist eine Art Wundertüte, die das Untersuchen, Forschen und genaue Hingucken erfordert.“
Stephanie Keinert
Entstanden sind die Kunstwerke im 17. Jahrhundert vermutlich in einer spezialisierten Werkstatt in den Niederlanden. Wo sie ursprünglich angebracht waren, ist nicht bekannt. Überliefert ist jedoch, dass Friedrich Ludolf von Landsberg-Velen die Tapeten 1842 erwarb, um damit sein neu eingerichtetes Jagdzimmer auf Burg Gemen auszustatten. In den 1980er-Jahren wurden sie ausgebaut und eingelagert. Teile der Ausstattung waren zeitweise im Restaurant auf Schloss Velen zu sehen. Die ornamentalen Bordüren stammen ursprünglich aus einem anderen Bestand und wurden nicht eigens für die Jagdszenen angefertigt.
Spurensuche statt Restaurierung nach Schema F
Keinerts Arbeit beinhaltet häufig eine umfassende Untersuchung der Materialien und Schäden. Mithilfe von Mikroskopen und UV-Licht macht sie selbst kleinste Veränderungen und Besonderheiten der Oberflächen sichtbar. Hinzu kommen historische Recherchen zur Herkunft und ursprünglichen Verwendung der Tapeten. „Jede Baustelle und jedes Objekt ist anders. Es ist eine Art Wundertüte, die das Untersuchen, Forschen und genaue Hingucken erfordert. Man muss Zusammenhänge erkennen, Schlüsse ziehen und daraus Konzepte entwickeln, um Zeugnisse unserer Vergangenheit zu erhalten“, beschreibt Keinert ihre Arbeit.
Stephanie Keinert mit einer der historischen Tapeten aus dem 17. Jahrhundert.
© pdLWL/Benji Prior
Die Untersuchungen zeigen: Leder, Silberschicht, Firnis und Malschichten sind durch die jahrhundertelange Einwirkung unterschiedlicher Umgebungsbedingungen stark geschädigt. Die einzelnen Schichten werden zunehmend porös. Ohne gezielte Maßnahmen droht der unwiederbringliche Verlust der historischen Substanz.
Zurück an den ursprünglichen Ort
Um den Verfall aufzuhalten, hat sich der Eigentümer Jakob Graf Landsberg-Velen an das LWL-Denkmal-Fachamt gewandt. Gemeinsam mit ihm verfolgt Keinert ein langfristiges Ziel: Die Goldledertapeten sollen wieder an ihren historischen Platz im Jagdzimmer der Burg zurückkehren. Heute ist der Raum Teil der Jugendburg Gemen, einer Jugendbildungseinrichtung des Bistums Münster. Das Restaurierungskonzept umfasst mehrere Schritte. Zunächst sollen die Schäden an den Tapeten behandelt werden, um ihre Substanz möglichst langfristig zu sichern. Gleichzeitig müssen die klimatischen Bedingungen im Jagdzimmer verbessert und dauerhaft kontrolliert werden. Dafür kommen unter anderem Schutzfolien für die Fenster, Be- und Entfeuchter sowie kontinuierliche Klimamessungen infrage. Für Jakob Graf Landsberg-Velen ist die Erhaltung der Tapeten eine Selbstverständlichkeit: „Das ist Teil meiner Verpflichtung als Eigentümer. Mich nicht um so ein Objekt zu kümmern, ist für mich nicht zufriedenstellend.“
Kulturerbe für kommende Generationen
Die Rückkehr der Goldledertapeten wäre nicht nur ein Gewinn für den Denkmalschutz. Sie würde auch ein Kunstwerk wieder an einem Ort erlebbar machen, an dem Geschichte und Gegenwart aufeinandertreffen. Rund 24.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verbringen jährlich Zeit auf der Jugendburg Gemen. Das ehemalige Jagdzimmer dient heute als Seminarraum und Ort der Begegnung. Die historischen Tapeten könnten dort künftig als Teil des alltäglichen Burglebens jungen Menschen einen unmittelbaren Zugang zu einem bedeutenden Zeugnis der Vergangenheit eröffnen.
Punzierungen, die hier zu sehen sind, sind sehr kleine stempel-artige Muster in der Oberfläche, die durch sogenannte Punzen entstehen.
© pdLWL/Benji Prior
Für Keinert ist genau das der entscheidende Punkt: Denkmäler sollen nicht nur bewahrt, sondern auch für kommende Generationen zugänglich gemacht werden. „Es ist wichtig, dass wir solche Werte erhalten und dafür sorgen, dass unsere nachfolgenden Generationen auch noch etwas davon haben. Ein Stück unserer Identität, die wir weitergeben“, so die Restauratorin.