Borken

Das Ringen ums Wasser

Landwirte und Umweltschützer schlagen gleichermaßen Alarm: Es fehlt an Wasser. Das große Problem: Die anhaltend niedrigen Regenmengen treffen auf einen immer weiter steigenden Bedarf. Die Landwirte fordern einen Dialog über die künftige Verteilung des Grundwassers.

Von Sven Kauffelt

09.09.2020

Wassereinsatz in der Landwirtschaft. Bei immer trockeneren Sommern wird das mehr und mehr zum Problem.

Wassereinsatz in der Landwirtschaft. Bei immer trockeneren Sommern wird das mehr und mehr zum Problem.

© Colourbox.de

Rohstoff wird zusehends knapper

BORKEN. Das Wasser wird knapp. Was vor Jahren noch undenkbar war, ist heute ein ernst zu nehmendes Thema. „Auf dem Schutzgut Wasser entsteht immer mehr Druck, weil immer mehr Nutzer da sind und auf eine zunehmende Trockenheit treffen“, fasst Cordula Thume vom Fachbereich Natur und Umwelt bei der Kreisverwaltung zusammen.

Aus allen Teilen des Landes gab es im Sommer alarmierende Meldungen. Mitte August hatte der Kreis Borken an einigen Gewässern verboten, Wasser zu entnehmen – auch dann, wenn die Betroffenen eine Entnahme-Erlaubnis haben. In Teilen Ostwestfalens wurde zwischenzeitlich das Befüllen von Swimmingpools und das Bewässern von Gärten untersagt. Im Dorstener Norden konnten Landwirte zeitweise ihre Felder nicht mehr bewässern, weil kein Wasser mehr da war.

Konflikte wurden verschärft

Eine Momentaufnahme? Henry Tünte fürchtet Nein. „Wir haben eine zunehmende Dürreproblematik, wodurch die Grundwasserspiegel Tiefststände erreicht haben“, sagt der Raesfelder, der sich beim BUND mit Gewässern auseinandersetzt. „Die Situation für Fließgewässer und Feuchtgebiete ist problematisch“, sagt er. Und die haben laut Gesetz Vorrang vor der Entnahme von Wasser – etwa zur Felderbewässerung oder zum Tränken von Nutztieren.

Cordula Thume verweist auf das Wasserhaushaltsgesetz und das Gebot, nachhaltig mit Wasser zu wirtschaften: „Das heißt, es darf nicht mehr Wasser genutzt werden, als sich nachbildet.“ Das wird zunehmend schwierig, zumal: „Wir befinden uns noch mitten in einer Dürrephase“, sagt Thume. „Die Regenfälle in den vergangenen zwei Wochen waren maximal der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Die Mengen reichen aber nicht, um unsere Grundwasserspeicher in tiefen Lagen aufzufüllen.“

Die Landesregierung reagiert darauf mit einer Novelle des Landeswassergesetzes. Dort soll der Vorrang der Trinkwasserversorgung vor anderen Wasserentnahmen gesetzlich verankert werden. Die Trockenheit der vergangenen Jahre habe Konflikte zwischen öffentlicher Versorgung, Wirtschaft, Industrie und landwirtschaftlicher Bewässerung „deutlich gemacht und verschärft“, heißt es in der Begründung.

Fruchtfolgen anpassen

Neu ist das allerdings keineswegs, betont Jörg Sümpelmann, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbands. „In der Praxis wird das immer schon so gehalten.“ Die Landwirtschaft stehe in diesem sich zuspitzenden Verteilungskampf ums Wasser zunehmend unter Druck. „Ohne Wasser wächst nunmal nichts“, sagt Sümpelmann.

Wie das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) ermittelt hat, sind im Jahr 2018 mit 620 Millimetern Niederschlag rund 230 Millimeter weniger gefallen als im langjährigen Mittel. Ein Problem ist auch die Verteilung. In diesem Jahr hat es zum Beispiel im Februar geschüttet wie aus Kübeln, was dann aber dazu führt, dass der Boden irgendwann so getränkt ist, dass er kein Wasser mehr aufnehmen kann. Dafür war es im Frühling und Sommer viel zu trocken.

„Die Landwirte reagieren zum Teil darauf, indem sie ihre Fruchtfolgen anpassen“, sagt Sümpelmann. Statt Mais und Gemüse, die besonders im Frühling und Sommer viel Wasser brauchen, würden einige auf Roggen und Triticale setzen. Auch würden die Böden technisch anders bearbeitet, um so viel Wasser wie möglich in den sandhaltigen Böden des Südkreises zu halten. „Was möglich ist, wird gemacht“, fasst Sümpelmann zusammen.

Er fordert eine Debatte um die Verteilung des Gutes Wasser. Bislang werde die Landwirtschaft bei Gesprächen über die Verteilung von Kontingenten „weder beteiligt noch gehört“. Es müsse aber geklärt werden, für welche Zwecke wie viel Grundwasser verwendet werden kann.

Regionale Unterschiede

Eine Kontingentierung findet für die Betriebe einzeln statt, erklärt Cordula Thume vom Kreis. Gewerbetreibende brauchen eine Genehmigung für die Entnahme. „Das betrifft mittlerweile auch die meisten Landwirte“, erklärt sie. Aber auch die Industrie zum Beispiel benötigt große Mengen Wasser. Der Bedarf werde individuell ermittelt, sagt Thume. Man habe auch wieder Kontrollen installiert, sagt sie.

Die Situation ist regional extrem unterschiedlich. Für das Stadtgebiet Borken sei die Lage weniger dramatisch, sagt Peter Wessels von den Stadtwerken: „Es ist genug da.“ Allerdings sei der Grundwasserspiegel durch die zurückliegenden Trockenjahre gesunken. „Wir gehen anhand aller Prognosen aber davon aus, dass sich das wieder ausgleicht.“ Andere Teile des Kreises sind davon wohl weit entfernt.

Mehr zum Thema:

Josef Weddeling über fehlenden Regen

Das Ringen ums Wasser

© Colourbox.de

Das könnte Sie auch interessieren

Borken

zur Merkliste

Correctiv-Journalist Bastian Schlange liest im 3Eck

Mit seinem Buch „Das einzig wahre Faktencheckbuch“ gastiert Correctiv-Journalist Bastian Schlange am 29. April im 3Eck. In seiner Lesung will er zeigen, wie sich Falschnachrichten und Propaganda im Netz rasant verbreiten – und welche Strategien helfen, den gesellschaftlichen Dialog zu stärken. Im Anschluss gibt es eine Talkrunde.

Borken

zur Merkliste

Gastbeitrag: Ostern ist eine Einladung zum Vertrauen

Was bedeutet uns Ostern? Pastoralreferent Jürgen Schulze Herding erzählt in einem Gastbeitrag von einer Begegnung bei seinen ersten Schwimmversuchen. Damals spürte er ein großes Vertrauen, ein Vertrauen, das er auf seinen Glauben, auf das Osterfest übertragen kann.