Borken

BZ-Interview mit Claudia Jung von den Grünen

Claudia Jung, Fachärztin für Innere Medizin, möchte für die Grünen in den Borkener Stadtrat einziehen. BZ-Redakteur Sven Kauffelt hat mit der 59-Jährigen über mögliche Schwerpunkte und einiges mehr gesprochen.

Von Sven Kauffelt

30.08.2020

Claudia Jung steht auf Platz fünf der Reserveliste von Bündnis 90/Die Grünen.

Claudia Jung steht auf Platz fünf der Reserveliste von Bündnis 90/Die Grünen.

© Sven Kauffelt

„Man kann den Menschen deutlich mehr zutrauen“

BORKEN. Am 13. September wird ein neuer Stadtrat gewählt, und die Parteien schicken auch neue Gesichter ins Rennen. Die BZ stellt einige davon im Interview vor. Am Marktplatz hat BZ-Redakteur Sven Kauffelt mit Claudia Jung (59) gesprochen, die für die Grünen antritt.

BZ: Frau Jung, Sie sind Fachärztin für Innere Medizin, zu ihren Schwerpunkten gehören Ernährungsmedizin und Diabetologie. Sind das auch Schwerpunkte, mit denen Sie sich politisch beschäftigen wollen?

Jung: Total, das Thema liegt mir sehr am Herzen. Mit der Ernährung hängt unheimlich viel zusammen. Ich habe mich damit schon sehr früh beschäftigt, und heute ist es ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Die richtige Ernährung beeinflusst alle Lebensbereiche.

BZ: Ist grün dann automatisch bio? Anders gefragt: Ist Fleisch vom Biohof tatsächlich besser als das vom Mastbetrieb?

Jung: Ja, ist es. Das weiß jeder, der gerne kocht. Die Qualität ist eine andere. Dafür ist es deutlich teurer. Allerdings müssen es ja nicht immer drei Würstchen sein und schon gar nicht jeden Tag. Man muss kein Vegetarier sein, aber es wäre sicher gut und nötig, den Fleischkonsum zu reduzieren.

BZ: Aktuell gibt es ja die Diskussion um das Schulessen, das aus Wuppertal nach Borken gebracht wird.

Jung: Damit bin ich sehr unglücklich. Ich glaube, dass man von Seiten der Politik eine andere Lösung hinbekommen hätte, wenn man intensiver mit möglichen Anbietern in der Umgebung und auch mit den Eltern gesprochen hätte. Das wäre eine ideale Gelegenheit für ein Pilotprojekt gewesen. Ich bin überzeugt davon, dass man es mit entsprechender Vorbereitung hinbekommen würde, eine Borkener Schulküche auf die Beine zu stellen. Da könnte man Kinder auch gleich mit einbeziehen.

BZ: Kochen als Teil der Erziehung?

Jung: Ja, warum nicht? Ich sehe das im Waldkindergarten in Heiden, da gehört Umgang mit Natur, Tieren und Ernährung auch dazu. Auf der anderen Seite: Wenn Sie heutzutage mal ins Freibad gehen, dann sehen Sie schon sehr viele übergewichtige Kinder. Das wird gesamtgesellschaftlich ein großes Problem. Stoffwechselerkrankungen nehmen stetig zu. Wir haben immer mehr Diabetiker.

BZ: Was kann Kommunalpolitik da tun?

Jung: Pilotprojekte wie eben angesprochen könnten ein sehr guter Weg sein. Das Thema Ernährung noch mehr in Kitas und Schulen zu platzieren wäre mir sehr wichtig. Auch, um den Bogen zur Landwirtschaft zu schlagen. Wir müssen nicht alles schlecht reden. Jeder Betrieb versucht, so gut zu überleben, wie er kann. Da können wir noch einiges verbessern, aber das müssen wir mit den Landwirten zusammen tun. Ein Landwirt kann auch in der Schule mal erklären, was er tut, und warum er das so tut.

BZ: Welche Themen kommen bei Ihnen noch dazu?

Jung: Gesundheitsthemen liegen mir natürlich nahe. Dazu gehört die Pflege, auch die Niederlassung von Kollegen, gerade im Außenbereich. Klima ist natürlich wichtig, ohne das geht gar nichts. Da muss deutlich mehr passieren. Wir Grünen müssen aber auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft, auf die Familien stärker berücksichtigen.

BZ: Menschen also mehr abholen?

Jung: Ganz genau, und das gilt für viele Bereiche – und übrigens für die Politik insgesamt. Man muss sich mehr mit den Menschen beschäftigen. Man kann den Menschen deutlich mehr zutrauen, als das bisher der Fall war. Das wäre übrigens auch ein probates Mittel, um eine Lösung für die Geburtshilfe zu finden. Das Thema sollten wir nicht als gegeben hinnehmen, denn es ist ein Fehler. Man kann den Hebammen eine Menge zutrauen. Eine Hebammenstation oder ein Geburtshaus könnten Alternativmodelle sein.

BZ: Als niedergelassene Ärztin sind Sie zeitlich sicher gefordert. Wie passt Kommunalpolitik da noch in den Alltag?

Jung: Ich habe gelernt, schnell zu lesen und zu lernen. Gerade als Rettungsärztin habe ich gelernt, schnell zu denken und zu handeln. Das kommt mir sicher zugute, um Themenkomplexe zu erfassen. Dazu gehört, dass ich in meiner Praxis ein gutes Team habe, das mich sehr entlastet.

BZ-Interview mit Claudia Jung von den Grünen

© Sven Kauffelt

Das könnte Sie auch interessieren

Borken

zur Merkliste

Correctiv-Journalist Bastian Schlange liest im 3Eck

Mit seinem Buch „Das einzig wahre Faktencheckbuch“ gastiert Correctiv-Journalist Bastian Schlange am 29. April im 3Eck. In seiner Lesung will er zeigen, wie sich Falschnachrichten und Propaganda im Netz rasant verbreiten – und welche Strategien helfen, den gesellschaftlichen Dialog zu stärken. Im Anschluss gibt es eine Talkrunde.

Borken

zur Merkliste

Gastbeitrag: Ostern ist eine Einladung zum Vertrauen

Was bedeutet uns Ostern? Pastoralreferent Jürgen Schulze Herding erzählt in einem Gastbeitrag von einer Begegnung bei seinen ersten Schwimmversuchen. Damals spürte er ein großes Vertrauen, ein Vertrauen, das er auf seinen Glauben, auf das Osterfest übertragen kann.