Zug um Zug: Blübaums Weg in die Schach-Weltspitze
Matthias Blübaum spielt auf Zypern in einer elitären Runde um ein Duell mit dem Weltmeister. Eltern und Sportdirektor sprechen über den Aufstieg des einstigen Mitglieds der „Prinzengruppe“.
Matthias Blübaum nimmt am WM-Kandidatenturnier auf Zypern teil. (Archivbild)Finn Engesser/Deutscher Schachbund/dpa
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14 Hemden habe er gar nicht, sagt Matthias Blübaum mit einem Schmunzeln. Zwischendurch mal einen Wäscheservice zu organisieren, dürfte für den 28-Jährigen beim bislang wichtigsten Schachturnier seines Lebens aber die kleinste Herausforderung sein. „Ich werde irgendwie überleben“, scherzt Blübaum in einem vom Deutschen Schachbund (DSB) publizierten Interview.
Wofür er die Hemden überhaupt braucht? Für seine insgesamt 14 Partien, die er seit dem Wochenende und noch bis zum 16. April auf Zypern bestreitet. Als erster Deutscher seit 35 Jahren schaffte Blübaum die Qualifikation für ein WM-Kandidatenturnier. Insgesamt acht Spieler ermitteln in Pegia den kommenden Herausforderer des indischen Schach-Weltmeisters Dommaraju Gukesh.
Blübaum gilt als krasser Außenseiter, will aber „so lange um den ersten Platz mitspielen, wie ich kann“. Dass der Weltranglisten-32. überhaupt dabei ist in diesem elitären Kreis, findet DSB-Sportdirektor Kevin Högy im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur schon „riesig“.
Schwestern wecken die Schachbegeisterung
Der 21-jährige Vincent Keymer, aktuell Vierter der Weltrangliste, gilt als größter Star der deutschen Schach-Szene. Blübaum war trotz seiner immerhin zwei EM-Titel, die er 2022 und 2025 holte, bis vor kurzem vermutlich nur Experten ein Begriff. Als potenzieller WM-Kandidat rückt er nun aber ins Rampenlicht. Das mediale Interesse habe zuletzt spürbar angezogen, berichtet Högy.
Auch Blübaums Eltern gaben schon Interviews, erzählten von den Anfängen ihres Sohnes. Über den Vater und seine älteren Schwestern sei er zum Schach gekommen, sagten sie dem Portal „chess.com“. Schon als Sechsjähriger habe er die ersten Figuren über das Brett geschoben. Jahrelang hätten sie ihn von einem Turnier zum nächsten gefahren. Als Jugendlicher gehörte Blübaum zur „Prinzengruppe“, einer vom DSB geförderten Auswahl von Talenten.
„Es war immer klar: Möglicherweise ist irgendwann ein Limit erreicht, wo es vielleicht nicht mehr weitergeht“, sagt Vater Karl-Ernst, der Nachwuchstrainer ist. „Aber er hat uns immer wieder eines Besseren belehrt – bis heute.“
Zweimaliger Schach-Europameister: Matthias Blübaum. (Archivbild)Finn Engesser/Deutscher Schachbund/dpa
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Auf den Spuren von Schach-Legende Hübner
Das Ticket für das Kandidatenturnier auf Zypern löste Blübaum mit seinem zweiten Platz beim FIDE Grand Swiss im vergangenen September in Usbekistan. Von einer „Sternstunde fürs deutsche Schach“ hatte der DSB damals geschrieben. Blübaums Eltern verfolgten die Sensation von einer Radtour mit Freunden aus. Bei jedem Stopp hätten sie das Handy gezückt, berichten sie euphorisch. Das Ganze sei „schon irre“ gewesen.
Als bislang letzter Deutscher bei einem allgemein anerkannten Kandidatenturnier war der inzwischen gestorbene Robert Hübner 1991 in Sarajewo dabei. Weltmeister damals war der Russe Garri Kasparow.
86.000 Euro als Unterstützung
Ob sich Blübaum nun tatsächlich zum Herausforderer von Weltmeister Gukesh aufschwingt? Unwahrscheinlich. In der monatelangen Vorbereitung überließ er allerdings nichts dem Zufall. Blübaum, sonst ein Einzelkämpfer, stellte sich ein Team zusammen, absolvierte Trainingscamps, studierte seine Gegner haargenau. Die Informationen der sogenannten Sekundanten, die den Schachprofis bei der Vor- und Nachbereitung ihrer Partien helfen, gelten auf diesem Niveau als essenziell. Meist liegt der Fokus auf der Spieleröffnung.
Personal, Reisekosten, Computer mit entsprechender Rechenleistung - die Ausgaben sind beträchtlich. Ähnlich wie in anderen Sportarten könne man da schon von einer „Materialschlacht“ sprechen, meint Sportdirektor Högy.
Rund 86.000 Euro wurden Blübaum als Unterstützung dafür zur Verfügung gestellt - unter anderem vom Bundeskanzleramt, dem DSB und regionalen Verbänden. 21.000 Euro kamen über eine Crowdfunding-Aktion zusammen.
Eines der härtesten Turniere überhaupt
Blübaum ist schon seit 2015 Großmeister. Bis 2022 absolvierte er noch ein Mathematik-Studium, voll und ganz auf die Schach-Karte setzte er erst danach. Wer vom Denksport leben will, muss zumindest in Deutschland, wo er nur eine Nische besetzt, schon dauerhaft zu den Allerbesten dazugehören.
Beim WM-Kandidatenturnier werden immerhin 700.000 Euro an Preisgeld ausgeschüttet. Der Sieger kassiert 70.000 Euro, dazu erhält jeder Spieler für jeden erzielten halben Punkt noch mal 5.000 Euro. Auf jeden seiner sieben Gegner trifft Blübaum zweimal. Das Event gilt als eines der härtesten überhaupt im Turnierkalender. Neben mentaler braucht Deutschlands Hoffnungsträger da auch eine körperliche Topverfassung. Und natürlich frische Hemden.