Tennis

„War ein Krieg“: Spektakuläres Aus für Alcaraz um 3.33 Uhr

So spät ging noch nie ein Match bei den US Open zu Ende: Carlos Alcaraz scheidet weit nach Mitternacht in einem grandiosen Viertelfinale aus. In New York herrscht Fußball-Stimmung auf den Rängen.

09.09.2026

Fast halb vier Uhr morgens: Carlos Alcaraz schwer gezeichnet kurz vor seiner Niederlage.  Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa

Fast halb vier Uhr morgens: Carlos Alcaraz schwer gezeichnet kurz vor seiner Niederlage. Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa

© Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa

Als sich Carlos Alcaraz kurz nach vier Uhr morgens mit einem „Buenas Noches“ müde in die New Yorker Nacht verabschiedete, konnte der schwer geschlagene Titelverteidiger schon wieder lächeln. In einem epischen Viertelfinale verlor der 23 Jahre alte Spanier das späteste Match der US-Open-Geschichte gegen Ben Shelton und verpasste damit die Krönung seines Comebacks nach langer Verletzungspause.

„Es war knapp, wirklich knapp. Deshalb bin ich nicht enttäuscht, dass ich am Ende nicht gewonnen habe“, sagte der siebenmalige Grand-Slam-Turniersieger. „Ich verlasse den Platz glücklich und gesund, mit einem Lächeln, und genau das habe ich gebraucht.“

Nach 4:28 Stunden verwandelte Shelton um 3.33 Uhr Ortszeit unter großem Jubel der immer noch zahlreichen Fans den Matchball im Arthur Ashe Stadium. „Ich bin müde“, sagte der 23-Jährige in den Katakomben des Arthur Ashe Stadiums an eine Wand gelehnt. „Es war ein Krieg, ein episches Match, so physisch. Das war das unterhaltsamste Match meiner Karriere.“

Es waren Szenen für die Tennis-Ewigkeit: Shelton jubelte seiner Freundin und Fußballstar Trinity Rodman auf der Tribüne zu, die verbliebenen Zuschauer schufen mit Gesängen eine Stimmung wie im Fußballstadion. Währenddessen hatte das Reinigungspersonal schon während der Partie begonnen, leere VIP-Logen im größten Tennisstadion der Welt feucht durchzuwischen. Sicherheitskräfte schliefen in den Gängen. 

Shelton erreichte sein zweites Halbfinale beim Grand-Slam-Turnier von New York und trifft nun in einem US-Duell auf Frances Tiafoe. Der 23-Jährige ist damit potenzieller Endspielgegner von Alexander Zverev, der heute (Ortszeit) in seinem Viertelfinale auf den Niederländer Botic van de Zandschulp trifft.

Spiel beginnt um kurz nach elf

Das Match lieferte das besondere Gefühl, das bei den ganz großen Matches im Arthur Ashe Stadium unter Flutlicht entsteht. Obwohl es erst um 23.05 Uhr losging, waren die Tribünen anders als bei den nächtlichen Auftritten von Zverev zur gleichen Zeit noch komplett gefüllt. Nur zwei Männerspiele hatten in der Geschichte der US Open später begonnen - und die knapp 24.000 Zuschauer wurden für ihr Ausharren belohnt.

Ein dauerhafter Schlagabtausch mit höchster Geschwindigkeit verzückte die Fans. Immer wieder hallte ein „Roar“ voller Begeisterung durch die größte Tennisarena der Welt. Als Shelton einen Schmetterball im Tie-Break nach einem spektakulären Ballwechsel verwertete, erhoben sich erstmals alle Zuschauer. Der Amerikaner feierte mit weit aufgerissenem Mund, Vater und Trainer Bryan mahnte zur Ruhe. Zurecht - Alcaraz zeigte grandioses Kontertennis, holte sich den ersten Satz.

Doch zum ersten Mal im Turnier deutete sich an, dass der Spanier nach seiner mehr als viermonatigen Pause wegen einer Handgelenksverletzung doch noch nicht wieder dauerhaft auf der Höhe seines Könnens sein könnte. In den langen Ballwechseln machte plötzlich Alcaraz die Fehler, Shelton spielte fast makellos und holte satzübergreifend neun Spiele in Serie.

Alcaraz wirkt gezeichnet - und schlägt zurück

Bei den French Open 2025 musste sich der Amerikaner noch in vier Sätzen geschlagen geben. „Mein Aufschlag ist besser, mein Return viel besser. Die Gesamtqualität meiner Schläge von der Grundlinie und meine Bewegung haben sich verbessert“, sagte Shelton nun vor dem erneuten Aufeinandertreffen. „Ich denke, dass es definitiv ein anderes Spiel wird, wenn ich hier spiele.“

Shelton hielt zunächst Wort. Mit bis zu 240 Stundenkilometern donnerte der US-Star seinem Gegner die Aufschläge ins Feld. Beim 3:5 holte sich Alcaraz einen Breakball, konnte diesen jedoch nicht verwerten. Schwer gezeichnet stützte er sich auf seinen Schläger, schnitt nach dem Verlust des Satzes Grimassen auf der Bank. 

Fußball-Stimmung auf der Tribüne

Alcaraz am Ende seiner Kräfte? Mitnichten. Als auch Shelton leichte Schwächen zeigte, war der Spanier da, schaffte das frühe Break und zog davon. „Olé, olé, olé“-Gesänge schwappten durch das Stadion, Shelton-Fans hielten mit „USA, USA, USA“ dagegen. Auch wenn sich die Tribünen gelichtet hatten, herrschte endgültig Fußball-Atmosphäre. 

Um 2.27 Uhr eröffnete Shelton den letzten Satz. Beide Spieler hielten ihre Aufschläge, der Match-Tie-Break musste entscheiden. Dort dominierte Shelton mit seinem Aufschlag und beendete die Partie kurz nach halb mit einem Ass, Alcaraz war geschlagen. Schon zuvor hatte der Spanier mit einem Erfolg um 2.50 Uhr den US-Open-Rekord für das späteste Spiel gehalten.

Sinnbild: Carlos Alcaraz am Boden. Adam Hunger/FR110666 AP/dpa

Sinnbild: Carlos Alcaraz am Boden. Adam Hunger/FR110666 AP/dpa

© Adam Hunger/FR110666 AP/dpa

Faires Duell: Alcaraz (l) gratuliert Shelton. Heather Khalifa/FR172147 AP/AP/dpa

Faires Duell: Alcaraz (l) gratuliert Shelton. Heather Khalifa/FR172147 AP/AP/dpa

© Heather Khalifa/FR172147 AP/AP/dpa

Ben Shelton feiert den Halbfinaleinzug. Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa

Ben Shelton feiert den Halbfinaleinzug. Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa

© Adam Hunger/FR110666 AP/AP/dpa