Fussball

Monströse Reizfigur Infantino: So läuft der FIFA-Gipfel

Alarmstufe Rot. Erstmals seit dem Sommer-Eklat um die Pläne zur WM-Vermarktung treffen Gianni Infantino und seine Gegner im FIFA-Council aufeinander. Der Poker um die Fußball-Macht spitzt sich zu.

14.10.2026

Zwischen UEFA- und FIFA-Führung tobt ein Machtkampf. (Archivbild) Robert Michael/dpa

Zwischen UEFA- und FIFA-Führung tobt ein Machtkampf. (Archivbild) Robert Michael/dpa

© Robert Michael/dpa

Vor dem Showdown im Machtkampf der Fußball-Funktionäre könnte sich Bernd Neuendorf beim deutschen Schiedsrichterchef Knut Kircher mit einem nützlichen Accessoire ausstatten. Mit einer Roten Karte im Gepäck würde der DFB-Präsident seiner Forderung nach einem Ende der Ära von Gianni Infantino in der FIFA-Zentrale auf dem Zürichberg bildstark Ausdruck verleihen. 

„Wir müssen ihn vom Platz stellen“, hatte Neuendorf über den Weltverbandschef gesagt. Bei der Sitzung des FIFA-Councils am Donnerstag (11.00 Uhr) wird er wohl kaum mit einem leuchtenden Stück Pappe auftauchen. Alle Zeichen stehen vor der Sitzung ohnehin auf eine Konfrontation mit der Alarmstufe Rot. 

Erstmals seit Infantinos mit viel Brimborium gescheiterten Plänen zu einer externen WM-Vermarktung kommt der FIFA-Rat zusammen, erstmals seit dem XXL-Turnier in Amerika sitzen sich die großen Streithähne Infantino und UEFA-Boss Aleksander Ceferin mit seinem deutschen Verbündeten Neuendorf an einem Tisch gegenüber. Infantino ist zu einer monströsen Reizfigur geworden. 

Worum geht es bei der Sitzung des FIFA-Councils?

Durch fünf ziemlich dröge Tagungsordnungspunkte mit Formalien und Berichten von Ausschüssen müssen sich die Fußball-Funktionäre arbeiten. Dann könnte es krachen. In Tagesordnungspunkt sechs wird der gescheiterte Infantino-Plan mit dem Namen FIFA Forward Enterprise diskutiert. 

Dahinter versteckte sich die von Infantino mit US-Investoren quasi im Alleingang vorangetriebene und milliardenschwere Idee einer WM-Vermarktung jenseits der Fußball-Institutionen. 

Der Affront brachte den Schweizer in die Bredouille. Jetzt wollen ihn seine Kontrahenten im Council zur Rede stellen. Im Auge des Sturms zeigte sich der Schweizer zuletzt scheinbar milde, offerierte die Diskussion für eine Änderung der FIFA-Führungsstrukturen. Die ihm feindlich gegenüberstehenden Europäer legten einen Forderungskatalog vor - der Infantino das Amt kosten würde. 

Ebenso auf die Agenda gesetzt wurde von europäischen Kräften um Neuendorf die Debatte um den FIFA-Friedenspreis, den Infantino im Dezember in einer grotesken Zeremonie an US-Präsident Donald Trump verlieh. Es könnte hoch hergehen in einem in den Keller der imposanten FIFA-Zentrale gehauenen Besprechungssaal. 

Was planen Infantinos Gegner? 

It’s showtime. Die UEFA-Delegation muss vor den Funktionärskollegen aus aller Welt - die meisten von ihnen Infantino unverändert freundlich gewogen - ihre Kritik darlegen. Eine Woche nach der UEFA-Generalversammlung in Berlin geht es zunächst darum, Infantino möglichst nachhaltig als egoistischen Machthaber darzustellen, aber auch innerhalb der FIFA-Struktur einen Wandel anzustoßen. 

Kernpunkt ist die Forderung einer Reform laut der der nächste Präsident weitgehend nur noch repräsentative Funktionen hat, die Geschäfte in der hauptamtlichen Administration und im Council geführt werden. Eine für Infantino inakzeptable Forderung, obgleich er vor seiner ersten Wahl vor gut zehn Jahren diesen Gedanken selbst propagiert hatte. 

Der ehemalige Arsenal-Trainer Wenger genießt hohes Ansehen in der Fußball-Welt. (Archivbild)Sebastian Gollnow/dpa

Der ehemalige Arsenal-Trainer Wenger genießt hohes Ansehen in der Fußball-Welt. (Archivbild)Sebastian Gollnow/dpa

© Sebastian Gollnow/dpa

Mögliche Namen einer solchen überparteilichen Symbolfigur werden längst gehandelt. Arsène Wenger, als Fußball-Vordenker bei der FIFA schon engagiert, wäre vielleicht eine Option. Die Europäer könnten den Portugiesen Luis Figo als Ceferin-Kompagnon ins Spiel bringen. 

Doch besser, weil weltweit propagierbar, wäre es, einen Würdenträger von einem anderen Kontinent zu finden. „Es braucht jemanden, der integer ist, der die Governance stärkt. Das könnte jeder sein, aus jedem Teil der Welt“, sagte UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister. 

Was ist die Rolle der deutschen Funktionäre?

Neuendorf ist weit vorgeprescht, hat sich mit seiner klaren Infantino-Kritik zu einer Art Sprecher des UEFA-Lagers gemacht. Das mag ein Plan gewesen sein, um Europa-Chef Ceferin den Rücken freizuhalten. Auch DFB-Vize und Bundesliga-Chef Hans-Joachim Watzke trat wortstark auf. 

„Ich bin kein Papagei, ich habe es die letzten Wochen oft genug gesagt. Es sind im Sommer so viele Fehler passiert, vom Friedenspreis, das Balogun-Thema bis zum Gipfel der Investorengeschichte“, zählte er die Infantino-Minuspunkte auf.

Die deutschen Fußball-Funktionäre haben sich klar positioniert. (Archivbild)Tom Weller/dpa

Die deutschen Fußball-Funktionäre haben sich klar positioniert. (Archivbild)Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Die klare Haltung entspricht der hiesigen öffentlichen Meinung über den FIFA-Chef. Doch sie ist nicht ohne Risiko. Momentan ist ein Machtwechsel eher Wunschdenken der Europäer. Die Machtbasis des Schweizers in Asien, Afrika, Südamerika und Ozeanien ist unverändert stark. Es könnte für Neuendorf und Co. auch der Moment kommen, in dem man sich mit dem ungeliebten Schweizer weiter wird arrangieren müssen. 

Was hat es mit der Ankündigung weiterer Milliarden-Ausschüttungen auf sich?

Drei, vier, fünf - oder wie nun kolportiert 6,35 Milliarden Dollar. Wie viel Geld darf es sein? Im Machtkampf um den FIFA-Thron waren die Zuschüsse an die 211 Nationalverbände schon immer ein Topargument an der Wahlurne. Die UEFA selbst nahm das Thema in ihren Forderungskatalog auf und verlangte von Infantino mindestens zehn Millionen Dollar pro Verband. 

Jetzt legt dieser offenbar nach und will die Schatulle mit 25 Millionen Dollar pro Jahr und Verband öffnen. Ein ziemlich durchschaubares Manöver in der Kernkompetenz des Schweizers: Wer mich wählt, dem wird es an nichts mangeln. Das verfängt unverändert in den meisten Funktionärsköpfen, weltweit. 

Wann fällt eine Entscheidung im Machtkampf?

Die FIFA hat nach der Sitzung keine öffentlichen Statements angekündigt. Auch vom DFB wurden keine weiteren Aussagen avisiert. Dafür ist die Lage zu volatil. Es ist wahrscheinlich, das beide Lager mehr oder weniger offensiv ihre Sichtweise darlegen und als Erfolg verkaufen. Faktisch sind aber die Infantino-Gegner in der Bringschuld. 

Sie müssen bis spätestens zum 18. November einen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen präsentieren, dann läuft die Frist drei Monate vor dem Wahltermin beim FIFA-Kongress am 18. März in Rabat in Marokko ab. Für Anfang November sind eine Sitzung des Exekutivkomitees und ein weiteres Treffen aller 55 UEFA-Mitglieder geplant. Infantino wird jeden Schachzug seiner Kontrahenten genau im Blick behalten.

Infantino ist in einer guten Position im Kampf um die FIFA-Führung. (Archivbild) Darryl Dyck/The Canadian Press/AP/dpa

Infantino ist in einer guten Position im Kampf um die FIFA-Führung. (Archivbild) Darryl Dyck/The Canadian Press/AP/dpa

© Darryl Dyck/The Canadian Press/AP/dpa