Deutsche Wirtschaft schafft Mini-Wachstum trotz Iran-Kriegs
Die deutsche Wirtschaft trotzt den globalen Konflikten und Spannungen. Doch der ersehnte kräftige Aufschwung lässt auf sich warten. Immerhin gibt es Hoffnungsschimmer.
Die jüngsten Stimmungsindikatoren und Konjunkturdaten nähren die Hoffnung. (Symbolbild)Daniel Bockwoldt/dpa
© Daniel Bockwoldt/dpa
Inmitten aller Krisen zeigt sich die deutsche Wirtschaft mit dem dritten Wachstumsquartal in Folge widerstandsfähig. Trotz der Belastungen durch den Iran-Krieg legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auch im Frühjahr minimal zu: 0,2 Prozent Plus zum Vorquartal errechnete das Statistische Bundesamt für April bis Juni 2026 anhand vorläufiger Daten.
Dass die Wiesbadener Statistiker zugleich den Wert für das erste Quartal von 0,3 Prozent auf 0,4 Prozent nach oben setzten, werten Volkswirte als Signal dafür, dass die Erholung der deutschen Wirtschaft ausgeprägter ist als gedacht. Wie es konjunkturell für Europas größte Volkswirtschaft weitergeht, hängt maßgeblich davon ab, wann der Konflikt zwischen USA und Iran gelöst ist.
„Von selbsttragendem Aufschwung weit entfernt“
Positive Impulse kamen im zweiten Quartal vom Außenhandel: Die Exporte nahmen gegenüber dem Vorquartal zu. Der private Konsum hingegen entwickelte sich verhalten - eine Folge der zwischenzeitlich nach oben geschnellten Teuerung, die die Kaufkraft der Menschen schmälert. Die Investitionen gingen zurück, obwohl der Staat gewaltige Milliardeninvestitionen in Straßen, Schienen und Verteidigung angeschoben hat.
„Das Wachstum von 0,2 Prozent ist ein erfreuliches Signal, aber längst kein Befreiungsschlag“, fasst Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), zusammen. „Nur dank massiven, überwiegend mit Krediten finanzierten öffentlichen Investitionen hat die deutsche Wirtschaft den Iran-Schock bisher besser verkraftet als befürchtet. Von einem selbsttragenden Aufschwung sind wir weit entfernt.“
Die fragile Lage am Persischen Golf inklusive heftiger Schwankungen bei den Öl- und Gaspreisen bleibt eine Belastung für die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft. „Die heutigen Zahlen unterstreichen, dass die deutsche Wirtschaft derzeit vor allem unter internationalen Spannungen leidet. Umso wichtiger ist es, jetzt die binnenwirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren“, analysiert Christian Breuer, Konjunkturexperte des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.
Steigende Energiepreise treiben die Inflation. Je höher die Teuerungsrate, umso geringer die Kaufkraft der Menschen: Sie können sich für einen Euro dann weniger leisten. (Symbolbild)Sebastian Kahnert/dpa
© Sebastian Kahnert/dpa
Zunehmend Hoffnungsschimmer
Jüngste Konjunkturdaten nähren die Hoffnung, dass die deutsche Wirtschaft sich weiterhin widerstandsfähig zeigen wird: Die Stimmung in den Unternehmen, die das Ifo-Institut regelmäßig ermittelt, hat sich im Juli den dritten Monat in Folge verbessert. Aus dem Ausland verzeichnete die Industrie nach jüngsten Daten mehr Aufträge für Waren „Made in Germany“. Zudem legten die deutschen Exporte im Mai den vierten Monat in Folge zu.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft. (Symbolbild)Bernd Weißbrod/dpa
© Bernd Weißbrod/dpa
Den Reformkurs der Bundesregierung wertet die Wirtschaft als Schritt in die richtige Richtung und fordert Tempo bei der Umsetzung. Die schwarz-rote Koalition hatte sich Anfang Juli auf ein Reformpaket geeinigt. Geplant sind etwa Maßnahmen zum Bürokratieabbau sowie zur Stabilisierung der Sozialabgaben. Steuerzahler sollen entlastet, Zukunftsbranchen gefördert werden. Beschlossen ist bereits ein Sparpaket bei der gesetzlichen Krankenversicherung.
Damoklesschwert Iran-Konflikt
Die kurzfristigen Aussichten für die deutsche Wirtschaft hängen in hohem Maße von den Energiepreisen und dem Krieg im Nahen Osten ab, da dieser sowohl die Industrie als auch die privaten Haushalte betrifft, wie ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski einordnet: „Auch wenn sich die deutsche Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen hat, als manche befürchtet hatten, würde eine Ausweitung des Konflikts auf andere Handelswege ein neues Risiko für den wirtschaftlichen Aufschwung darstellen.“
Dass die Stimmung in den Unternehmen ungeachtet aller Krisen zuletzt besser wurde, belegt nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer, „welches Erholungspotenzial vorhanden ist, falls sich die USA und der Iran einigten und die Straße von Hormus dauerhaft geöffnet würde“. Die für den weltweiten Öl- und Gashandel wichtige Meerenge ist wegen des seit Ende Februar schwelenden Konflikts am Persischen Golf faktisch blockiert.
Einer Bundesbank-Analyse zufolge könnten die kriegsbedingten Belastungen für die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal geringer ausfallen - vorausgesetzt, die Lage im Nahen Osten spitzt sich nicht weiter zu. „Allerdings dürften sich dann auch die vorübergehend stützenden Faktoren aus dem zweiten Quartal umkehren oder entfallen. In der Summe könnte das BIP dann etwas schwächer zulegen“, prognostiziert die Bundesbank für den Sommer.
Volkswirte trauen Wirtschaft etwas mehr Wachstum zu
Für das laufende Jahr waren die Wachstumprognosen zuletzt reihenweise nach unten korrigiert worden. Viele Ökonomen sahen einen spürbaren Aufschwung erst ab 2027, wenn die gewaltigen Summen, die der Staat in die Infrastruktur steckt, ihre volle Wirkung entfalten.
Angesichts der jüngsten Konjunkturdaten wächst vereinzelt die Zuversicht: Die Commerzbank etwa traut der deutschen Wirtschaft 2026 statt 0,6 Prozent nun 1,0 Prozent Wachstum zu. 2025 war Deutschland mit einem Mini-Plus von 0,2 Prozent knapp am dritten Jahr ohne Wachstum in Folge vorbeigeschrammt.
Die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft bekommt die Folgen des Iran-Kriegs zu spüren. (Archivbild)Jan Woitas/dpa
© Jan Woitas/dpa