Wirtschaft

Wie weiter nach Ankündigung von Zalando-Aus in Erfurt?

Der Schock über die Schließungspläne für das Logistikzentrum ist weiter groß. Wie es für die Beschäftigten weitergehen soll und warum das Aus deutlich mehr Menschen als die direkt Angestellten trifft.

09.01.2026

Bei dem Gespräch wurde deutlich, dass es indirekt um mehr Beschäftigte als die 2.700 im Logistikzentrum geht. Martin Schutt/dpa

Bei dem Gespräch wurde deutlich, dass es indirekt um mehr Beschäftigte als die 2.700 im Logistikzentrum geht. Martin Schutt/dpa

© Martin Schutt/dpa

Nach einem Krisengespräch von Stadt und Ministerien mit einer Zalando-Vertreterin bleibt es dabei: Das Logistikzentrum des Online-Modeversands mit 2.700 Beschäftigten in Erfurt soll geschlossen werden. „Es ist uns nicht gelungen, die Entscheidung von Zalando abzuändern“, sagte Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU). 

Was bedeutet das akut für die Angestellten? 

Die Leiterin der Agentur für Arbeit Thüringen Mitte, Irena Michel, kündigte nach dem Krisengespräch an, dass Berater der Arbeitsagentur ab kommender Woche direkt ins Logistikzentrum kommen und dort ein Büro haben werden. Im Übergangszeitraum sollte mit jedem einzelnen Beschäftigten geklärt werden, ob eine sofortige Vermittlung möglich oder etwa Weiterbildungen geboten seien. Auch solle beraten werden, welche Leistungszahlungen infrage kommen. 

Die Belegschaft im Logistikzentrum sei leistungsstark und divers. Sie punkte mit Flexibilität und Bereitschaft zum Schichtdienst. Es gebe einige Mitarbeiter mit Schwerbehinderung und etliche mit Migrationshintergrund. Bei Ersteren stehe gerade die Frage nach persönlicher Mobilität besonders im Raum, bei Zweiteren etwa die Frage nach Sprachkursen als Weiterbildung. 

Es hätten sich bereits Logistikunternehmen aus dem Erfurter Umfeld gemeldet, die Interesse signalisierten, Mitarbeiter zu übernehmen, sagte Oberbürgermeister Horn. 

Wer ist außerdem betroffen? 

Arbeitsagenturleiterin Michel geht davon aus, dass es alles in allem um mindestens 3.000 Menschen geht, die es mit Blick auf die Folgen der Standortschließung zu versorgen gelte. Michel betonte: „Ich bin hoffnungsvoll, dass wir einen Großteil in der Region vermitteln können.“ 

Die weitere Nutzung des 130.000 Quadratmeter großen Zalando-Standorts ist unklar.Jacob Schröter/dpa

Die weitere Nutzung des 130.000 Quadratmeter großen Zalando-Standorts ist unklar.Jacob Schröter/dpa

© Jacob Schröter/dpa

Auch Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD) sagte: „Ich möchte unterstreichen, dass wir nicht nur von 2.700 Mitarbeitenden sprechen.“ Es müsse etwa an die mit dem Zentrum verbundenen Dienstleister gedacht werden, etwa auch an Fahrer der Buslinie, die die Stadt eigens für die Zalando-Mitarbeiter ins Leben gerufen hatte, sowie an viele weitere und nicht zuletzt an die Familien der Angestellten. 

Was bedeutet das für Erfurt und Thüringen? 

„Natürlich war das gestern ein Schock“, sagte Finanzministerin Katja Wolf (BSW) nach dem Gespräch. Die Aufgabe der Regierung sei jetzt, aus einer extrem schwierigen Situation miteinander das Beste zu machen. Es gehe nicht nur um den Standort Erfurt. „Es geht um ganz Thüringen und die Entscheidung kommt in einer Situation, wo die Thüringer Wirtschaft sowieso vor einer großen Transformationsaufgabe steht und mit schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen hat.“ 

Erfurts OB Horn betonte erneut, dass Zalando der bislang größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber in der Stadt sei. „Es ist für uns weiterhin eine Entscheidung als Landeshauptstadt, die dramatisch ist“, so Horn. Dramatisch sei es zuallererst für die Mitarbeiter, aber auch für den Wirtschaftsstandort und Thüringen. „Und es ist ein schlechtes Signal in den Osten Deutschlands hinein.“

Und was sagt Zalando? 

„Die Entscheidung für die Standortschließung Erfurt ist eine harte, aber eine notwendige aus Unternehmenssicht gewesen“, sagte Zalandos Personalchefin Astrid Arndt in Erfurt nach dem Gespräch. Die wirtschaftliche Realität habe sich in den vergangenen drei Jahren geändert. Die Entscheidung sei nach Gesamtbetrachtung des großen Logistiknetzwerks getroffen worden. Zalando hatte den Online-Modehändlers About You übernommen. Auf die Frage eines Journalisten betonte sie: „Hätten wir geglaubt, dass es noch eine Möglichkeit gibt, den Standort zu retten, hätten wir sicher auch das Gespräch in anderer Form gesucht.“ 

Welche Kritik gibt es noch? 

Der Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag, Christian Schaft, warf der Landesregierung fehlendes Handeln vor. „Die Landesregierung darf nicht ohnmächtig verharren, nach dieser unehrlichen Überrumplungsaktion eines Milliardenkonzerns, der vor keiner existenziellen Bedrohung steht, sondern maximale Profite erwirtschaftet.“ 

Die Beschäftigten bräuchten etwa eine Transfergesellschaft und kein „Trostpflaster mit dem Verweis auf mögliche andere Arbeitsplätze“. „Die Vermittlung in andere Jobs allein ist zu wenig, damit kommt Zalando zu günstig davon und klaut letztlich sogar den Beschäftigten noch die Abfindung“, so Schafts. Er kritisierte zudem, dass weder Gewerkschaft noch der Betriebsrat bei dem Gespräch im Rathaus beteiligt gewesen seien. 

Was passiert mit der Riesen-Immobilie? 

Mit Blick auf die Immobilie des laut Zalando-Website 130.000 Quadratmeter großen Standorts kam bereits die Frage nach der weiteren Nutzung auf. Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU) erklärte nach dem Gespräch im Erfurter Rathaus, dass das Ministerium bereits auf den Immobilieneigentümer zugegangen sei. Es habe bereits erste Kontakte mit Unternehmen gegeben, aber ob es für diese tatsächlich passe, den Standort zu übernehmen, sei längst nicht klar. 

Zalando selbst ist nach Angaben eines Unternehmenssprechers nur Mieter. Der aktuelle Mietvertrag werde entsprechend nicht verlängert. Der Mietvertrag laufe bis ins Jahr 2027. Vermieter sei eine Gesellschaft mit Sitz in Luxemburg.

„Die Entscheidung für die Standortschließung Erfurt ist eine harte, aber eine notwendige aus Unternehmenssicht gewesen“: Zalando-Personalchefin Astrid Arndt (r) beim Pressestatement im Erfurter Rathaus.Martin Schutt/dpa

„Die Entscheidung für die Standortschließung Erfurt ist eine harte, aber eine notwendige aus Unternehmenssicht gewesen“: Zalando-Personalchefin Astrid Arndt (r) beim Pressestatement im Erfurter Rathaus.Martin Schutt/dpa

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