Sozialindex: Mehr Förderung für benachteiligte Kita-Kinder
Zuhause wird kein Deutsch gesprochen und Zuhause liegt in einem armen Stadtteil: Welche Startchancen haben Kinder dort? NRW will mehr Geld investieren. Wo sind die Problemviertel und wer profitiert?
Ein Kita-Sozialindex soll helfen, Benachteiligungen von Kindern aufzubrechen. (Symbolbild)Peter Kneffel/dpa
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Benachteiligte Kinder in Brennpunktstadtteilen sollen künftig in nordrhein-westfälischen Kitas mit zusätzlicher Finanzierung besonders gefördert werden. Dazu werde NRW als erstes deutsches Flächenland mit einem wissenschaftlich entwickelten Kita-Sozialindex arbeiten, kündigte Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) in Düsseldorf an. Bislang nutze nur Bremen einen Kita-Sozialindex.
Der Index wurde von Wissenschaftlern der Ruhr-Universität Bochum entwickelt. Er soll Land und Kommunen helfen, bis auf die Ebene einer einzelnen Kita zu identifizieren, wo hoher Förderbedarf besteht.
Zentrale Kriterien: Armut und Sprache
Alle rund 10.800 Kindertageseinrichtungen, die Mittel aus dem Kinderbildungsgesetz erhalten, wurden auf einer Skala zwischen eins und neun eingestuft. Der Wert berücksichtigt auf Grundlage wissenschaftlicher Berechnungen zwei Kriterien, wie der Bochumer Professor für Sozialwissenschaftliche Datenanalyse, Jörg-Peter Schräpler, erläuterte:
- Kinderarmut im direkten Umfeld der Kita.
- Der Anteil der Kinder, die zu Hause überwiegend eine andere Familiensprache als Deutsch sprechen.
Nordrhein-Westfalens Familienministerin Verena Schäffer (Grüne) will jetzt stärker „Chancen-Kitas“ statt Familienzentren fördern. (Archivbild)Rolf Vennenbernd/dpa
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Bereits zum nächsten Kita-Jahr, also zum 1. August 2027, werde NRW mit rund 150 sogenannten Chancen-Kitas mit zusätzlichen Ressourcen zur Unterstützung von Kindern und ihren Familien starten, sagte Schäffer. „Wir werden diesen Kitas einen zusätzlichen Förderbetrag von 60.000 Euro je Chancen-Kita für Kita-Sozialarbeit zur Verfügung stellen.“ Alle Kitas erhielten weiterhin die übliche Landesförderung in voller Höhe.
Kita-Sozialarbeit unterstütze zum Beispiel Eltern bei Behörden- und Arztbesuchen oder Anträgen auf finanzielle Förderung für das Mittagessen. Weitere konkrete Ansatzpunkte seien etwa: wenn ein Kind unregelmäßig in die Kita komme, im Winter keine Jacke oder keine Gummistiefel habe.
Nicht in jeder Familie ist Geld für Gummistiefel und Matschhosen für die Kita-Kinder übrig. (Archivbild)Christian Charisius/dpa
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„Ich möchte, dass alle Kinder in NRW mit Rückenwind ins Leben starten – unabhängig vom Geldbeutel der Eltern, der Herkunft der Familie oder der Postleitzahl des Wohnorts“, so Schäffer. Für die Chancen-Kitas stünden neun Millionen Euro pro Kita-Jahr bereit. Das Geld werde umgewidmet, weil es einen entsprechenden Puffer bei den Familienzentren geben, wo inzwischen kein weiterer Ausbau mehr nötig sei.
Die Ministerin stellte zentrale Ergebnisse des Kita-Sozialindexes vor:
- Hohe Anteile an Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf (Indexstufen 7 - 9) wurden für 1.343 Kitas festgestellt - das ist etwa jede achte Einrichtung in NRW (rund 13 Prozent).
- Mittlere Werte (Stufen 4 – 6) wurden für 2.922 Kitas (rund 27 Prozent) ermittelt.
- Mit rund 60 Prozent wies der Großteil der NRW-Kitas - konkret 6.380 Einrichtungen - hingegen nur geringe Sozialindex-Werte auf (Stufen 1 - 3).
Starkes Stadt-Land-Gefälle - hoher Förderbedarf im Ruhrgebiet
In ländlichen und kleinstädtischen Regionen gibt es keine Kitas der Stufe 9, sie befinden sich hauptsächlich in Großstädten, wie Schräpler erläuterte. Insgesamt umfasse dieser höchste Indexwert fünf Prozent aller Kitas in NRW. Die höchsten Anteile an Einrichtungen in Stufe 9 weisen demnach Gelsenkirchen, Essen, Duisburg, Oberhausen und Dortmund auf, aber auch Krefeld, Mönchengladbach und Wuppertal.
Im Landesdurchschnitt wird in den Familien jedes vierten Kindes überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Darüber hinaus fanden die Bochumer Wissenschaftler heraus:
- In 1.603 Kitas liegt der Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Familiensprache über 50 Prozent, bei drei Kitas sogar bei 100 Prozent.
- Dagegen haben 467 gar keine Kinder nichtdeutscher Familien.
„Wir sehen die Chancen-Kitas vor in den Indexstufen 8 und 9“, erläuterte Schäffer. „Chancen-Kita soll werden können, wer Familienzentrum und Plus-Kita ist. Und wir haben die größeren Einrichtungen im Blick.“ An konkreten Kriterien und Fördermodalitäten werde noch gearbeitet. Der wissenschaftlichen Analyse zufolge erhalten jetzt bereits knapp 90 Prozent der Kitas in Stufe 9 eine Förderung als Plus-Kita, Sprachförder-Kita oder als Familienzentrum.
Zu wenig für alle
Gewerkschaften und Oppositionsfraktionen begrüßten den Sozialindex grundsätzlich, monierten aber, viel zu viele Einrichtungen mit Förderbedarf fielen „durchs Raster“. Gute frühkindliche Bildung brauche eine bessere Fachkraft-Kind-Relation und damit mehr Zeit für jedes einzelne Kind, kleinere Gruppen und ein verlässliches Angebot für Eltern, unterstrich Verdi.
Wichtig sei außerdem, dass der Sozialindex nicht zu einer Stigmatisierung von Einrichtungen, Kindern, Familien oder ganzen Stadtteilen führe, mahnte Landesbezirksleiterin Anke Unger. Schäffer hatte zuvor bereits betont: „Der Kita-Sozialindex bewertet nicht die Qualität einer Einrichtung.“ Das Engagement in den Einrichtungen sei „ganz unabhängig davon, welche Ziffer eine Einrichtung im Sozialindex hat“.
Nicht jede Kita mit besonderen Herausforderungen kann Chancen-Kita werden. (Symbolbild) Maximilian von Klenze/dpa
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Die SPD-Opposition monierte, bei bloß 150 Chancen-Kitas bleibe die neue Unterstützung für viele Kinder außer Reichweite. „Nach dem vorgesehenen Verteilschlüssel drohen sogar ganze Jugendamtsbezirke leer auszugehen“, monierte der familienpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Dennis Maelzer. Völlig falsch sei es, dafür den Ausbau der Familienzentren zu stoppen. Schäffer sprach dagegen von einer „Sättigung“.
Der Verband Bildung und Erziehung und die FDP forderten die Landesregierung auf, darzulegen, wie sie alle Einrichtungen mit hohem Unterstützungsbedarf erreichen wolle. Laut Schäffer hängt eine Ausweitung des Programms von Haushaltsspielräumen und erhofften, bislang aber ausgebliebenen Bundesmitteln ab.