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Per Quote zum Landarzt: „Mensch ist mehr als Herz und Niere“

Tobias Göbel war Krankenpfleger – dank Landarztquote klappte es dann doch mit dem Medizinstudium. Warum er das Leben auf dem Land der Großstadt vorzieht und was er an seiner Rolle als Hausarzt liebt.

21.05.2026

„Der Mensch ist mehr als Herz und Niere“, sagt Tobias Göbel, einer der ersten Mediziner, der sein Studium per Landarztquote begonnen und nun beendet hat. Lars Berg/dpa

„Der Mensch ist mehr als Herz und Niere“, sagt Tobias Göbel, einer der ersten Mediziner, der sein Studium per Landarztquote begonnen und nun beendet hat. Lars Berg/dpa

© Lars Berg/dpa

Schon als Kind machte er mit seinem Spielzeug-Arztköfferchen kranke Kuscheltiere gesund. Doch dass er wirklich einmal Arzt sein würde, daran habe er als Erwachsener lange nicht mehr geglaubt, sagt Tobias Göbel. 

„Mit meinem Abischnitt wird das mit dem Medizinstudium eh‘ nichts“, dachte er, als er vor 13 Jahren das Gymnasium mit eher durchschnittlichen Noten verließ. Nach jahrelanger Praxis als Krankenpfleger und einem Medizinstudium geht der Traum vom Arzt-Beruf für den 32-Jährigen doch noch in Erfüllung - der Landarztquote sei Dank. 

Tobias Göbel freut sich auf ein Berufsleben in der Landarztpraxis: „Ich bin nicht so der Trubelmensch“.Lars Berg/dpa

Tobias Göbel freut sich auf ein Berufsleben in der Landarztpraxis: „Ich bin nicht so der Trubelmensch“.Lars Berg/dpa

© Lars Berg/dpa

Als einer der ersten Studierenden, die über die 2019 eingeführte Quote an die Hochschulen kamen, lässt sich Göbel zum Hausarzt ausbilden. Als Teil der fünfjährigen Facharzt-Weiterbildung schnuppert er schon jetzt Landpraxisluft - seit Anfang des Jahres arbeitet er in einer großen Gemeinschaftspraxis mit mehreren Standorten im Kreis Minden-Lübbecke, dem Gesundheitszentrum Kutenhausen. 

Sauerland, Ostwestfalen, Eifel? - Egal, Hauptsache Hausarzt

Nachwuchskräfte wie Göbel sollen helfen, den Hausarztmangel in ländlichen Regionen Nordrhein-Westfalens abzumildern. Die Idee: Wer sich verpflichtet, nach dem Abschluss der Facharzt-Weiterbildung zehn Jahre lang in einer unterversorgten Region als Hausarzt zu arbeiten, kann sein Studium auch ohne Spitzenabitur antreten. 

Welche Region dann später als unterversorgtes Gebiet infrage kommt, weiß Göbel jetzt noch nicht. Er hoffe, in Lübbecke bleiben zu können. „Ich würde aber ebenso gut ins Sauerland gehen“, sagt er. Wichtiger als der Standort sei es, im Wunschberuf arbeiten zu können. 

Erste Medizinabsolventen in der Facharzt-Weiterbildung

So wie Göbel scheint es vielen zu gehen: Knapp 5500 Bewerber und Bewerberinnen gab es laut Gesundheitsministerium bisher für das Programm, und damit deutlich mehr als Plätze zur Verfügung stehen. Ausgewählt wird dann nach verschiedenen Kriterien, wobei Abinote und Berufserfahrung in pflegerischen, therapeutischen oder medizinischen Berufen den Weg zum Auswahlgespräch ebnen. 

Dort können sich Bewerber dann in Rollenspielen und Gesprächen mit ihrer sozialen oder kommunikativen Kompetenz durchsetzen. 

Insgesamt konnten über die Quote bis zum laufenden Sommersemester 1188 Landärzte in spe ihr Studium aufnehmen, 45 davon haben es wie Göbel bereits beendet. 

Vom Rand des Ruhrgebiets raus aufs Land

Die Aussicht, dauerhaft in einer ländlichen Region zu leben und zu arbeiten, schreckten den 32-Jährigen nicht ab. Im Gegenteil: Er stammt aus der 29.000-Einwohner-Stadt Waltrop am Rande des Ruhrgebiets und pendelte von dort an die Universität Bochum. 

„Das war mir zu viel Großstadt. Ich mag die Ruhe. Ich bin nicht so der Trubelmensch“, sagt er. Schon für Praxiseinsätze während des Studiums zog es ihn ins beschauliche Städtchen Lübbecke - einer „schönen Wohnung zur bezahlbaren Miete“ wegen, wie er erzählt. 

„Hier“, sagt er und deutet aus dem Fenster der kleinen aber hochmodernen Dorfpraxis in der Ortschaft Stemwede-Levern, „ist man schnell im Grünen. Ich mag das“, sagt er. Der Kreis Minden-Lübbecke im äußersten Nordosten NRWs ist das, was als ländlicher Raum bezeichnet wird: Statistisch gesehen leben hier 2,7 Einwohner pro Hektar. Um einige Städte herum gibt es viele Dörfer und Felder.

Ohne neue Ärzte droht Unterversorgung

Und es gibt wenige Hausärzte für eine vergleichsweise alte und damit potenziell kränkere Bevölkerung: Laut Bundesärzteregister gibt es in der gesamten Region Westfalen-Lippe so wenige Hausärzte pro Einwohner wie nirgends sonst in Deutschland. Weil zudem so viele der Ärzte mit über 60 Jahren auf die Rente zusteuern, ist das Nachwuchsproblem hier besonders dringlich. Auch in einigen Teilen Minden-Lübbeckes droht in den kommenden zehn Jahren eine Unterversorgung. 

In der Region Westfalen-Lippe fehlen im bundesweiten Vergleich besonders viele Hausärzte. (Symbolbild)Lars Berg/dpa

In der Region Westfalen-Lippe fehlen im bundesweiten Vergleich besonders viele Hausärzte. (Symbolbild)Lars Berg/dpa

© Lars Berg/dpa

Auch Göbels Chef und aktueller Ausbilder Michael Kühne hat mit 74 Jahren das Rentenalter eigentlich erreicht, versorgt aber weiter Patienten. Um das strukturelle Nachwuchsproblem der Hausärzteschaft wissend, rührt der Senior-Chef kräftig die Werbetrommel - für den Beruf des Allgemeinmediziners im Allgemeinen und eine Tätigkeit in der von ihm geführten Praxis im Speziellen. 

Seniorchef: Spitzenabi bringt noch keinen guten Mediziner hervor

Die sei aufgrund ihrer Größe attraktiv für werdende Mediziner. Immer wieder schnupperten hier Studierende mit Berufsziel Landarzt Praxisluft, erzählt er. „Die lassen wir dann möglichst nicht mehr vom Haken.“ Neben Göbel gehören aktuell fünf weitere Ärztinnen in Weiterbildung mit zum Team an den verschiedenen Standorten. 

Geht es nach dem Senior-Chef Michael Kühne, würde der Abitur-Durchschnitt bei der Auswahl von Medizinern eine geringere Rolle spielen.Lars Berg/dpa

Geht es nach dem Senior-Chef Michael Kühne, würde der Abitur-Durchschnitt bei der Auswahl von Medizinern eine geringere Rolle spielen.Lars Berg/dpa

© Lars Berg/dpa

„Wenn es alles nach Plan läuft, steht hier mein Nachfolger“, sagt der Allgemeinmediziner Michael Kühne und hält ihm als Siegel auf die inoffizielle Abmachung lachend die Hand zum Faustgruß entgegen. In der Praxis geht es familiär zu - obwohl hier zahlreiche Sprechstundenhilfen, Patienten und Ärztinnen umeinander wuseln. 

Dass der junge Mediziner seinen Weg nicht über ein Spitzenabi in den Beruf gefunden hat, hält Senior-Landarzt Kühne sogar für einen Vorteil: „Die ganzen Oberschlauen, die wissen oft gar nicht, was auf sie zukommt, wenn sie Medizin studieren“, sagt Kühne. Ein Zeugnis voller Einsen allein bringe keinen guten Arzt hervor, „das ist der völlig falsche Ansatz“, es brauche schon Intelligenz und Fleiß. 

Patienten fragen schon jetzt, wann er zurückkehrt

Eigenschaften, die Göbel offenbar mitbringt. In Regelstudienzeit schaffte er sein Studium. Was es heißt, Menschen zu versorgen, erfuhr er in seinem ersten Beruf als Krankenpfleger bereits. Auch den durchgetakteten Alltag in einem Krankenhaus kennt er längst. 

Von der „Durchsatzmedizin“ dort, wie er es nennt, also einer medizinischen Versorgung wie am Fließband, habe er genug: „Der Mensch ist mehr als Herz und Niere. Es gibt immer auch die Person dahinter“, sagt Göbel. 

„Im Studium lernt man eine Leitlinien-gerechte Versorgung“, in der Sprechstunde sei man dann aber plötzlich auch Ansprechpartner und Vertrauensinstanz für viele andere Fragen. „Da geht es dann auch viel um Soziales. Darauf bereitet ein Studium nicht vor“, schildert er. 

Sehr wohl aber die Zeit der Facharzt-Weiterbildung: Neben einem demnächst anstehenden Einsatz in einer Klinik gehören insgesamt 24 Monate in einer hausärztlichen Praxis dazu.„Die Patienten fragen schon jetzt, wann ich wiederkomme. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Göbel.

Im Gesundheitszentrum Kutenhausen, der Praxis von Allgemeinmediziner Michael Kühne, hat er seine Facharzt-Weiterbildung begonnen. Lars Berg/dpa

Im Gesundheitszentrum Kutenhausen, der Praxis von Allgemeinmediziner Michael Kühne, hat er seine Facharzt-Weiterbildung begonnen. Lars Berg/dpa

© Lars Berg/dpa

Die Facharztweiterbildung dauert insgesamt fünf Jahre. Arbeiten muss Göbel dann dort, wo besonders großer Bedarf ist. Lars Berg/dpa

Die Facharztweiterbildung dauert insgesamt fünf Jahre. Arbeiten muss Göbel dann dort, wo besonders großer Bedarf ist. Lars Berg/dpa

© Lars Berg/dpa