Friedman warnt: Jüdisches Leben so gefährdet wie nie
Michel Friedman hat eine pessimistische Prognose für jüdisches Leben in Deutschland. Er stellt die grundsätzliche Frage, wie lange die Demokratie noch Bestand habe.
Michel Friedman sieht das jüdische Leben in Deutschland in Gefahr.Thomas Banneyer/dpa
© Thomas Banneyer/dpa
Jüdisches Leben in Deutschland ist nach Worten des Publizisten Michel Friedman noch nie so gefährdet gewesen wie jetzt. „Noch nie war es so unsicher wie heute“, sagte Friedman in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Auch die Demokratie sieht er in Gefahr: „Sind wir sicher, dass wir auch in fünf Jahren noch in einem demokratischen Land leben?“ Das Gründungsversprechen der Bundesrepublik - „Nie wieder“ - sei gegenüber den Juden gebrochen worden.
Friedman, Sohn einer Familie von Holocaust-Überlebenden, hielt die Laudatio auf die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Mona Neubaur (Grüne). Sie wurde für ihr Engagement gegen Antisemitismus mit der Josef-Neuberger-Medaille der Gemeinde ausgezeichnet.
„Die Zeit spielt gegen uns“
Gewalt gegen Juden und Jüdinnen sei eine alltägliche Realität, die es im Rechtsextremismus, aber auch im Islamismus und neuerdings auch im Linksextremismus gebe, sagte Friedman. Mit Blick auf die Wahlsiege der AfD im Osten, aber auch auf das Erstarken der AfD im Westen Deutschlands sagte er: „Die Zeit spielt gegen uns. Wir sollten aufhören, das als ostdeutsches Problem zu sehen.“ Umso mehr brauche es jetzt Menschen, die offensiv dagegen hielten und Politiker, denen die AfD keine Angst mache, sondern die ihre eigene Politik selbstbewusst verträten.
Neubaur: Größte Gefahr kommt von rechts
Neubaur forderte ein konsequentes Handeln des Rechtsstaats bei Übergriffen und Straftaten gegen Juden. „Wer bedroht oder angegriffen wird, muss sich auf den Staat verlassen können“, sagte die NRW-Wirtschaftsministerin. „Jüdinnen und Juden müssen ihren Glauben und Alltag ohne Angst vor Anfeindungen und Gewalt leben können.“
Mona Neubaur wurde für ihr langjähriges Engagement für jüdisches Leben gewürdigt.Thomas Banneyer/dpa
© Thomas Banneyer/dpa
Neben einer aktiven Erinnerungsarbeit an den Holocaust brauche es auch Orte der Begegnung mit jüdischen Mitbürgern. „Denn Vorurteile werden schwächer, wo wir einander in die Augen schauen.“
An der Sicherheit von Juden lasse sich ablesen, wie es um die Freiheit aller im Land bestellt sei, sagte Neubaur. Die größte Gefahr für die Freiheit gehe von der extremen Rechten aus, sagte die Politikerin mit Blick auf den Wahlsieg der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD in Sachsen-Anhalt. „Auch bei uns in Nordrhein-Westfalen wächst ihr Zuspruch“, warnte Neubaur. Sie sprach sich erneut dafür aus, dass Bund und Länder ein Verbotsverfahren gegen die Partei prüfen sollten.
Preisträger von Merkel bis zu den Toten Hosen
Die Medaille ist nach dem ehemaligen NRW-Justizminister Josef Neuberger (1902-1977) benannt und wird für Engagement gegen Antisemitismus verliehen. Ausgezeichnet wurden bisher unter anderem die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Rockband Die Toten Hosen und der Präsident des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke.