ABC-Klassen ab 2028: Frühförderung ohne Kita-Pflicht in NRW
Sprachtests für alle Vierjährigen, neue ABC-Klassen und hitzige Debatten: Wie NRW Kinder fit für die Schule machen will – und warum eine Kita-Pflicht trotzdem nicht kommt.
NRW-Schulministerin Dorothee Feller will weder eine Kita-Pflicht einführen noch das Einschulungsalter vorziehen. (Archivbild)Christoph Reichwein/dpa
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Die Einführung einer verbindlichen vorschulischen Förderung für alle Kinder mit mangelhaften Sprachkompetenzen in Nordrhein-Westfalen wird keine allgemeine Kita-Pflicht nach sich ziehen. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) stellte klar, dass es gegen eine Kita-Pflicht verfassungsrechtliche Bedenken gebe.
Rechtliche Gutachten des Bundestags seien bereits vor mehreren Jahren zu der Bewertung gekommen, dass eine Kita-Pflicht gegen das Erziehungsrecht der Eltern verstoßen würde, sagte Feller vor Journalisten. Auch die aktuelle Schulpflicht ab dem sechsten Lebensjahr werde nicht vorgezogen, unterstrich die Ministerin.
Ein Drittel der Kinder mit zu wenig Sprachkenntnissen
Zum Schuljahr 2028/29 sollen in NRW die ersten sogenannten ABC-Klassen an den Start gehen. Alle Kinder sollen damit auf ein möglichst vergleichbares Sprachniveau gebracht werden. Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass rund ein Drittel eines Jahrgangs nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügt, um aktiv am Unterricht teilzunehmen.
„Das ist kein reines Migrationsproblem“, betonte Feller. „Es ist ein soziales Problem.“ Der Hamburger Didaktik-Professor Michael Krelle sagte, mangelnde Sprachkenntnisse seien ein „klassisches Problem von Bildungsferne“.
Um solche Defizite künftig rechtzeitig aufzuarbeiten, wird die Schulanmeldung in NRW künftig vom Herbst auf das Frühjahr vorgezogen. Im Frühjahr 2028 sollen erstmals landesweit alle Kinder nach einem einheitlichen Standardverfahren auf ihre Sprachkompetenz getestet werden.
Erste ABC-Klassen starten 2028
Falls sich daraus größerer Förderbedarf ergibt, werden sie ab dem Schuljahr 2028/29 eine ABC-Klasse besuchen. Geplant sind 2 mal 2 Stunden pro Woche. Die Förderung wird ein Jahr lang erteilt für alle mit Bedarf, die ab dem 1. August 2029 schulpflichtig werden. Feller schloss perspektivisch auch eine höhere Stundenzahl nicht aus. Sie könne aber nur das anbieten, wofür es derzeit auch ausreichend Ressourcen gebe.
Feller geht davon aus, dass der Bedarf an ABC-Klassen sehr unterschiedlich im Land verteilt sein wird. Es werde wohl Grundschulen in Gebieten mit einem hohen Sozialindex geben, wo fast 90 Prozent der Kinder zuvor in den ABC-Klassen vorbereitet würden, aber auch Orte, wo es vielleicht gar keine ABC-Klassen oder nur sehr kleine geben werde. Es werde mit rund 50.000 Kindern insgesamt in den ABC-Klassen gerechnet.
In NRW sollen ab 2028/29 die ersten ABC-Klassen an den Start gehen, in denen Kinder vor der Einschulung auf ein möglichst vergleichbares Sprachniveau gebracht werden sollen. (Archivbild) Maximilian von Klenze/dpa
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Kritik von Bildungsverbänden, dass die Sprachförderung in Verantwortung der Schulen und nicht der Kitas liegen werde, wies Feller zurück. Ihr sei es wichtig, dass Kita und Grundschule nicht gegeneinander ausgespielt würden. „Das muss Hand in Hand gehen. Der Übergang von Kita zur Schule muss einfach besser laufen, geräuschloser laufen.“
Die ABC-Klassen können räumlich entweder an öffentlichen Schulen, Kitas oder an anderen geeigneten Orten angedockt werden, je nachdem wo Platz und Bedarf ist. Dies soll laut Feller pragmatisch geregelt werden. Geleitet werden die Klassen von Grundschullehrkräften sowie von sozialpädagogischen Fachkräften.
Kita-Kinder sollen durch den Schulträger zwischen der Einrichtung und dem Ort der ABC-Klasse befördert werden. Feller betonte erneut, dass das Land die Kosten tragen werde.
Wie der Übergang in die Schule gelingt
Wie wichtig vorschulische Förderung ist, erklärte Nicole Pasdag, die Leiterin einer großen Grundschule in Oberhausen ist. Rund 95 Prozent der Kinder nähmen vor der Einschulung am Angebot „Fit für die Schule“ teil. Dafür kämen sie seit März einmal in der Woche morgens für eineinhalb Stunden in die Schule. Dort würden Sprachbildung und mathematische Fähigkeiten ebenso gefördert wie auch das Halten eines Stifts oder das Schneiden mit einer Schere.
„Alle Kinder, die „Fit für die Schule“ besuchen, kommen am ersten Schultag freudig rein“, sagte Pasdaq. „Die kennen die Lehrer, die kennen das Personal, die kennen das Gebäude.“ Die Kinder mit Förderung hätten einen besseren Stand, die Lehrkräfte könnten mit der Förderung ganz anders beginnen, weil sie Kinder schon kennengelernt hätten.
Auch Didaktik-Professor Krelle sagte, je früher man in die Förderung einsteige, umso mehr Chancen hätten die Kinder, ihre Potenziale zu entfalten. Die künftigen ABC-Klassen seien eine zusätzliche Förderung.
Der Landtag wird das Gesetz voraussichtlich Mitte Juli verabschieden. Größeren Korrekturbedarf sieht Feller trotz zahlreicher Kritikpunkte von Experten nicht. „Wir sind schon sehr überzeugt von dem, was wir im Grunde nach vorgestellt haben“, sagte sie. Sie aber auch noch „hier und da“ offen für andere Überlegungen oder Ergänzungen.