Politik Inland

Drohnenalarm in Kiew – Leben zwischen Angst und Alltag

Sirenen, Explosionen, Zerstörung: Wie hat sich der Alltag in Kiew zuletzt verändert? Trotz ständiger Gefahr bleibt das Leben nicht stehen. Die Hauptstadt bangt aber vor einem harten Winter.

28.09.2026

Eine Frau kommt bei dem Treffer auf die Akademie der Wissenschaften ums Leben.Dan Bashakov/AP/dpa

Eine Frau kommt bei dem Treffer auf die Akademie der Wissenschaften ums Leben.Dan Bashakov/AP/dpa

© Dan Bashakov/AP/dpa

Sirenen heulen, Luftalarm in Kiew, schnell der Blick aufs Handy: Gelb oder Rot? Zeigt die Warn-App Rot, dann bedrohen ballistische Raketen oder Drohnenschwärme aus Russland die Hauptstadt der Ukraine – höchste Zeit, einen Schutzraum aufzusuchen! 

Bei Alarmstufe Gelb sind einzelne Drohnen in der Luft. Dann versucht die Millionenstadt am Dnipro ihr Leben weiterzuleben. Betriebe müssen nicht schließen. Aber U-Bahnstationen werden zu Schutzräumen. Schulen brechen den Unterricht ab, die Kinder gehen in Bunker oder sitzen in der Metro. 

 

U-Bahn statt Schule: Bei Luftalarm fällt der Unterricht aus. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

U-Bahn statt Schule: Bei Luftalarm fällt der Unterricht aus. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

© Friedemann Kohler/dpa

Hochgefährlich ist es trotzdem. Am Montagmittag schlägt eine Drohne in das Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften ein. Direkt im Zentrum, Luftlinie 150 Meter von der deutschen Botschaft entfernt. Der historische Bau fängt Feuer. Menschen flüchten vor den Flammen auf die Fenstersimse, warten auf die rettende Feuerwehr. Mindestens eine Frau kommt ums Leben.

Die Ampelregelung mit Rot und Gelb gilt seit Anfang September. Die Hauptstadt soll nicht jedes Mal zum Stillstand kommen, wenn die Alarme sich häufen. Kiew ist seit Beginn der Großinvasion 2022 oft aus der Luft beschossen worden, war aber besser geschützt als Charkiw dicht an der russischen Grenze oder die Hafenstadt Odessa. Doch seit dem Sommer ist die Lage gefährlicher geworden. „Der Feind hat seine Angriffe verstärkt“, sagt Bürgermeister Vitali Klitschko.

Noch keine Abwehr gegen schnelle neue Drohnen

Erstens setzt die russische Armee immer mehr schnelle Kampfdrohnen mit Düsenantrieb ein. Gegen den Drohnentyp Geran-5 hat die ukrainische Flugabwehr noch kein Gegenmittel; bei Munition gegen ballistische Raketen ist sie ohnehin blank. 

Zweitens wird nicht mehr nur nachts angegriffen, die Drohnen fliegen fast den ganzen Tag. Der vergangene Freitag: 10 Mal Alarm, insgesamt fast 9 Stunden lang, mehrere Einschläge und Brände, 7 Tote und 59 Verletzte. Bilanz für Sonntag: mehr als 18 Stunden Alarm, 3 Tote und ein Dutzend Verletzte. „In Kiew ist kein Krieg, das ist Terror und Mord an der Zivilbevölkerung“, sagt ein demobilisierter Armeeoffizier. 

Ein Einkaufszentrum ist bei einem russischen Angriff ausgebrannt. (Archivbild) Friedemann Kohler/dpa

Ein Einkaufszentrum ist bei einem russischen Angriff ausgebrannt. (Archivbild) Friedemann Kohler/dpa

© Friedemann Kohler/dpa

Drittens zielen die Angriffe immer mehr auf Einrichtungen des täglichen Lebens. Zwar attackiert auch die Ukraine in Russland die Lager von Online-Händlern. Doch Russland hat in Kiew Baumärkte, Lebensmittel- und Kühllager, Arzneimittelfabriken, Datenzentren für Telefon und Internet beschossen. Ein Lager für Haustierbedarf wurde zerstört.

Furcht an der Tankstelle: Schnell tanken, dann weg!

Ein neues Ziel sind Tankstellen. „Ich bin nervös“, gesteht ein Tankwart an einer Tankstelle im Stadtteil Obolon. Und er merkt, dass seine Kunden keine Pause mehr einlegen. Tanken, zahlen, schnell weg! Auch bei ihm der Blick aufs Handy: „Wenn Drohnen über Kiew sind, machen wir dicht“, sagt er. Seine Sicht auf die russische Strategie: „Sie wollen uns Angst machen, damit wir auf ihre Bedingungen eingehen.“

Die Schäden an einer Tankstelle sind provisorisch repariert worden. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

Die Schäden an einer Tankstelle sind provisorisch repariert worden. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

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Seine Tankstelle ist noch heil. Kollegen in 200 Metern Entfernung hätten weniger Glück gehabt, erzählt er. „Das waren zwei Shahed“ – so werden die russischen Drohnen aufgrund der Herkunft der ersten Modelle aus dem Iran immer noch genannt. „Eine hat das Ziel verfehlt. Die Zapfsäulen wurden nicht getroffen.“ An jener anderen Tankstelle des Staatskonzerns Ukrnafta ist das Dach beschädigt, Holzplatten ersetzen die Glasscheiben. Doch der Betrieb läuft wieder.

Von Büchern blieben nur verkohlte Reste 

Luftangriffe haben Mitte August auch eine Kiewer Institution ruiniert, den Bücherbasar Petriwka. Viele Tausend Bücher verbrannten. Die Ukrainer verstehen das als Attacke auf ihre Kultur, selbst wenn es dort auch noch russische Bücher zu kaufen gab. Nur die Ladenreihen auf der anderen Straßenseite sind noch geöffnet. „Wir hatten Glück, dass das Feuer nicht übergesprungen ist“, sagt eine Händlerin. Viele Kolleginnen und Kollegen seien ruiniert. „Ich bestelle nicht so viel nach, um das nicht auch zu verlieren.“

Auf dem Bücherbasar Petriwka sind viele Tausend Bücher verbrannt. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

Auf dem Bücherbasar Petriwka sind viele Tausend Bücher verbrannt. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

© Friedemann Kohler/dpa

Probleme mit der Versorgung gibt es in Kiew nicht, höchstens Lücken. Olha Rudenko, Chefredakteurin des Portals „Kyiv Independent“, berichtete, dass sie ein gängiges Medikament in mehreren Apotheken nicht bekommen habe. Wiederholt wurde das Pharmawerk im östlichen Stadtteil Darnyzja beschossen. Das schränkt die Kiewer Möglichkeit ein, Arzneimittel selbst zu produzieren.

Osthälfte der Stadt oft abgeschnitten 

Die Dauergefahr durch Drohnen bringt auch Verkehrschaos und trennt Kiew in zwei Teile. Die Hälfte der drei Millionen Einwohner lebt in Hochhausvierteln auf dem Ostufer des Dnipro, gearbeitet wird zumeist auf dem Westufer. Der Schriftsteller Andrej Kurkow („Picknick auf dem Eis“) schilderte, wie er unlängst weder mit Metro noch mit Bus oder Auto über die Brücken von Ost nach West kam. Während er wartete, sei 100 Meter entfernt eine Drohne eingeschlagen, schrieb er in der „Kyiv Post“. Immerhin darf nun eine von zwei U-Bahnlinien auch bei gelbem Alarm über den Dnipro fahren.

Bei aller Gefahr: Es gibt noch die schönen Momente in der großen Stadt – ein letzter Sonnentag am Fluss, ein gemütlicher Bummel, ein Besuch im Restaurant. Viele Menschen versuchen, solche Gelegenheiten zu nutzen. „Man kann seine Tage nicht im Schutzraum verbringen, man käme jetzt gar nicht mehr raus“, schreibt der Journalist Illja Ponomarenko auf X. „Das Leben in Kiew geht weiter ungeachtet dessen, was Russland will.“

In Kiew gibt es trotz der Gefahr auch Momente der Entspannung. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

In Kiew gibt es trotz der Gefahr auch Momente der Entspannung. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

© Friedemann Kohler/dpa

Wie schlimm wird der kommende Winter?

Trotzdem geht in diesen Septembertagen die Furcht vor einem noch schlimmeren Winter um. Im vergangenen Januar zerschoss Russland die Kiewer Energieversorgung. Hunderttausende Menschen saßen wochenlang bei strengem Frost fast im Dunkeln und froren. Die Stadtverwaltung meldet, das Heizsystem sei bereit. Kleine dezentrale Kraftwerke seien gebaut worden.

Was aber, wenn diesmal noch mehr zusammenkommt: Treffer auf Kraft- und Umspannwerke, kaum Möglichkeiten der Abwehr, dazu Probleme bei Benzin, Wasser, Lebensmitteln, Medikamenten? Vor einem „verheerenden Kriegswinter“ für die Zivilbevölkerung warnen Hilfswerke wie die deutsche Diakonie. 

„Ich mag gar nicht darüber nachdenken“, sagt eine zweite Händlerin auf dem Bücherbasar Petriwka. Zuversicht gibt ihr nur, dass sie und ihre ukrainischen Landsleute an Härten gewöhnt seien und improvisieren könnten. „Hier ist es eigentlich noch nie gut gewesen.“ Aufgeben will sie nicht, sehnt sich aber nach einem Ende des Krieges: „Es wäre gut, wenn die da oben sich schnell etwas einfallen lassen.“

Nur noch wenige Buden auf dem Buchbasar haben geöffnet. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

Nur noch wenige Buden auf dem Buchbasar haben geöffnet. (Archivbild)Friedemann Kohler/dpa

© Friedemann Kohler/dpa