Politik Inland

Beratungen in NRW verzeichnen Höchststand bei rechter Gewalt

Rechte Gewalt trifft nach Beobachtung unabhängiger Beratungsstellen immer mehr Kinder und Jugendliche in NRW – selbst Schulwege werden zu Angsträumen.

21.07.2026

Rassismus ist das nach Angaben der Beratungsstellen das häufigste Tatmotiv. (Archivbild)Roberto Pfeil/dpa

Rassismus ist das nach Angaben der Beratungsstellen das häufigste Tatmotiv. (Archivbild)Roberto Pfeil/dpa

© Roberto Pfeil/dpa

Unabhängige Opferberatungsstellen verzeichnen einen neuen Höchststand bei rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Nordrhein-Westfalen. Im vergangenen Jahr seien mindestens 724 Menschen bei 623 dokumentierten und verifizierten Angriffen Opfer rechter Gewalt geworden, teilten die Fachstellen Opferberatung Rheinland (OBR/Düsseldorf) und BackUp NRW (Dortmund) mit. Die Zahl der Fälle habe sich um 18,4 Prozent gegenüber 2024 erhöht.

Die Beratungsstellen beklagen eine zunehmende Enthemmung von Gewalt und ein gesellschaftliches Klima, in dem menschenfeindliche Einstellungen sichtbarer würden und Täter sich zunehmend in ihrem Handeln bestärkt fühlten. 

Körperverletzungsdelikte hatten laut Jahresstatistik einen Anteil von 50,7 Prozent an den dokumentierten Taten, Nötigungen und Bedrohungen machten etwa 45 Prozent aus. Bei den restlichen Fällen handelte es sich den Angaben zufolge unter anderem um Fälle von Brandstiftung, Sachbeschädigung, Freiheitsberaubung oder auch Landfriedensbruch. 

Häufigstes Tatmotiv bleibt Rassismus

Auffällig sei, dass sich die Zahl rechter Angriffe auf politische Gegner mit 181 Taten im Jahr 2025 nahezu verdoppelt habe. Rassistische Gewalt bleibe mit 313 dokumentierten Fällen die häufigste Tatmotivation. Darüberhinaus erfassten die Beratungsstellen 57 antisemitische und 54 queerfeindliche Gewalttaten. 

Der Angriff eines Mannes auf Teilnehmer des ersten Christopher Street Days in Soest 2025 stehe beispielhaft für die Entwicklung, sagte Sabrina Hosono von der Opferberatung Rheinland. „Menschen werden dort angegriffen, wo sie ihre Identität selbstbewusst öffentlich leben.“

Gewalt auch gegen Kinder

Rechte Angriffe richten sich auch gegen Kinder und Jugendliche. Mindestens 50 Minderjährige waren dem Bericht zufolge 2025 von zumeist rassistisch motivierten Taten betroffen gewesen. Die Taten umfassten überwiegend einfache und gefährliche Körperverletzungen sowie Bedrohungen und Nötigungen. 

Das zeige, wie selbstverständlich Gewalt inzwischen in alltägliche Lebensräume eindringe, sagte Hosono. „Sie geschieht nicht am Rand der Gesellschaft, sondern dort, wo Kinder aufwachsen: auf dem Schulweg, in der Schule, im Wohnumfeld oder im öffentlichen Raum.“

Viele Betroffene lebten noch lange nach dem Angriff mit den Folgen, Sie berichteten von Angstzuständen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen oder einem dauerhaft erschütterten Sicherheitsgefühl. „Viele erleben, dass Orte, die vorher selbstverständlich waren, der Weg zur Arbeit, die Schule der Kinder, der Bahnhof oder das eigene Wohnumfeld, plötzlich mit Angst verbunden sind.“ 

Sorge um Finanzierung 

Beide Beratungsstellen erheben seit 2017 gemeinsam Daten über rechte Gewalttaten in NRW. Finanziert werden sie durch das Bundesprogramm „Demokratie leben“, das NRW-Gleichstellungsministerium sowie durch die Landeszentrale für politische Bildung.

Angesichts des von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) geplanten Umbaus des Programms „Demokratie leben“ befürchten die NRW-Beratungsstellen allerdings gravierende Einschnitte. Die geplanten Kürzungen verunsicherten Mitarbeiter und gefährdeten etablierte Strukturen, hieß es.