Panorama

Wiederbelebung rettet Leben - Rekordversuch in Bielefeld

Sieben Tage nonstop Reanimation: In Bielefeld startet ein Weltrekordversuch, um auf die Bedeutung schneller Hilfe bei Herzstillstand aufmerksam zu machen. Vor allem Schulklassen sollen mitmachen.

20.09.2026

An speziellen Puppen kann man die lebensrettende Herzdruckmassage üben. (Archivbild)Bernd Thissen/dpa

An speziellen Puppen kann man die lebensrettende Herzdruckmassage üben. (Archivbild)Bernd Thissen/dpa

© Bernd Thissen/dpa

Sieben Tage und sieben Nächte Wiederbelebung ohne Pause: Während der landesweiten Woche der Wiederbelebung will sich das Franziskus Hospital in Bielefeld einen Weltrekord holen. Eine ganze Woche lang sollen Schulklassen, Vereine, Bürger und medizinische Teams eine Reanimationspuppe nonstop wiederbeleben. Mit der Aktion will die Klinik auf die Bedeutung einer schnellen Wiederbelebung durch medizinische Laien hinweisen.

In ganz Nordrhein-Westfalen finden in den kommenden Tagen Aktionen rund um das Thema statt. Mit der Aktionswoche wollen Mediziner und Politiker Menschen die Angst davor nehmen, im Notfall sofort mit einer Herzdruckmassage zu beginnen. Denn jede Minute ohne Wiederbelebung senkt die Überlebenschancen der betroffenen Patienten deutlich.

Wüst: „Jeder kann zum Lebensretter werden“

„Im Notfall zählt jede Sekunde - und jeder kann zum Lebensretter werden“, betonte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). „Entscheidend ist, zu wissen, was zu tun ist - und den Mut zu haben, zu handeln.“ Deshalb sei es so wichtig, dass möglichst viele Menschen um die Bedeutung einer schnellen Wiederbelebung wissen.

„Genau deshalb lernen Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen seit diesem Schuljahr verpflichtend in der Schule, wie sie im medizinischen Notfall richtig handeln und Leben retten können. Solche Kompetenzen weiterzugeben, ist Teil unseres Bildungs- und Erziehungsauftrags“, betonte Wüst.

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand muss so früh wie möglich mit der Reanimation begonnen werden, um Leben zu retten. (Archivbild)Soeren Stache/dpa

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand muss so früh wie möglich mit der Reanimation begonnen werden, um Leben zu retten. (Archivbild)Soeren Stache/dpa

© Soeren Stache/dpa

Wiederbelebung wird Pflichtthema in den Schulen

Seit diesem Schuljahr ist Wiederbelebung ein verpflichtender Inhalt des Unterrichts an den Schulen in NRW. Das Thema ist mit einem Umfang von 90 Minuten in den Klassen sieben bis neun vorgesehen. Alle Schüler sollen mit dem lebensrettenden Schema „Prüfen - Rufen - Drücken“ vertraut gemacht werden. „Unser Konzept soll dafür sorgen, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler künftig wissen, was in lebensbedrohlichen Situationen zu tun ist“, sagte NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU).

Aktionen zur Wiederbelebung in ganz NRW

Im Rahmen der Woche finden überall in Nordrhein-Westfalen Wiederbelebungs-Aktionen statt. In Detmold geht die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin mit Übungspuppen auf den Wochenmarkt. In Eschweiler veranstaltet das St.-Antonius-Hospital eine Übung auf einem Wanderparkplatz - und will dort vor allem Wanderer, Jogger und Spaziergänger erreichen. In Solingen gibt es Aktionen mitten in einem Shoppingcenter.

Ein Fokus der Aktionswoche liegt auf dem Weltrekordversuch in Bielefeld. Damit die Reanimation dort 168 Stunden ohne Unterbrechung durchgeführt werden kann, sucht die Klinik weiterhin Helfer. „Im Notfall zählt jede Sekunde. Deshalb müssen wir alle befähigt sein, ohne Hemmschwelle einfache lebensrettende Handgriffe anzuwenden - noch bevor der Rettungsdienst eintrifft“, betont Chefarzt Niels Rahe-Meyer, der Initiator des Weltrekordversuchs.

Während tagsüber vor allem Schulklassen die Reanimation übernehmen sollen, sind nachts auch Teams von Kliniken, Rettungsdiensten und Hilfsorganisationen im Einsatz. Auch einige Prominente haben angekündigt, sich zu beteiligen, etwa Schulministerin Feller.

Der aktuelle Weltrekord wurde laut dem Rekord-Institut für Deutschland übrigens erst vor zwei Wochen aufgestellt: In Schwerin haben sich daran mehr als 870 Menschen beteiligt und gemeinsam 128 Stunden lang nonstop eine Herzdruckmassage an einer Puppe ausgeführt.

Nur zwei Wochen ist der aktuelle Wiederbelebungs-Weltrekord alt: Mehr als 870 Menschen haben sich in Schwerin daran beteiligt und anschließend gefeiert. (Archivbild)Jens Büttner/dpa

Nur zwei Wochen ist der aktuelle Wiederbelebungs-Weltrekord alt: Mehr als 870 Menschen haben sich in Schwerin daran beteiligt und anschließend gefeiert. (Archivbild)Jens Büttner/dpa

© Jens Büttner/dpa

Warten auf den Rettungsdienst ist oft das Todesurteil

Bis zu 140.000 Menschen in Deutschland erleiden Experten zufolge jedes Jahr außerhalb eines Krankenhauses einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Viele können gerettet werden, wenn Angehörige, Freunde oder Kollegen richtig und vor allem sofort reagieren. Doch bislang überlebt nur gut jeder Zehnte.

„Wenn Sie bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand auf den Rettungsdienst warten, ist das fast immer das Todesurteil für den betroffenen Patienten“, betonte Bernd Böttiger, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Rats für Wiederbelebung und Professor für Intensivmedizin an der Uniklinik Köln. Bleibt das Herz stehen, werde ein Mensch nach wenigen Sekunden bewusstlos. Nach drei bis fünf Minuten fange das Gehirn an, unwiederbringlich abzusterben. Der Rettungsdienst sei aber oft erst später da. Deshalb sei es so wichtig, dass Laien in der Zwischenzeit helfen.

„Stayin‘ Alive“ als Taktgeber

Bricht ein Mensch leblos zusammen, gilt daher der Grundsatz: Prüfen. Rufen. Drücken. „Wenn jemand umfällt, gehen Sie hin, gucken, schütteln ihn und sprechen ihn laut an“, erläutert Böttiger. Nach dem Prüfen folgt der zweite Schritt: „Wenn der nicht reagiert, dann sofort die 112 anrufen - also Rufen.“ Am besten schalte man dafür das Telefon auf Lautsprecher, damit man die weiteren Anweisungen des Rettungsdienstes hören könne. 

Nach dem Notruf folgt die Herzdruckmassage. Mit beiden Handballen auf der Mitte des Brustkorbes wird der Oberkörper fünf bis sechs Zentimeter tief eingedrückt. Und zwar zweimal pro Sekunde - das ist zum Beispiel der Rhythmus der Lieder „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees oder „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer.