Panorama

Warum immer mehr Menschen ihre Scheidung zelebrieren

Vom Wellnesstag bis zum Brautkleid-Zerschneiden: Scheidungspartys bieten individuelle Rituale für den Neuanfang. Was steckt hinter dem Trend?

02.04.2026

Die Scheidungsparty mit Freunden kann ein Ritual sein, um den Übergang zwischen zwei Lebensabschnitten zu zelebrieren.picture alliance / Westend61

Die Scheidungsparty mit Freunden kann ein Ritual sein, um den Übergang zwischen zwei Lebensabschnitten zu zelebrieren.picture alliance / Westend61

© picture alliance / Westend61

Nicht nur in Berlin feiern frisch Geschiedene neuerdings Scheidungspartys. Ob Wellness oder Striptease - die modernen Rituale zelebrieren Abschied und Neuanfang gleichermaßen. Warum solche Partys psychologisch wirken und was sie über Beziehungen, Hoffnung und Loslassen verraten.

Am Anfang stand die eigene Scheidungsparty, die Nadine Schafhausen 2011 für sich organisierte und dabei eine Marktlücke entdeckte. Damals gab es für sie einen Stripper, Torte und eine große Party mit Buffet. Sie ließ sich schminken und die Haare frisieren. „Danach habe ich mich wieder als Frau gefühlt“, sagt Schafhausen.

Die Kundinnen und Kunden des „Scheidungsengels“ wie Schafhausen sich nennt, kommen aus Berlin und Umgebung. Noch ist die Konkurrenz Schafhausen zufolge nicht groß. In ihrem vorherigen Leben war sie Hochzeitsplanerin. „Das ist gar kein so großer Unterschied, ob man eine Hochzeit oder eine Scheidungsparty organisiert“, sagt sie heute.

Von Wellnesstag bis Auto zertrümmern

Wer weiß, wie die Party aussehen soll, kann sie komplett individuell planen und gestalten. Schafhausen bietet aber auch Pakete wie „Auto zertrümmern“ oder den Besuch einer Tabledance-Bar an, falls man keine eigenen Ideen hat. Das kleinste Paket kostet je nach Personenanzahl 500 Euro und beinhaltet einen Wellnesstag mit Sauna, Kosmetik und Massage.

„Wir entwickeln gemeinsam Ideen“, sagt Schafhausen, „die Kundin muss sich aber darüber im Klaren sein, dass das nicht nur 100 Euro kostet.“

Übergangsrituale zelebrieren

Aus psychologischer Sicht begrüßt Valeska Riedel eine solche Party und sieht sie als eine Art Ritual. Dieses liegt genau an einem Übergang zwischen den Lebensabschnitten verheiratet und geschieden sein, wieder als Single leben oder neu verpaart sein. 

„Weltweit begehen Menschen ihre Lebensübergänge mit Ritualen“, sagt Riedel, Inhaberin einer Praxis für Familien- und Paartherapie. Taufen, Hochzeiten, Kommunion, Konfirmation und Beerdigungen werden in Rituale eingebettet. Häufig sind Zeugen dabei, um das Ereignis zu bekräftigen oder wirkungsvoller zu machen. So gesehen ist auch ein Fotoshooting eine Art Zeugenschaft, man kann es festhalten und sich daran erinnern.

Das Alte und das Neue ist gleich wichtig

Wie wäre es zum Beispiel damit, das Brautkleid zu zerschneiden? Das ist derzeit das beliebteste Paket bei Nadine Schafhausen, inklusive Make-up und Fotoshooting. Hat die Kundin kein eigenes Brautkleid mehr, besorgt der „Scheidungsengel“ eines als Symbol.

„Das Brautkleid zu zerschneiden, ist ein sehr wuchtiges, destruktives und rückwärtsgewandtes Ritual“, sagt Valeska Riedel. Es vor den Augen von Freundinnen zu zerschneiden, die anfeuern oder Taschentücher reichen, könne durchaus bestärkend und ermutigend wirken. Schließlich darf dabei gelacht und geweint werden.

Damit die Scheidungsparty als Ritual wirkt, sei ein wichtiges Element der Abschied – selbst bei einer großen, freudigen Party, sagt Riedel. Ein Übergangsritual enthalte immer Elemente des Alten und des Neuen. „Wichtig ist die Akzeptanz, dass das Alte unwiederbringlich vorbei ist, gleichzeitig sollte man das Neue willkommen heißen.“ Derartige Partys seien wenig hilfreich, wenn sie sich nur auf das Neue ausrichten.

Männer brauchen eher keine Party für den Übergang

Riedel empfindet es als „wunderbar, wenn man individuell entscheiden darf, wie man so einen Übergang begeht.“ Die einen gehen den Jakobsweg oder machen ein Retreat (dt. „Auszeit“) mit Aktivitäten wie Meditation, Yoga und Wellness, andere vergraben sich zu Hause oder feiern eben eine große Party.

Nadine Schafhausens Kundinnen sind überwiegend Frauen. „Männer schließen damit schneller ab und brauchen keine Party“, sagt die Scheidungsparty-Expertin. 

Familientherapeutin Valeska Riedel sieht darin eher alte Spuren des letzten Jahrhunderts, die in den heutigen Ehen und Liebesbeziehungen noch nachwirken. „Frauen stecken immer noch mehr zurück, das kann bei Ende der Ehe nicht mehr ausgeglichen werden.“ Was in guten Zeiten der Ehe von Herzen gerne gegeben wurde, wird durch eine endgültige Trennung zum schmerzhaften Verlust. Diesen Schmerz dann in Form einer Feier herauszulassen, könnte also eher weibliche Bedürfnisse ansprechen. 

„Männer machen das eher mit sich aus, sie gehen vielleicht mit Freunden etwas trinken und dann muss es abgeschlossen sein“, sagt Riedel.

Das Ende einer Hoffnung

Natürlich sei eine solche Party nur ein möglicher Weg der Bewältigung, sagt die Nürnberger Familientherapeutin. Viele setzen sich am Scheidungstag mit Freunden oder Familie zusammen. „Die Gesellschaft anderer Menschen zu suchen, ist zu empfehlen wegen der Zeugenschaft.“ 

Am besten mache man sich vorher Gedanken, wen man an seiner Seite wolle. „Eine Scheidung, selbst wenn sie gefeiert wird, ist und bleibt das Ende einer Hoffnung und ist so gesehen auch ein Anlass für Trauer und Tränen“, sagt Riedel. „Da waren Erwartungen, die enttäuscht wurden.“ Werde all das ignoriert, komme es später verstärkt wieder wie eine verschleppte Grippe.