Panorama

Vampir in Teilzeit: „The Blood of Dawnwalker“

Blut, Entscheidungen und ein gnadenloser Countdown: In diesem dunklen Rollenspiel führen viele Wege zum Ziel - doch Zeit ist ein kostbares Gut.

18.09.2026

Coen kämpft in „The Blood of Dawnwalker“ gegen die Uhr - tagsüber als Mensch, nachts als Vampir.Bandai Namco/dpa-tmn

Coen kämpft in „The Blood of Dawnwalker“ gegen die Uhr - tagsüber als Mensch, nachts als Vampir.Bandai Namco/dpa-tmn

© Bandai Namco/dpa-tmn

Karpaten, 14. Jahrhundert: Im Sangora-Tal haben Krieg, Pest und Tyrannen schlimm gewütet. Doch damit nicht genug. Die Menschen dort müssen im düsteren Action-Rollenspiel „The Blood of Dawnwalker“ noch eine weitere Plage erleiden: Vampire.

Protagonist der Story ist Coen. Als Arbeiter in einer Mine hat er viel Silber aufgenommen und leidet unter Argyrie, einer irreversiblen, graubläulichen Verfärbung der Haut. Er lebt mit seinem Vater Pieter, seiner kranken Mutter Esme, seiner Schwester Lunka und seinem Schwager Lazar im Ort Laslea.

Blut als Steuer, Schwache und Kranke als Opfer

Das Tal regiert Knyaz Brencis von Burg Greifberg aus - ein Vampir. Er erlässt den Menschen die üblichen Steuern und Abgaben, verlangt dafür aber während der monatlichen Messe Blut von jedem einzelnen, Schwache und Kranke werden als Opfer getötet. Die Menschen leben in Angst und Schrecken.

Als Coen sich weigert, sein Blut zu geben, versuchen Brencis und seine Leute, ihn mit Gewalt zu einem der ihren zu machen. Wärend Brencis denkt, dass Coen als Vampir gestorben ist, erwacht dieser tatsächlich als Dawnwalker, zu Deutsch Dämmerblut. Das ist jemand, der Mensch und Vampir zugleich ist - tagsüber Mensch und nachts Vampir. Coens Familie wird derweil von Brencis in seine Burg verschleppt, wo sie in 30 Tagen geopfert werden soll.

Wenn die Uhr tickt - und endlich die Nacht hereinbricht

Die verstreichende Frist ist das Herz des Spiels und vom polnischen Entwicklerstudio Rebel Wolves in ihrem Game-Debüt wirklich clever konzipiert. Der Countdown läuft aber nicht in Echtzeit ab. Zeit vergeht nur, wenn man Quests abschließt, Ziele erreicht oder zwischen Tag und Nacht wechselt. Aktivitäten sind außerdem mit einem Sanduhr-Symbol ausgezeichnet, das quasi den Zeitpreis anzeigt, damit man vorher weiß, worauf man sich einlässt.

Tag und Nacht sind zwei getrennte Spiele, die sich einen Speicherstand teilen. Tagsüber ist die Ausdauer schneller weg, als einem lieb ist. Dabei ist Coens Schwertkampf nie vom Rollenspiel-Teil abgetrennt. Nachts kippt das Spiel ins Übernatürliche: Coens Sinne schärfen sich. Der Teilzeit-Vampir kann den Flügelschlag eines Insekts im dunklen Raum hören, draußen aus weiter Entfernung einen Herzschlag wahrnehmen oder Orte erreichen und betreten, die tagsüber unerreichbar bleiben.

Große Versuchung, große Stärke - bevor die Kräfte schwinden

Eine weitere Herausforderung: Coen braucht Blut. Und man muss ganz allein entscheiden, wie weit er geht. Ob er dafür Menschen tötet, bewusstlos zurücklässt oder sich lieber an Tiere hält. Die Versuchung ist jedenfalls groß. Denn die Kräfte bleiben nur - oder werden sogar stärker - wenn man Blut trinkt.

Auf der Karte ist die ganze Tal-Region von Beginn an sichtbar. Allerdings ist sie nicht wie eine Checkliste gestaltet. Wer eine Gegend betritt, erfährt vielleicht, dass dort etwas vor sich geht, aber nichts Genaueres. Den Rest muss man selbst kombinieren, indem man Hinweisen und Tratsch nachgeht oder Särge, Lager, Nester, Spukorte oder Krypten in Augenschein nimmt - bis sich alles zu einem Bild zusammensetzt.

Geschichte fächert sich auf - viele Enden möglich

Svartrau ist die einzige richtige Stadt, umgeben von kleineren Siedlungen, Wäldern, Sümpfen und Bergen. Ein Pferd hat Coen nicht. Das erscheint zunächst wie ein Patzer - bis die für Vampire übliche, nächtliche Fortbewegungsart erklärt, warum.

Wer sich weit genug in Brencis‘ Hofstaat vorarbeitet, merkt, wie die Geschichte sich auffächert. Es gibt nicht das eine Ende, sondern mehrere. Einige sind triumphal, andere still. Und manche münden schlicht darin, dass die dreißig Tage ablaufen, während Coen damit beschäftigt war, Fremden zu helfen.

Ist die Frist verstrichen, wird gnadenlos Bilanz gezogen

Auf welches Ende man zustrebt, entscheidet sich lange vor dem letzten Kampf: Es kommt darauf an, wie man seine Tage zugebracht hat, wen man als Verbündete gewinnen konnte und wen man vielleicht irgendwo in einem Dorf zurückgelassen hat. Ist die 30-Tage-Frist verstrichen, hat man es mit einem echten, harten Ende zu tun - und nicht etwa mit einem Ladebildschirm. Der Epilog zieht gnadenlos Bilanz, Person für Person.

Geheimtipp: Brencis lässt sich schon im Prolog bekämpfen - und besiegen. Das ist ein brutales Unterfangen, die meisten werden dort immer wieder sterben, aber man sollte es mindestens einmal versuchen. Allein schon, um herauszufinden, was passiert, wenn man so früh gewinnt.

Fazit: Mutige Idee, konsequent umgesetzt

„The Blood of Dawnwalker“ steht zu seinen Ideen, was bei Open-World-Rollenspielen in diesen Tagen ziemlich selten geworden ist. Diese Konsequenz ist eine Stärke und gelegentlich auch ein Nachteil. Man hat hier wirklich die Wahl, was man tut. Die falsche Antwort im Dialog endet nicht zwangsläufig in einer Katastrophe, dafür bedeutet sie manchmal, dass drei Tage für etwas anderes draufgehen.

Etwas zäh wird es, wenn die Angst vor verlorener Zeit dazu führt, dass man die sorgfältig gebaute Welt links liegen lässt und zu sehr darauf setzt, schnell durchzukommen. Denn all die Nebenfiguren - gerade jene, an denen man beinahe vorbeigelaufen wäre - sind interessant genug, dass es einem leidtut, wie wenig Beachtung man ihnen in einem Durchgang schenken kann.

Am Ende gibt es keinen perfekten Weg durch dieses Spiel, und genau das macht es besonders: Ein guter Durchgang ist nicht der, in dem Coen alle rettet, sondern der, in dem man entscheidet, wer er wird - und wie viel er dafür bereit ist zu geben.

„The Blood of Dawnwalker“ ist für Playstation 5, Xbox Series X/S und PC erhältlich. Der Preis liegt bei rund 60 Euro, das Spiel hat keine Jugendfreigabe (USK ab 18 Jahren).

Die Menschen in Coens Heimatort Laslea leben in Angst und Schrecken - kein Wunder, denn sie werden monatlich zur Ader gelassen.Bandai Namco/dpa-tmn

Die Menschen in Coens Heimatort Laslea leben in Angst und Schrecken - kein Wunder, denn sie werden monatlich zur Ader gelassen.Bandai Namco/dpa-tmn

© Bandai Namco/dpa-tmn

Burg Greifberg bei Vollmond: Dorthin hat der gnadenlose Vampir Knyaz Brencis Coens Familie verschleppt.Bandai Namco/dpa-tmn

Burg Greifberg bei Vollmond: Dorthin hat der gnadenlose Vampir Knyaz Brencis Coens Familie verschleppt.Bandai Namco/dpa-tmn

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Tagsüber sieht die Karpaten-Burg gar nicht so gruselig aus. Aber niemand sollte sich in falscher Sicherheit wiegen: Dort werden Menschen geopfert.Bandai Namco/dpa-tmn

Tagsüber sieht die Karpaten-Burg gar nicht so gruselig aus. Aber niemand sollte sich in falscher Sicherheit wiegen: Dort werden Menschen geopfert.Bandai Namco/dpa-tmn

© Bandai Namco/dpa-tmn

Allzu viel Ausrüstung gibt es nicht: Am Tag vertraut Coen vor allem aufs Schwert. Nachts setzt er auf seine übernatürlichen Kräfte als Vampir.Bandai Namco/dpa-tmn

Allzu viel Ausrüstung gibt es nicht: Am Tag vertraut Coen vor allem aufs Schwert. Nachts setzt er auf seine übernatürlichen Kräfte als Vampir.Bandai Namco/dpa-tmn

© Bandai Namco/dpa-tmn

Bosskampf gegen eine Bojarin: Die mächtige Vampirin Xanthe zu besiegen, ist eine schwierige wie unheimliche Sache.Bandai Namco/dpa-tmn

Bosskampf gegen eine Bojarin: Die mächtige Vampirin Xanthe zu besiegen, ist eine schwierige wie unheimliche Sache.Bandai Namco/dpa-tmn

© Bandai Namco/dpa-tmn