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Schadet es Enkeln, wenn Großeltern auf Elternregeln pfeifen?

Geheime Deals, Cola und Krimis am Abend: Was passiert, wenn Großeltern eigene Regeln aufstellen und Eltern nervös werden – und warum das ein Erziehungsberater gar nicht schlimm findet.

30.09.2026

Bei Oma gibt’s keine maximale Bildschirmzeit? Was für die Enkel wie das Paradies wirkt, könnte Eltern Sorge bereiten. picture alliance / dpa-tmn

Bei Oma gibt’s keine maximale Bildschirmzeit? Was für die Enkel wie das Paradies wirkt, könnte Eltern Sorge bereiten. picture alliance / dpa-tmn

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Wenn Oma und Opa zur Betreuung der Enkel einspringen, entlastet das die Eltern. Doch bei der Übergabe samt Kuscheltier, Wechselwäsche und Lieblingssaft kommt bei Müttern und Vätern oft auch leichte Panik auf. 

Aus Angst, die Großeltern könnten den Kindern das „falsche“ Essen und Trinken geben, liefern sie gern noch eine Gebrauchsanweisung mit - à la „Gib dem Kind nicht wieder Cola“ oder „Achte darauf, dass Opa nicht so lange fernsieht, damit das Kind nicht den abendlichen Krimi mitansieht“.

Nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern erziehen?

Für Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge ist das ein Zeichen, dass manche Eltern spätestens mit der Geburt des eigenen Kindes ihre eigenen Eltern erziehen wollen. „Da vertrauen Eltern Oma und Opa einen der wichtigsten Menschen aus dem eigenen Leben an und gleichzeitig trauen sie ihnen offenbar nicht zu, selbst zu entscheiden, ob es ein Glas Cola gibt oder wann der Fernseher ausgeschaltet wird“, sagt der Buchautor von „Dann zieh‘ ich eben zu Oma und Opa!: Warum Kinder ihre Großeltern brauchen“.

Für Rogge gibt es gute Gründe, über bestimmte Dinge zu sprechen, etwa wenn ein Kind eine Allergie hat, Medikamente braucht oder etwas wirklich Wichtiges zu beachten ist. „Dann müssten Großeltern das natürlich wissen. Doch darum geht es meistens gar nicht“, so der Erziehungsexperte. Stattdessen ginge es um die vielen kleinen Dinge des Alltags: Süßigkeiten, Medien, Schlafenszeiten und die Frage, ob nach dem Abendessen wirklich noch ein Eis sein muss.

„Natürlich kann das Eltern ärgern, wenn sie sich zu Hause um Regeln bemühen, Diskussionen aushalten und bei Oma plötzlich alles ganz einfach scheint“, sagt Rogge und übersetzt das Gefühl, das dann schnell aufkommt: Nehmen meine eigenen Eltern eigentlich ernst, was mir in der Erziehung wichtig ist?

Regelchaos? Kinder wissen trotzdem, was zu Hause gilt! 

Wenn sich Väter und Mütter dann auch noch fragen, ob die unterschiedlichen Regeln den Kindern schaden könnten, beruhigt der Erziehungsberater, denn in dem scheinbaren Regeldurcheinander geschehe meist etwas Wunderbares: „Kinder wissen, was zu Hause gilt, sie wissen ebenso, was bei den Großeltern möglich ist. Und vermutlich wissen sie sogar ziemlich genau, bei wem man mit welchem Wunsch die besseren Chancen hat“, sagt Rogge.

Und genau das dürften sie aus seiner Sicht auch: „Denn Großeltern müssen keine Eltern zweiter Klasse sein. Sie dürfen Großeltern sein.“ Sie seien der unmittelbaren Verantwortung des täglichen Erziehens ein Stück weit enthoben. „Denn die Beziehung zu Oma und Opa ist eine andere als die zu den Eltern. Sie ist getragen von Geduld und Gelassenheit. Sie stellt eine Intimität auf Abstand dar“, sagt Rogge. Der Erziehungsberater geht sogar noch weiter. Für ihn vermitteln Großeltern vor allem Geschichtlichkeit und Wurzeln, ohne die der Familienbaum nicht wachsen kann.

Während Eltern in der Regel stark in die Alltagsabläufe eingebunden sind, bringen Großeltern in ihre Beziehung zu den Kindern mehr Zeit und Muße ein. Sie kommen so dazu, Gespräche mit den Enkeln zu führen, von denen die Eltern träumen. Außerdem seien Oma und Opa oft großzügiger und entspannter. 

Großeltern dürfen ihre eigene Erziehung zum Kind haben

„Und vielleicht ist es genau diese andere Beziehung, die für Kinder so wertvoll ist. Und manchmal sind Großeltern auch Anarchisten genug, mit ihren Enkelkindern kleine Geheimverträge abzuschließen“, so Rogge, der damit auch an das Glas Cola denkt, das Eis zu viel und vielleicht auch die unausgesprochene Vereinbarung: „Das erzählen wir deinen Eltern besser nicht.“

Und wenn die davon nicht begeistert sind? Müssten sie auch nicht, so Rogge. Aber sie könnten sich daran erinnern, dass sie ihr Kind gerade Menschen anvertraut haben, die eine ganz eigene Beziehung zu diesem Kind haben. „Und die braucht ihren ganz eigenen Raum“, so Rogge.

ZUR PERSON: Jan-Uwe Rogge, 1947 geboren, ist seit fast 50 Jahren als Familien- und Kommunikationsberater tätig und hat mehrere Sachbücher zu Erziehungsthemen geschrieben.